Ausgabe 
25.6.1896
 
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Here den Kopf, . . . ach, ich bin so att! . . . Schwarzwurz- blüthen, das ist ja für gebrochene Knochen und er hat keinen Knochen gebrochen, nicht wahr? . . - Nein, es sind Brand­wunden. . - . Mein Gott, mein Gott ... und ich habe doch so vielen Menschen geholfen: dem Payel, dem Dimitri . . . und dem Manne aus Dolina, der die Krämpfe hatte und dem ich am Vorabend des heiligen Woytekfestes dar Herz eines lebendig verbrannten Maulwurfs eingegeben habe ... und dann dem tauben Küster, der jetzt das Gras wachsen hört, nur weil ich ihm ein bischen Fischfett in's Ohr legte."

Es heißt, geriebene Kartoffeln wären gut," sagte die Jakubowa in fieberhafter Aufregung und schickte ihren Knaben in den Keller.Eile Dich, Janek, und hilf sie mir dann wafchen und schälen."

Ach was," rief die Alte,das find alles Dummheiten. Wartet ja, jetzt hab' »ch's .... komm', Kleiner, lauf' schnell an den Fluß. Da wirst Du am Ufer große, grüne Blätter finden, Blätter vom Kolbenrohr; paß aber gut auf, daß es Niemand steht, wenn Du ste pflückst, mach' dreimal das Zeichen des Kreuzes darüber und bringe davon, so viel Du tragen kannst." m ,

Nein, nein, Mutter, laß uns zuerst Kartoffeln reiben, dann kann dar Kind an den Fluß gehen."

Während dieses Hin- und Herredens hatte der Verwun­dete schwach die Augen ein wenig geöffnet und Schmerzens- töne ausgestoßen. Jetzt umgaben ihn die bestürzten Frauen, redeten ihm zu und suchten in einer alten Truhe nach Lein­wand, die nicht allzu hart und rauh wäre.

Ach, Blätter, Blätter vom Kolbenrohr," jammerte die Alte,ste wollen ihm nicht helfen, wirklich nicht!"

Uuterdeffen war eine Nachbarin gekommen und fing an, der jungen Frau beizustehen. _

Geh' jetzt zum Fluß, mein kleiner Janek, Gott geleite Dich! Wirst Du auch die Blätter finden?"

Als das Kind hinaus war, wurde die Alte plötzlich ruhiger; ste kauerte sich ganz dicht neben dem Lager ihres Sohnes nieder und begann leise mit ihm zu sprechen wie mit einem Kinde.

Jakubek, mein einziger Junge, mein Goldfisch, Deine alte Mutter wird Dich wieder gesund machen. Sie will nicht, daß Du stirbst, daß Du fie verläßt! Sieh' nur, wie aus- getrocknet sie ist, sie hat nur Haut und Knochen, keinen Tropfen Blut mehr.....Du willst doch nicht fort, nicht

wahr? Mein Kind, mein Kind! Stirbt denn ein Sohn eher als seine Mutter? Das ist gegen die Natur und es bricht einem das Herz . . ."

Aber der Unglückliche hörte sie nicht, sondern wand sich in den fürchterlichsten Schmerzen.

Andere Nachbarinnen kamen und vereinten ihre Klagen mit dem Gejammer der beiden Frauen und dem Stöhnen des Kranken. Der Verband war, so gut es ging, angelegt; aber die Leinwand war grob und nicht hinreichend und die Verwundung sehr schwer. Eine der Frauen zerriß ihre Schürze, während die Jakubowa ihr Kopftuch hergab.

Langsam senkte sich der Abend herab, der Alles wie mit einem feinen Linnenschleler bedeckte, und allmälig fingen große Regentropfen an, gegen die kleinen Fenster zu schlagen; denn das schon lange drohende Gewitter brach in der Ferne los.

Die erschreckten Frauen schloffen alle Ausgänge und zündeten in einem Winkel eine Grubenlampe an.

Endlich ging die Thür auf und der Knabe trat, von Regen triefend, ein; aber er war nicht allein. Ein kleiner, hagerer Mann von sanftem Aussehen, mit ergrauendem Bart, in der Kleidung eines Försters begleitete ihn.

Ich habe die Blätter nicht finden können," stammelte der Kleine,da habe ich Herrn Thaddäus geholt."

Das war recht," rief die junge Frau und hob die Augen mit angstvoller Bitte zu dem Forstmanne auf.Ach, retten Sie ihn, retten Sie ihn, mein Herr!"

Der Neuangekommene näherte sich schnell dem Lager, öffnete sein Besteck, wickelte eine umfangreiche Rolle feiner weißer Leinwand auseinander und stellte eine große Flasche

mit Kalkwaffer auf den Tisch. Dann legte er mit fast weid, kicher Vorsicht einen sorgfältigen Verband an und flößte dem Unglücklichen einen Löffel voll von einem beruhigenden Tranke ein. Die Alte zuckte hierbei verächtlich mit den Schultern.

Sie werden ihn mir tödten, das ist sicher," rief ste und dumpfe Verwünschungen vor sich hinmurmelnd, nahm sie die Katze auf den Arm und setzte sich auf den Ofen, wo sie zwischen den Zähnen brummte:Es war kein Kolbenrohr zu finden; er soll also nicht wieder gesund werden! Niemand wird ihm helfen, der Oberförster so wenig wie ein Anderer!; er ist ja auch nicht der liebe Gott. Das Käuzchen hat diese Nacht ununterbrochen geschrieen und gestern, als mein Junge fortging nach dem Brunnen, ist ihm ein Hase über den Weg gelaufen; ich habe ihn selbst springen sehen, mit weißen Füßen und langen Ohren."

Still doch, Mutter, Ihr werdet ihm schaden."

Und zum zweiten Male goß der Oberförster dem Sterben­den den schmerzstillenden Trank ein.

Der Unglückliche hob die Augenlider, sah starr vor sich hin und flüsterte darauf mit kaum vernehmbarer Stimme : Die Mutter hat recht, es geht zu Ende."

Dann mit einem gläsernen Blick auf den Oberförster: Ich möchte ... noch etwas sagen ... es bezieht sich aus unsere Papiere. .... Es heißt, unsere Heirath wäre nicht giltig . . man müßte Gewißheit darüber haben ... den Wohlthäter holen lassen. . . . Fragen Sie die Frau ... sie wird Ihnen Alles sagen ... ich kann nicht mehr . .

Sein Kopf sank wieder kraftlos hinab.

Die junge Frau war leichenblaß mit glühenden Augen und gefalteten Händen niedergekniet.

Nun ja, wenn unsere Ehe ungiltig ist, so wußten wir es nicht, ganz gewiß nicht, damals, als wir sie schloffen. Nun quält er sich damit.....Und außerdem hat uns doch der

Bruder, der uns getraut hat, selbst den Ring an den Finger gesteckt."

Welcher Bruder? Seid Ihr nicht in die Kirche ge­gangen?"

Guter Herr, zu jener Zeit wohnten wir in den Bergen; die Kirche war weit und wir hatten so wenig Geld; denn dazu braucht man viel, zuerst für den Priester, dann für den Branntwein, die Musik, ohne den Wagen zu rechnen, den wir doch hätten nehmen müflen. Und als eines Tages ein junger Bettelmönch auf einer Britschka durch den Wald kam, sagte Jakubek:Der kommt uns gerade recht." Darauf spannten er und seine Kameraden dem Frater die Pferde aus und forderten ihn auf, eine Trauung zu vollziehen. Er weigerte sich, weil er die Weihen noch nicht empfangen hätte; aber wir erklärten ihm, es genügte uns vollständig, daß er ein Geistlicher wäre Als er sah, daß wir fest entschloffen waren, ihn nicht sortzulaffen, rief er hastig und unmuthig die Ver­lobten heran. Ich hatte meine gestickte Jacke und meine Korallen angelegt, Jakubek seinen besten Serdak. . . . Wir warfen uns Beide auf die Kniee und er sprach die Worte der Eheschließung. Nur wollte er nachher die zwei Silber­gulden, die wir ihm anboten, durchaus nicht nehmen."

Ja, ja," kreischte die Alte, die noch immer auf ihrem Ofen hockte,das hat Euch Unglück gebracht. Ich habe es immer gesagt, eine Heirath, die nicht bezahlt ist, taugt nichts."

Später," fuhr die Jakubowa mit gesenkten Augen fort, als wir hierherzogen und die Leute hörten, daß wir keine Papiere hätten, haben sie wohl gesagt, wir wären nicht richtig verheirathet; aber ich versichere Ihnen, lieber Herr," fügte sie schluchzend hinzu,wir glaubten nicht etwas Böses zu thun und Gott hat unsere Ehe auch sichtbar gesegnet, denn er gab uns ein braves Kind .... und bis heute waren wir so glücklich."

Thränen erstickten ihre Stimme. Sie nahm sanft die Hände des Mannes zwischen die ihrigen.

Sag', Jakubek, nicht wahr, ich habe Dir niemals wehe gethan?"

Er sah sie wie abwesend an und murmelte:Niemals, niemals! Sie war mir eine gute, brave Frau."