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sprechen nicht, obgleich alle von ihm gestellten Bedingungen erfüllt waren? Aus welchem Grunde zögerte er noch?
Die junge Frau hatte sich scheu und einsam in ihr Zimmer zurückgezogen, wo sie sich ganz der bitteren Ent« täuschung htngab, ihren armen Kopf zermarterte und sich ein« redete, daß alle die schönen Versprechungen Rayskis nur Lockspeisen und Zwangsmittel waren, um sich für die List und Verstellung ihres Vaters zu rächen.
Schon hatte sie drei Wochen in ihrer furchtbaren Vereinsamung zugebracht, drei Wochen unerhörten, unbeschreiblichen Leides, das ihr, dem verwöhnten, umschmeichelten Kinde, besonders wehe that.
Ach, über diese boshaft neugierigen Blicke, die sie auf sich gerichtet fühlte! iWie sich dis Nachbarn beeilt hatten, ihr mit hämischen Worten ihr Mitleid zu versichern und wie sie sie mit besonderer Betonung „Fräulein Sofronya", nicht wie es ihr Recht war, „Frau Rayski" und „Frau Vincentowa" nannten!
Am offenen Fenster lehnend, starrte Sofronya neidisch nach der Bank, wo sie die beiden Liebenden vermuthete, und überließ sich schluchzend und halb erstickt von Thränen ihrem maßlosen Schmerz.
Dabei überhörte sie bas Rollen eines leichten Wagens auf dem steinigen Wegs, bemerkte nicht, wie die Umzäunung de» Gartens krachte und trockene Zweige und Blätter unter näherkommenden Schritten raschelten.
Aber als sie aufsah, erhob sich ein riesenhafter Schatten vor ihr. E!» starker Arm umfaßte ihre Taille, zog sie an sich und ehe sie Zeit hatte, zu rufen, fühlte sie sich fortgetragen, während eine Stimme ihr in's Ohr flüsterte: „Ich bin es, Sofronya, mein Weib, meine Geliebte!"
Die ungeheure, vorübereilende Gestalt, die »hre Beute mit der Geschwindigkeit eines Raubthieres entführte, hatte Binia aufgeschreckt.
Was war das, was ging da vor sich?
Ganz entsetzt stürzte sie nach Hause und tief ihre Eltern.
Diese kamen mit bett Gästen und Mägden auf ihr Geschrei herbei, als plötzlich durch die Stille der Nacht eine kräftige, Allen wohlbekannte Stimme ertönte: „Via, vio! Hey vista!“ (Hü, hü! Links vorwärts!)
Peitschenknall erscholl und die Räder setzten sich in Bewegung.
Da rief Hans, der seiner zitternden Frau nachgeeilt war, mit lustigem Lachen: „Merkt Ihr es nicht? Das ist ja der sonderbare Kauz, der Thierarzt, der sein Weib entführt!"
Ein tiefer Seufzer der Erleichterung entrang sich der Brust de» Popen.
„Gottseigelobt!" sagte Diotyma und schlug dreimal das Zeichen des Kreuze».
Nervenkrankheiten.
Dem Kapitel der Nervenkrankheiten widmet die neue Auflage von Meyers Conversations-Lexikon eine Reihe fachmännischer Ausführungen, welchen wir folgendes entnehmen:
Nervenschmerz (Neuralgie) im Gegensatz zu Schmerzen überhaupt, die ja alle durch Nerven vermittelt werden, eine solche Schmerzhaftigkeit, bei welcher anatomische Veränderungen oder nachweisbare Erkrankungen am Nerv nicht vorhanden sind. Am häufigsten werden vom N. die Empfindungsnerven des Gesichts, der Augenbrauen- und Stirnoder Schläfengegend befallen, nächstdem die Beinnerven, aber auch an allen übrigen Empfindungrnerven wird zuweilen N. beobachtet. Unter den Ursachen der eigentlichen Neuralgie ist Erkältung am häufigsten. Seltener entsteht N. infolge von Ueberanstrengung, noch seltener infolge von Vergiftungen durch Queckstlber, Blei, Kupfer, durch Sumpffieber, oft ist die Entstehung unbekannt. Bei den meisten Neuralgien kann man zwei Arten de» Schmerze» unterscheiden, nämlich einen anhaltenden, durch Druck vermehrten, auf umschriebene Punkte
einer Nervenbahn beschränkten, nicht sehr heftigen, aber lästigen Schmerz und einen in Anfällen auftretenden, von jmen Punkten nach dem Verlauf de» Nerv» ausstrahlenden, überaus quälenden und fast unerträglichen Schmerz. Die Kranken geben gewöhnlich an, daß der Schmerz nicht an der Oberfläche, fordern in der Tiefe sitze; gewöhnlich sind mehrere Zweige eines Nervenstammes, aber nur selten alle Zweige eine» Nervs an der Affection betheiligt. Nicht selten breitet sich der N. von einem Nerv auf einen andern aus, welcher nicht denselben Ursprung hat. Manchmal werden im Verbreitungsbezirk des von dem N. heimgesuchten Nerv» Unregelmäßigkeiten der Blutvertheilung sowie der Sekretion und der Ernährung beobachtet, o&ne daß es bekannt wäre, wie die krankhafte Erregung der sensiblen Nerven sich auf die Gefäß- nerven Überträgt. Im Beginn neuralgischer Anfälle bemerkt man bisweilen, daß die Haut bleich wird, noch häufiger auf der Höhe der Anfälle, daß sie sich röchet, daß die Absonderung der Nasrnschleimhaut, die Thränen- und Speichelsekretion vermehrt wird. Bei manchen Neuralgien, namentlich denjenigen der Zwischenrippenneroen, entwickeln sich im Verbreitungsbezirk der kranken Nerven eigenthümltchs Ausschläge (Herbes zoster.) Der Verlauf der Neuralgien ist bis auf diejenigen Formen, welche unter dem Einfluß der Malaria entstehen, ein chronischer. Dabei ist er fast niemals gleichmäßig, sondern es wechseln Verschlimmerungen und Nachlässe der Krankheit ab. Zu Zeiten wiederholen sich die Schmerz« ansälle häufiger und erreichen eine bedeutendere Höhe, zu anderen Zeiten kehren sie seltener wieder und sind weniger heftig. Bei den durch Malaria bedingten Neuralgien (larvierte Wechselfieber) kehren die Schmerzansälle zur regelmäßigen Stunde wieder. Die Dauer des Schmerzes kann sich auf Jahre erstrecken, doch wird eine birecte Gefahr für das Leben durch den N. allein nicht gegeben; nut kann dauernde Schlaflosigkeit, durch den N. hervorgebracht, zur Entkräftung führen. Die Behandlung ist ableitend durch Blasenpflaster, Beratrin- salbe, Schröpfköpfe rc. ober allgemein bei rheumatischem N., wo römische Bäber, Schwitzkuren, Knetkuren empfehlenswerth sinb; bei Malaria hilft Chinin, gegen bie Schmerzen nach Vergiftungen Opium, später Schwefelbäder. Zur Betäubung wirkt vorzüglich bas Morphium- Zur dauernden Heilung wendet man neuerlich die Nervendehnung an. Schmerzen, welche durch erkennbare Krankheiten des Nervs oder Geschwülste und fremde Körper ober Druck innerhalb enger Knochenkanäle hervorgerufen werden, sind dem N sehr ähnlich, sie erfordern örtliche Behandlung, besonders Entfernung bet ben Druck ausübenden Geschwulst ober bergt, durch Operation.
Nervenschwäche (lat. Nervosität, gtiech. Neurasthenie), eine in unserm Jahrhundert immer häufiger werdende Störung des gesammten Nervensystems, d. h. des Gehirns, des Rückenmarks, des peripherischen und sympathischen Nervensystems. In diesem weitesten Sinne gefaßt, sind es die „Nerven", welche bei den erhöhten Ansprüchen an dis geistige und körperliche Leistungsfähigkeit der vornehmen Gesellschaftsklassen angegriffen werden und namentlich zartere Frauen nötihigen, nach den Strapatzen einer gesellig bewegten Wmter- saison für ihre Reizbarkeit, Schwindelanfälle, Kopfschmerzen, reißenden Schmerzen in Armen ober Gesicht, Herzklopfen, Abgeschlagenheit und Unfähigkeit zu körperlichen Anstrengungen einen Arzt zu befragen ober auf eigne Verordnung an einem ruhigen Ort im Walde oder an bet See Erholung zu suchen. Aehnlich ergeht es auch ben jungen Lebemännern, welche zu viel geschwelgt unb zu wenig geschlafen haben; ähnlich aber auch zahllosen Männern, benen eine schwere Berufspflicht, eine angespannte Geistesarbeit, ein rastloser Kampf ums Dasein mehr zugemuthet hat, als Körper unb Geist auf bie Dauer ohne Schaben ertragen können. Ganz irrig ist aber bie vielbereitete Annahme, daß die N. nur ein Leiden der begüterten unb gebtlbeten Klassen fei, benn Noth und Sorgen, Entbehrung der nothwendigen Nahrung bei harter körperlicher Arbeit, Uebetteizung durch Alkohol und Tabak, Kummet und Niebergeschlagenheit führen zu der gleichen Anomalie des Nervensystems. Die N. ist eine Funktionsstörung,


