MerrStag -e« 25. August

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Unterhaltungsvlatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).

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Tante Doris.

Novelle von Cethegus.

(Schluß.)

Es paßt so richtig für die Beiden," meinte mein Vetter. Tante Doris war auf der Hochzeit und wußte in ihrer be- kannten Art verschiedene sinnige Parallelen zu ziehen zwischen ihremkleinen Heimathsstädtchen" und dem Flecken, in welchem der junge Ehemann sich als Landarzt niederlaffen wollte. Als Hochzeitsgeschenk verehrte sie den Beiden eine schöne Familienlampe; nebenbei aber hatte sie die bescheidene, selbst, verdiente Aussteuer Marthas um eine ganze Anzahl alt- modischer Möbelstücke vermehrt; sie besaß deren so viele, daß man den Abgang in ihrer Wohnung kaum bemerkte.

Ich war als Brautführer herübergekommen aus einer Nachbarstadt, wo ich fett einem Vierteljahr wohnte; und es vergingen nun drei Jahre, ohne daß ich Gelegenheit fand, im Haufe meines Vetters wieder vorzusprechen. Dagegen war ich während dieser Zeit verschiedene Male bei dem jungen Doctorrpaare zu Besuch, und jedesmal verließ ich ihr Haus mit herzlichster Erquickung. Das blonde Puffelchen Martha hatte sich zu einer prächtigen Frau entwickelt, welche die ihr gebührende Herrschaft im Hauswesen tadellos ver­waltete und daneben doch reichlich Zeit fand, dem viel­beschäftigten Gatten auch in geistiger Hinsicht der nächste und beste Kamerad zu bleiben. Ihr Dienstvolk, bestehend au» einer von ihr selbst geschulten ländlichen Magd, ver­götterte sie, die Kranken und Elenden rühmten ihre milde und im Nothfalle auch zur ärztlichen Assistenz sichere und geschickte Hand, und der Gatte war unter ihrer Pflege auf­geblüht wie ein Baum, gepflanzt an den Wafferbächen; die größte Freude aber fanden Beide wie billig in dem Ge­deihen ihrer Kinder, eines köstlichen Zwilllngspärchens, welches wesentlich dazu beitrug, meine junggesellenhafte Angst vor dem näheren Verkehr mit kleinen Kindern zu entkräften. Merkwürdiges Spielzeug hatten sie, diese beide Pummelchen Paul und Dori»! Handfeste Sachen aus der Zeit, als man noch im Spielzeug nicht die Erschöpfung, sondern die An- regung der kindlichen Phantasie erstrebte- Ich ahnte, woher

diese Dinge stammten, noch ehe mir der kleine Paul versichert hatte, daß diedute Tante Dojis" sie gestiftet habe.

Gelegentlich sprach ich auf der Heimkehr von einem dieser Erholungsbesuche auch einmal bei Helene und ihrem Manne vor. Sie waren mittlerwelle Regierungraths ge­worden und wohnten in der Provinzialhauptstadt, recht nobel und standesgemäß, wenn auch für meinen Geschmack nicht besonders gemüthlich. Auch ein Töchterchen hatten sie, welches ich aber nur flüchtig zu sehen bekam, da es just von der Bonne spazieren geführt werden sollte. Die silberne Vase sah ich hier wieder, sie stand auf einem Tisch im Salon und diente jetzt einem höchst stylvollen Makartstrauß als Be­hälter. Als ich mich verabschieden wollte, traf ein Tele­gramm von Helenens Vater ein, welches die Beiden in große Aufregung versetzte: Tante Doris war plötzlich schwer erkrankt. Sie beschloffen noch selben Tages hinüberzureisen und auch da» Töchterchen mitzunehmen.Dann vergiß aber auch nicht, daß sie die letzte Puppe mitnimmt, die ihr Tante Doris geschickt hat," meinte der umsichtige Gatte.Ja, wo ist die nun aber?" fragte Helene und klingelte.Hanna," wandte sie sich zu dem eintretenden Mädchen,wo ist Sofies Puppe, die rothe, wissen Sie, vom vorigen Weihnachten, die von der Tante?"Ach Gott, gnädige Frau," meinte das Mädchen,die haben wir ja gleich den Portierskindern unten geschenkt."

Ich empfahl mich und bat nur noch, der Kranken meins herzlichsten Wünsche zu übermitteln. Aber diese Wünsche haben Tante Doris nicht mehr erreicht. Als Regierungs­raths anlangten, war sie bereits tobt.

Dies erfuhr ich aus einem Briefe de» Doctor«, dessen Frau ebenfalls zu dem Sterbelager geeilt war. Auch sie war zu spät gekommen und konnte mir keine Grüße von Tante Doris mehr ausrichten. Dagegen erfuhr ich aus dem Briefe Näheres über das Testament der Entschlafenen.

Die Eröffnung dieses wichtigen Actenstücks, welche am Tage nach der feierlichen Beerdigung stattfand, muß ein aufregendes Lreigniß gewesen sein. Denn vor Allem ging au» dem Testament hervor, daß Tante Doris bereits vor vielen Jahren gleich nach dem Tode ihres Mannes, ihr ganzes Äaarvermögen zum Ankauf einer steigenden Leibrente verwandt hatte. Die letzte Rente, zahlbar für das Sterbe-