344 —
keine eigentliche Krankheit; sie besteht, ohne daß man im Gehirn oder in den Nerven eine Entzündung oder sonstige anatomische Veränderung nachweisen kann, wie es bei den echten Nervenkrankheiten der Fall ist. Dennoch ist die Unterscheidung oft ganz außerordentlich schwer, manche Fälle von nervöfem Zittern sind z. B. leicht mit dem Zittern beim Beginn von Gehirnlähmungen zu verwechseln, manchs Klagen über gestörte Verdauung find den Erscheinungen bei Magen- und Darmkrankheiten so ähnlich, daß nur die sorgfältigste Untersuchung eines erfahrenen Arztes hier die Grenzen ziehen kann. Auch sich allmählig und anfangs oft unmerkttch ent- wickelnde konstitutionelle Krankheiten mit chronischem Verlauf, wie z. B. die Zuckerkrankheit, sind schon eine Zeitlang mit N. verwechselt worden. Allmählich hat sich in der Lehre der Nervenkrankheiten der Name Neurasthenie eingebürgert für einen Symptomencomplcx, welcher bei aller Mannigfaltigkeit im einzelnen bei scheinbar schwerem Leiden innerer Organe doch dadurch ausgezeichnet ist, daß diese Leiden nicht auf wirklichen anatomisch nachweisbaren Veränderungen beruhen, son- dern auf Ernährungsstörungen des Nervensystems, woraus dann als wichtigste Schlußfolgerung heroorgeht, daß alle jene verschiedenartigen Klagen lediglich durch eine geeignete Behandlung der N- verschwinden können. Diese Neurasthenie im enger» Sinne ist vorwiegend beim männlichen Geschlecht zu beobachten, obwohl auch Frauen, welche den gleichen Schädlichkeiten ausgesetzt sind, davon befallen werden; im allgemeinen leiden dagegen Frauen mehr an jenem gleichfalls auf N- zu beziehenden Complex von Erscheinungen, welche die Neuropathologie als Hysterie zu bezeichnen pflegt. Die Ursache der Neurasthenie ist außer der erwähnten Ueberanstrengung ausschweifender Lebenswandel, zuweilen schließt sich der Prozeß an schwere Krankheiten, namentlich Unterleibstyphus, an, zuweilen führen gewaltsame Kuren, welche zur schnellen Entfettung eingeschlagen werden, jenen Schwächezustand herbei, zuweilen forcirte Schwitz-, Trink-, Hunger- oder Kaltwafler- kuren, welche zu den modernen „Heilmitteln" gehören und welche sehr zum Schaden der Patienten oft ohne ärztliche Vorschrift und Ueberwachung auf eigne Hand unternommen und durchgeführt werden. Vorzugsweise betroffen werden die geistig arbeitenden Klaffen und naturgemäß in höherem Maße in dem lebhaften Treiben der großen Städte als auf dem Land; Beamte, Offiziere, Aerzte, Gelehrte und Künstler stellen das größte Kontingent. Bei der verwirrenden Man- nigfaltigkeit der Symptome fei hier an einem Beispiel dar- gethan, wie bei einem ehrgeizigen Mann die N. aus Ueberanstrengung sich zu entwickeln pflegt: Im besten Mannesalter stehend, bisher gesund und kräftig, hat er 10 Stunden und darüber angestrengt arbeiten können, ohne an Frische dabei einzubüßen. Unter dem Einfluß einer Gemüthsaufregung fühlt er sich plötzlich bei der Arbeit unruhig und zerstreut, zeitweise schwinden die Gedanken, indeffen rafft er sie zusammen und arbeitet weiter, bis er wiederum von Aufregung und Angstgefühl befallen wird. Anfangs wird der Schwäche- zustand gewaltsam überwunden, allmählich versagen die Kräfte, es tritt Unfähigkeit zur Arbeit ein, die Zeit wird mit Grü- beln über den krankhaften Zustand ausgefüllt, es stellt sich ein Gefühl von Druck im Kopf ein, welche» den Kränkelnden zwingt, sich in den stillsten Winkel seiner Wohnung zurückzuziehen. Dabei wird er leicht erregbar, schreckhaft über jedes Geräusch (nervöse Hyperakusie), der Schlaf ist unruhig, gleicht mehr einem unerquicklichen Halbschlummer. Am Morgen erwacht er wieder, es gelingt ihm nicht, Zeitung oder Bücher zu lesen (nervöse Asthenopie), er leidet an nervösem Herzklopfen, fühlt sich beängstigt, die Brust zusammengeschnürt. Der Appetit fehlt, die Zunge wird belegt, gegen Speisen stellt sich Widerwillen ein, nach dem Effen folgt Uebelkeit und Ausstößen, Magenschmerzen (nervöse Kardialgie) und Stuhl- verstopfung (spastische Obstipation). Die Gemüthsverstlm- mung känn sich zur Hypochondrie und zu voller Schwermuth steigern. Alle diese Symptome hängen vom Gehirn ab
(cerebrale Neurasthenie). Das Herzklopfen, Blutwallungen und rasch folgende Bläffe, übertriebene oder fehlende Schweiß- und Speichelsekretion deuten auf Störungen im sympathifchen Nervengeflecht hin. Daran schließt sich zuweilen als drittes Glied eine Reihe von krankhaften Störungen des Rückenmark» (spinale Neurasthenie), schnelles Ermüden von Arm und Beinen, Z ttern der Hände beim Ausstrecken mit gespreizten Fingern (tremor), krampfartige Muskelzuckungen und ein Gefühl von unaufhörlichen oder zeitweise ausfetzenden flatternden Bewegungen. Störungen der Empfindung äußern sich in Taubsein, Eingeschlafensein oder Ameisenlaufen, besonders in den Füßen, Schmerzen in der Wirbelsäule, welche im Verlauf der Nerven auf die Extremitäten ausstrahlen. Zuweilen ist die sexuelle Erregbarkeit gesteigert (Satyriasis), zuweilen erloschen (Azoospermie), namentlich bei bestehenden chronischen Krankheiten dieser Sphäre. Die Behandlung erfordert die größte Umsicht eines Nervenarztes, welche sich in jedem Fall zunächst auf die Beseitigung etwa vorhandener Organleiden, alsdann aber auf die N. als solche richten muß. Vor allem bedarf es eines tröstenden, den Kranken ermuthi- genden Zuspruchs. Es muß für einen geeigneten Aufenthalt in reiner Wald-, Gebirgs- oder Seeluft gesorgt werden; unter Umständen find Bäder, Kaltwasserkuren, Massage mit electrischer Reizung der Nerven, nervenstärkende Mittel, Bromkalium, Chinin, Eisen am Platz. Die Ernährung muß geregelt werden, und unter allen Umständen muß für die Zukunft den Schädlichkeiten, welche die N. hervorgebracht haben, vorgebeugt werden. Die Heilung ist gewöhnlich langsam, aber bei rationeller Behandlung und gutem Willen der Kranken ost von vollkommenem Erfolg, fl
Humoristisches.
Ein Haupthinderntß. Richter (beim letzten Versöhnungsversuche): „Nachdem Ihr Mann sein Unrecht einsteht und Ihnen gern wieder die Hand bietet, was für einen Grund haben Sie da noch, auf der Scheidung zu beharren?" - „Ach, ich kann jetzt nicht mehr zurück, Herr Richter — ich habe schon all' meine Sachen so schön gepackt I"
Gut aufgefaßt. Hauswirth (zum elnziehenden Stu- denten): „Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß die Miethe pränumerando bezahlt wird?" — Student: „Selbstverständlich! Die bin ich Ihnen bereits schuldig!"
Verschnappt. „Mein theurer Alfred, wir müffen den Hochzeitstag verschieben!" — „Da muß ich aber erst meine — Gläubiger fragen!"
Unverzagt. Papa: „DiermalDast Du ein schlechter Zeugniß. Ich hoffe, daß das nächstes besser sein wird!" — Söhnchen: „So ist's recht, Papa, nurZden Muth nicht sinken lassen!"
•
Gaunerstolz. Richter: „Angeklagter, haben Sie etwas zu Ihrer Vertheidigung zu sagen?" — Einbrecher: „Ja, i' bitt' um mildernde Nmständ' . . . schau'n S' nur g'rad die saubere Arbeit bei dem Einbruch!"
Zweideutig. Richter* „Angeklagter, der Zeuge behauptet, Sie hätten zu ihm gesagt, er sähe aus wie ein Affe.' — Angeklagter: „Ich kann mich wirklich nicht besinnen, Herr Richter, aber ich muß gestehen, Recht kann der Mann schon haben!" * «
*
Auf Commando. Pfarrer: „Herr Hauptmann, die Leute werden doch bei der Leichenparade die nöthige Rührung zur Schau tragen?" — Hauptmann: „Gewiß, ich werde im geeigneten Moment „Rührt Euch" commandiren I"
„Und einen Aus: Sieh' zu, i Apropos, mir neulifl bad reisen bad wie in eine Geleg nicht etwa hübsch, abe rathe ich 5 ja auf mids unangenehn von Jckstäd Junge! W wäre, dam brauchen; (
Das i Rheinsberg Herabhänger
Der ju seinen Kam wirklich ein blondem ©d stand. Daz gefälliger Kc erfreute. U verlassen, di seines Vater gekommen, den ihn alle die Verhüllt ging, sich zu
Allerdir
Redactton: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm UniverstMS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Sch eh da) in Gießen.


