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zgg und liebte, was ihn in das roilbe Genußleben getrieben hatte. Wie einen Sohn! Jr, deshalb gerade wuchs das Mißtrauen, deshalb fing man an, die von der Verleumdung erfundene Legende zu glauben.
Ec erinnerte fich noch deutlich des Tages, da auch in feine ganze Seele zum ersten Mal der Schatten dieser Verleumdung gefallen war. Es war am Beisetzungstage des Vaters, dessen Leiche vom Schlachtfelde von Königgrätz nach Gattersberg gebracht worden war, um dort in der Familiengruft beigeietzt zu werden.
Die Ceremonie war vorüber, die meisten der Leidtragenden harten Gattersberg bereits verlassen. Nur der zmette Bruder seines Vaters, der Prästdent von Wenzelen, weilte mit Frau und Sohn noch im Schlosse-
Axel war um zwei Jahre älter als er, ein wegen seines Fleißes und guten Betragens von Eltern und Erziehern gerühmter Knabe, was ihm, Wolf, der im Cadetlenco pS erzogen wurde, nicht gerade nachzusagen war. So maßte fich denn der Vetter einen gew ssen Präceptorion an, den er schon damals nicht vertragen konnte und gegen den er sich stets aufbäumte.
Die Mutter, stets leidend, hatte sich gleich nach der Beisetzung auf ihr Z mmer zurückgezogen, die Anderen befinden sich im Salon, er selbst stand mit Axel am geöffneten Fei ster des AufdahrungSzimmer» und untervielt sich nach Knadenart damit, Blätter von den dort ausgestellten Lorbeerbäumen abzupflücken und in den Schloßhof flattern zu laffen. Das verwies ihm der Vetter in gewohnter hochfahrender Art.
„Du scheinst Dir aus Deinem Vater nicht viel gemacht zu haben, Wolf, daß Du nichts Besseres in büfem Augenblick zu thun weißt, als solch' unnützes Spiel zu treiben."
„Ich meinen Vater nicht geliebt! schrie dieser nun wüthend auf. „Wie kannst Du Dch unte-stehen, mir so etwas zu sagen! Ihr standet Alle, Du, Dein Vater und Deine Mutter, ungerührt wie Stetnfiguren da, keine Thräne habt Ihr vergossen!"
„Im Weinen und Jammern zeigt sich nicht immer die Trauer. Und warum zeistö st Du die schönen Bäume hier, was haben ste Dir gethan?"
„Die Bäume sind des Onkels Eigenthum und er erlaubt es mir; ich kann hier Alles thun, was mir gefällt."
Ein böier Zufall wollte es, daß in diesem Augenblick gerade der Prästoent mit ferner Gemahlin eintraten um den Sohn zum Ausbruch abzurufen. Sie hatten Wolfs über- müthige Aeußerung gehört und nun w mbte sich der Präsident zu dem ihm folgenden Bruder mit den schneidenden Worten: „Du scheinst Dir p ein n ttes Pflänzchen da zu erziehen, Alfred. Ich rathe D r, beuge das Bäumchen, so lange es sich noch beugen läßt, sonst könntest Du noch Uebles an diesem Eprößiing der Wenzelen erleben."
„Ich bitte Dich, Otto," war des Oi kels abweisende Antwort, „menge Dich nicht in Sachen, die Dich nichts angeh n. Ich habe die Voimundschast über Wolf übernommen und werde ihn im Verein mit der Mutter erziehen, wie es uns gesällt und recht büutt."
„Freilich," klang es bitter zurück, „dieses nächste Recht wird Dir Keiner abstreiten; aber ich rathe Dir noch, D nie Liebe zu dem übermüthigen Jungen nicht qar zu öffentlich zu bocumentiten. Es wäre wirklich eine Rücksicht, die Du, meine ich, Deiner Familie schuldig bist, win i Du Dich so weit zu beherrschen suchtest, dem Auge der W.ttt eine Bevorzugung zu verbergen, die so übel gedeutet wird."
„Otto!"
Mit einem Sprunge stand der Schloßherr neben dem Bruder und schüttete heftig dessen Ann.
„Kein Wort m iter oder ich weiß nicht, was ich thne —"
Der P äfioent trat mit dunkelgeröchetem Antlitz einen Schritt zurück, angstvoll klammerte sich seine Gattin an ihn.
„Ich bitte Dich, Otto, komm' fort von hier. Ich sagte es Dir ja, es wäre am besten gewesen, wir hätten uns fern gehalten —"
„Ja," entgegnete der O.ckel, nun sich zu größerer Ruhe
zwingend, „das wäre in der Thal besser gewesen, wein Ihr Euch nicht so weit wenigstens in Gewalt haltet, um einer unglücklichen, durch das Schicksal so schon schwer gebeugten Frau mit der gebührenden Achtung und Rücksicht zu begegnen."
Die Präsidentin warf mit einer stolzen Bewegung den Kopf zurück.
„Ich bin der Wiitwe des in Leid und Verzweiflung dahingegangenen Schwagers ganz fo begegnet, wie ste es verdient —"
„Wie, Sie wagen es, zu richten? Ungehört zu ver, dämmen? Gott möge es Ihnen verzeihen, ich vermag es nicht."
„Genug, übergenug der Worte," mischte stch jcht der Prästdertt ein. „Du vergißt, Alfred, was Du der Gastireund. sevatt schuldig bist- Wundere Dich deshalb nicht, wenn wir nicht eher wieder nach G ittersberq kommen, bis die Ve-Hält- nisse hier völlig rein sind und Du wieder rufig geworden fein wirst."
2) .mit nahm er seine Frau am Arm, winkte den still und mit rusammengekmff nen L ppen dem Vorging lauschenden Ax l gn seine Seite und alle Drei verließen schweigend das Gemach und das Sch oß.
Der Onktt aber nahm den weinenden Wolf in seine Arme und küßte ihn zättlich: Ruh'g, ruhig, Kind, sie sollen weder Dir noch Deiner Mutter etwas anhaben."
Der Onkel batte Wort gehalten, Mutter und Kind vor j der Undill der Welt geschützt. In des Knaben Seele aber war ein Funke des Zwiespalts gewoifen, her nicht mehr verlöschen sollte, der seine Jugend, sein ganzes 8ew ihm verdunkelte. Traf seine Mutter eine Schuld, war ste unschaldig verleumdet roorbtn?
Die Auik ärung wurde ihm erst durch den Onkel selbst, nachdem die Mutter ihre müd n Augen für immer geschloffen hatte. Es war eine Beichte, die der Onkel dem Sohne der Frau ablegte, deren Leben durch ihn zerstört worden war, eine Beichte, die diesem einen Tyeil der Last, die auf seinem jungen He z n gelegen hatte, löste, doch aber nur einen Treck.
„Eines," so hatte der Onkel geschlossen, „halte fefl. mein Junge: Deine Heimgegangene Mutter war das liebste, da» reinste Geschöpf unter der Sonne. W nn Jemand eine Schuld trifft, fo bin ich er. Ich liebte sie, seit ich sie zum eift n Male an der Seite Deines Vaters gesehen, und da es ihm an den r ölhigen Eigenschasten gebrach, eine femempsindende Frau wie Deine Mutter glücklich zu machen und er in rücksichtsloser Selbstsucht nur seinen eigenen Ne gunren und seinem Vergnügen lebte, so geschah, was unausoteiblich war: sie fing an, meine Gefühle zu erwidern. Doch in her Stunde noch, in der wir uns das bekannten, stand es auch fest in uns, daß diese Liebe befielt werden muhte. Das Unglück wollte aber, daß Dein V ter uns in diesem Augenblick überraschte. Sein Zorn, sein Erschrecken war maßlos. Ec, der seine Frau b'Sher ganz stch selbst überlassen hatte, wurde plötzlich zu ihrem eifersüchtigsten Hüter. Die Ehe. die so lange eine gleichglltige gewesen war, gestalt tte fich nun zu einer tief unglücklichen."
„Und warum, Onkel," warf Wolf ein, „hast Du die Mutter nicht geheirathet, als sie Wiitwe geworden w r?"
„Warum, das frage die Welt! Die Welt trat zwischen uns mit ihrer Verleumdung, th er Böswillnkett Die schnödesten Dinae hlte man mir und Deiner Matter nachgesagt, selbst die Reit 'iätzigkett Deiner Geburt wurde angezweiselt. Wäre Deine Mutter eine stark.,eiftige Frau gewesen, sie hätte stch vielleicht über die Bosheit der Menschen erhoben und mir dennoch die Hand gereicht. Sie aber in ihrem allzu zarten Empfinden vermochte es nicht über sich Sre meinte, unsere eheliche Verbindung würde dem bösen L'Umund einen Schein von Wchrheit verleihen und sie glaubte es Dir, ihrem Sohne, schuldig zu fein, zu entsagen, um kttnen Schatten auf Deine Gebmt fallen zu lassen, ach, und doch Alles vergeblich! Das böfe Wort der Verleu ndung war einmal gefallen und wirkt bis heute noch nach."
„Wie, man wagt —?"


