Ausgabe 
25.8.1896
 
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iahr, fiel ihrer alten masurischen Magd zu, ebenso ihr kleiner, allmälig wieder aufgespartes neues Baarvermögen und der größte Lhell ihrer Möbel; die übrigen waren sehr methodisch auf Martha und Helene vertheilt. Erstere erhielt, was nütz­lich war, und Letztere, was lediglich nach etwas aussah. Dem Doctor vermachte Tante Doris zwei Säcke mit ge­trockneten Pflaumen, sowie ein Fläschchen Medicin, welches sie damals nach seinem Recept hätte machen lassen, aber nie benutzt hatte; dem Regierungsrath einen alten, schön mit Silber ciselirtm Galanteriedegen, und so noch vielen Bekannten und Verwandten irgend eine behaglich ausgewählte Kleinigkeit. Auch für mich fiel etwas dabei ab: ei« alte», in Schweins- leder gebundene« Erbauungsbuch mit biblischen Losungen für alle Jahrestage und Lebenslagen, und zwar, wie es in dem Testament hieß, »weil diese» Buch auch heut zu Tage noch, sonderlich für einen Schriftsteller, oft gut und nützlich zu lesen ist/

Ich habe diese Begründung nachmal» mehr und mehr al» sehr zutreffend erkannt und halte das alt« Buch nicht blos in Ehren, sondern auch im Gebrauch. Viele Sprüche sind darin von Tante Dori» Hand mit Bleistift angestrichen, und es sind nicht die schlechtesten. Einen aber hat sie sogar mit Blaustift dreifach umrahmt, auch noch auf dem inneren Titelblatt in großen, etwa» zittrigen Schriftzügen äusdrück- lich auf ihn verwiesen. Es scheint, daß dieser Spruch ihr besonders viel Freude machte. Er steht in den Sprüchen Salomonis, Capitel 20, Vers 21, und lautet:

Das Erbe, darnach man zuerst sehr eilet, wird zuletzt nicht gesegnet sein/

Die ßhocotade.

Culturhistorische Skizze von Martin Beck.

------- (Nachdruck verboten.)

Al» die Spanier 1519 in Mexiko einzogen, fanden fie in diesem merkwürdigen alten Kulturstaate u. a. eine sonder­bare Scheidemünze im allgemeinen Gebrauch, die au» den mandelförmigen Samenkernen eines Baumes bestand. Sie dienten neben Ztnnstücken und Federkielen voll Goldstaub zur Vermittelung des Kleinhandels. Tausend Stück davon galten nach deutschem Gelbe ungefähr 2,75 Mark. In Costa- rica, Nicaragua und San Salvador werden sie noch heute statt der Kupfermünzen verwendet.

Man zeigte den Spaniem den Baum, von dem diese braunm Kerne oder Bohnen herrührten. Er war erst au» seiner Heimath, der tropischen Gegend des nördlichen Süd­amerika, wo er wild wächst, hierher nach Mexiko und nach den Antillen verpflanzt worden, aber schon seit sehr alter Zeit. Zehn bi» fünfzehn Meter hoch, dreißig Centimeter dick, zeichnet er sich besonders durch die in den Blattwinkeln stehenden Früchte aus. Diese ähneln zehnkantigen rothgelben Citronm mit langer Spitze. Bricht man sie auf, erblickt man in einem säuerlich schmeckenden Brei die eng aneinander liegenden Reihm der Samenkerne, die Spitzen sich zukehrend, da» breite Ende an den inneren Schalenkanten liegend. 25 bis 40, oft auch öber 60 solcher Kerne stecken in einer Frucht beisammen. Diese wild wachsenden Bäume lieferten nur eine Ernte vom Februar bi» zum Mai. Bei den veredelten Bäumen aber reiften die Früchte zweimal im Jahre. Diese zweite Emte trat im August oder September ein. Die geernteten Früchte, die man in Mexiko wie auch den Baum und die Samenkeme Choco anderwärts Cacavi oder Caeao nannte, ließ man fünf Tage lang in großen hölzernen Gefäßen in Gährung über­gehen. Dann trocknete man fie an der Sonne oder über dem Feuer. Man grub fie auch in die Erde ein und ließ sie so lange darin, bis sich der breiartige Theil durch Fäul- niß abgesondert hatte. Bet dieser zweiten Behandlung erhielt martzden besten, den sogenannten gerotteten Cacao.

Nicht nur als kleine Münze, sondern auch zu einem Ge­tränk benutzten die Mexikaner diese Samenkerne schon seit den ältesten Zeiten. Die gerösteten Kerne oder Bohnen, wie man sie späterhin, analag denKaffeebohnen", fälschlich be-

^ichnete, wurden zu einem rothbraunen Pulver zerstoßen, da» man zum Bedarf aufbewahrte. Mit Wasser aufgebrüht, ge­brauchte man es bann. Nur selten versüßte man den Trank mit Honig oder setzte ihm Gewürze zu. Da» ärmere Volk nur pflegte ihm sehr viel Maismehl beizumischen und ihn reichlich mit Pfeffer zu würzen. Manchmal that man auch noch die ohrenförmigen Blätter einer amerikanischen Blume hinzu, die deswegen von den Spaniern Flor de la Orea oder flor auriculae, Ohrenblume, genannt wurde.

Der Trank blldete bei den Mexikanern da» Nationalge- tränk, da» sie auch mit dem säuerlichen Brei der Cacaofrüchte al« Arznei gegen die rothe Ruhr eingaben.. Und da« Del, dar sie darau« preßten, benutzten sie wie eine Art Schminke.

Da» Getränk nannten die Mexikaner Chocolatl, die Be­wohner der Antillen Cacavate und die Europäer in ihren ersten Beschreibungen davon Chocolatum, Chuculate, Cholath, Jocolada, Succolata und Socolade. Sie leiteten den Namen von Ehoco, Schall oder Laut, und Sitte, Wasser, her. Sie meinten vom Geräusche des Quirls, mit dem man da» Ge­tränk umrühre, neune man es: laute» Wasser. Der Name ist aber au« der altmexikanischen Bezeichnung des Baumes, choco, und lati, Wasser zusammengesetzt. Er bedeutet also Chocowaffer oder Cacaowasser.

Die Spanier sahen auch, wie die Mexikaner an hohen Festtagen und bei Gastmählern die Chocolade oder, wie man von Rechtswegen schreiben müßte, Cboeolate kalt tranken. Sie schütteten dabei Cacaopfllver in frisches Wasser, rührten es tüchtig um und thaten den Schaum bei Seite. Dann ver­mischten fie da» Wasser mit einer Art Zucker, stürzten es von oben über den Schaum und tranken es so. Dieser Trank sollte so stark abkühlen, daß ihn nur Wenige genießen konnten.

Zunächst befreundeten sich die Spanier gar nicht mit dem mexikanischen Nationalgetränk, weder in dieser noch in einer anderen Form. 1520 schickten sie von Mexiko aus fertige, harte Chocolade in dicken Zapfen und in Schachteln wie das Quittenbrod nach Spanien. Dort nahm man sich de« fremd- artigen Genußmittels mit Begeisterung an, ließ Cacao au» Mexiko nachkommen und errichtete Chocoladefabriken. Die Zubereitung der Cacaobohnen wurde hier immer mehr vervollkommnet, weil der allgemein gewordene Gebrauch des indischen Rohrzuckers der Herstellung von Chocolade sehr för­derlich war und man in der günstigenMtschung der Gewürze rasche Fortschrttttte machte.

Nach dem kleinen Tractat der Anton. Colmen. de Ledesma, eines spanischen Barbiers, opus colum de Quali- tate, et Natura Chocolatae, Norimburg, 1644, wie« dar Recept sür gute spanische Chocolade folgende Zusammenstellung auf: 100 Caeaokerne, P/a Pfund Zucker, 14 Gran Tavasken- pfeffer, ein Loth Gewürznelken, 3 Stengel Vanille, 3 Quent Ani« und eine Hand voll Drlean zum Färben.

In Spanien und Portugal war die Chocolade bald eben so beliebt wie in Mexiko. Man sagte damal«, daß die Spanier so sehr daran hingen, daß sie lieber Kleider und anderer missen, als daß sie nicht täglich mindesten« 23 mal Chocolade tränken. Bei ihnen und den Mexikanern und in allen amerikanischen Kreolenstaaten ist sie auch bis heute das Natioualgeträuk geblieben, wührend sie in Deutschland, Oester­reich, England, Belgien und selbst in Frankreich und Italien nur ein Luxusgetränk bildet.

In Italien führte ein Florentiner Antonio Carletti, der sie in Westindien kennen gelernt hatte, 1606 die Chocolade- fabrikation ein. Hier mischte man aber schärferes Gewürz unter das Cacaopulver und röstete die Chocolade stärker. Die italienische Chocolade unterscheidet sich daher noch heute von der braunrothen spanischen durch ihre schwarzbraune Farbe und ihren bitteren, gewürzhaften Geschmack. Infolge der schwächeren Röstung ist in der spanischen auch mehr Stärkemehl und Cocaobutter unverändert zurückgeblieben, wodurch sie milder und angenehmer schmeckt.

Nach Frankreich kam die Chocolade von Spanien her­über. Vielleicht schon mit Anna von Oesterreich, der Ge­mahlin Ludwig XIII. Aber erst unter Ludwig XIV. ward