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frönen und guten Erinnerungen meines Ssbsr.s hängen an diesem Orte. Ich möchte dort sterben."
„Nicht Reibe«, sondern gesunden," fiel ihm Doctor Balzer lebhaft in'S Wort. „Ich habe gegen Ihre Uederstedelung nichts einzuwenden, wenn sie mit Vorsicht erfolgen kann und Sie dort die röthige Pfl-gs haben."
Wolf fah den Doctor prüfend von der Seite an. , Glauben Sie, daß Schwester Ilse mich dorthin begleiten würde? Ich habe mich bereits so an ihre sanfte Hand ge- wöhnt, daß es mir schwer fallen würde, sie entbehren zu E^Dar kann ich Ihnen nicht sagen, darüber muß die junge Dame" allein entscheiden. Doch möchte ich Ihnen zu erwägen geben, Herr Baron, daß sie bis jetzt noch eine freiwillige Pflegerin —"
i „Und was thut das?"
Doctor Balzer lächelte ein wenig. „
„Schwester Ilse ist ein junges und hübsches Mädchen. „Hübsch? Daß ich nicht wüßte! Jedenfalls gehört sie nicht zu den weiblichen Wesen, die einem Manne leicht ge-
I jährlich werden können."
Das sagen Sie; die Welt denkt vielleicht ganz anders. Jeden'salls glaube ich, daß eine junge Dame, die noch nicht dem Verbände eines Diacomffenhauses angehört, schwerlich ohne Schädigung ihres Rufes HauSgenosfin des Barons Wbbs von Menzelen werden kann." .
6 Des tollen Wolf, meinen Siel Ach, bester Doctor, das ist fo "lange her. Werden Einem die Jugendsünden denn tue oeigeben^ bQtM( @ie dafür noch verantwortlich zu machen? Aber Sie kennen die Welt, b.e das Reine gern in den Staub zieht. Uebrigens möchte ich S>e durchaus nicht daran hindern, Herr Baron, Schwester Ilse selbst Ihren Wunsch vorzutragen. Sie ist ein sehr eigenartiges und groß, sinniges Mädchen, das gern seine eigenen Wege geht.^ Ich möchte Ihren Entschließungen keinensalls vorgreuen. sollte Sie aber abtebnen, was ich de mach vermuthe, so werde ich sicher in der Lrge sein, für einen entsprechenden Ersatz zu
eins der Gestalten Ihres Meblingsdichters, so eigen weltftemd, I ° ^'llntvkklich?" entgegnete sie lächelnd. „Und doch bin ich greifbar nahe bei Ihnen. Das spricht nur dajür daß auch die Gestalten Storms nicht so unwahr geschildert find, roie ^Jedenfalls sind Wesen wie Sie sehr selten, Schwester Ilse. ” SBte Sie überhaupt, so jung noch, einen so entsagungß- I vollen Beruf ergreifen konnten!" , „ .
Das ist nichts zu Besonderes, bas thun viele mit mir. Und was sollte wohl aus den Kranken werden, wenn sich Niemand ihrer Pflege unterziehen wollte? Ach uns Sie wißen gar nicht, Herr Baron, wie beglückend es ist, Schmerzen zu lindern das wiederk-hrende Leben der Genesenden zu beobachten und sich sagen zu können: Auch Du hast Deinen, wenn auch kleinen und bescheidenen Antheil daran I
Ja ja," nickre er, „das ist sehr schön, sehr ideal, aber die Jugend pflegt sonst andere Wünsche, andere Hoffnungen. ÄU H^Mnn matt eine sehr glückliche Jugend gehabt hat, Herr Baron ja. Mich aber hat das Leben schon früh in feine Schule genommen. Ich habe einen heibgcllebten Vrter in voller ManmSkraft dahinsiechen sterben sehe., muffen; das macht ernst und rückt andere Ziele vor die Augen, als sonst | wohl meinen Altersgenossinnen." .
Ich hörte heute erst," sagte er, sie voll mit prüfendem Blicke ansehend, „daß Sie eine Schwester des Lieutenants von Bellin sind, den ich zuweilen in Radnitz gesehen habe. Er
Re mit leichtem Erröthen, „während ich dem Vater ähnle.
Ja ja," nickte er und ihm ging es durch den Sinn, daß er von jener Frau von Bellin, die in Hertheim die kleine, K et”* »*«« V.»° M.6, -»--»--d »qi «mb« Günstig«» gehistt habe. Und die!« hat eme soiche Tochter' Wie seltsam die Natur oft spielt. Vieles an ihr, besonders aber idr Entschluß, Diaconisstn zu werden, wurde
Am Abmd^alS Ilse ihn zu einem kurzen Spaziergang verlassen batte und Georg im Nebenzimmer beschäftigt war, überraschte er den Doctor, der ihm seinen B such anRathte, mit der Frage, wie lange er nach seiner Schätzung wohl noch
'^^Die Unterhaltung war damit beendet und Wolf wieder allein in seinem Zimmer. Die letzten Strahlen der sinkenden Sonne fi-len durch das Fe, fier bis zu dem Stuhl, auf dem der Krank- faß. Sein müder Blick streifte das heiter schön- heitsvolle Bild, bas sich vor ihm ausbreckete. Em leichter Abendglanz umwob mit feinem Zauber Wälder und Hören, der Duft blühender Rosen flathete durch das Fenster bir zu ihm Weiter im Westen schwammen goldig gefärbte Wo.ken tm lichten Aether. Nachtigull und Grasmücke fangen lene in den Uferbüschen des am Garten voiüberrauschende«
seufzte tief und schmerzlich auf. So einsam war er so allein stand er in der Welt, daß es ihm wehe that, die freundlich mitleidsvollen Augen seiner Pflegerin zu verlieren. Daß sie ein gleiches Sch ckial mit ihm gehabt, ein durch Selb und Krankheit in der Familie getrübte Kindheit, das hatte sie ihm noch näher gebracht Uab nun sollte sie I fort/eine Fremde kommen, die ihm vielleicht unsympathisch, zuwidtt, wsei ^aßsinniges Mädchen, hatte Doctor Bal»»
aemeint das sich über die Vorurtheile der Welt fortletzte. Wenn er sie dennoch fragte? Aber dürfte er es nach dem, was der Doctor ihm gejagt hatte, daß ihre Anwesenhe seinem Hause, in dem Hause des „tollen Wolf , ihren RUs schädigen <öe"ne^ün^te( er wäre «och der Rolle Wolf. M lange aber lag diese Zeit jetzt hinter ihm! Und warum war er der tolle Wolf geworden? War es nicht die dunkle Wolk, die über seiner Kindheit, seinen JünglingSjahren S^egert, di« Wolke der Verleumdung, die über den theuersten Häup , die er beseffen, verhängnißvoll geschwebt, der ^bg-ltebt , unter ihrem G schick zusammenbrechenden Mutter und dem I Seim bem e^Äs verdankte, der ihn wie einen Sohn auf'
iU le©oc?o?S8aIjer sah seinen Patienten ganz verbutzt und EAkk°LknT,°S--°Bm°», 1« wr «t. gegnete er zurückhaltend. „Sie sind auf dem Wege der Besse- runa wie oft soll ich Ihnen das wiederholen? .
' Wenn ich Ihnen nun aber sage, daß ich vom Gegen- theil überzeugt bin? Sie wollen mich schonen, wollen mir Lebensmuth einflößen, ich begreife das vollkommen. Doch hänge ich zu wenig am Leben, um mich vor dem Tode zu hupten. Also noch einmal, Doctor, seien Sie gegen die sonstige Ge- wohnheit des Arztes offen mit mir. Sie wissen, man hat seine irdischen Angelegenheiten zu ordnen."
„Run, wenn Sie so sprechen, Herr Baron so muß ich schon wohl oder übet antworten. Also kurz: Ich hege M entschiedene Hoffnung, Sie ganz wieder herzustellen. Doch wir Aerzte sind immerhin nicht a^wissend.^ Deshalb, wenn Sie noch Beifügungen zu treffen haben —
„Ah so, ich verstehe."
„Doch vielleicht nicht so ganz, Herr Baron. JL meine, feinen letzten W llen aufsetzen kann man zu jeder Zeit. Doch ist damit keineswegs gtiagt, d-ß ich irgend eme p ötz iche Wendung zum Schlechteren befürchte. Im Gegentheil, Ihr Zustand ist keiner, der sich rasch entscheidet; es kann Monate, S, ein Jahr dauern, ehe Sie Alles Überwunden Haden.
Wolf nickte leicht mit dem Kopfe zu diesen Worten.
Ich danke Ihnen, lieber Doctor, und nun noch Eins," faate et bann nach kurzer Pause. „Ich hege den dringenden Wunsch, nach Gattersberg MÜckzukehren. Sie wissen, alle


