Ausgabe 
25.2.1896
 
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UntrrhaltMgsblatt jtnir Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).

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Schwester Jlse.^

Sternen von Clarissa Lohde.

(Fortsetzung.)

So, so na ja, die Frauen, Mama!" erwiderte von Beilin.Du kennst meine Anstcht, da kann man auch nie gut sagen, und wenn sie auch scheinbar die besten sind. Nun aber, Mamachen, ehe ich fortgehe, noch etwas Praktisches. Du kannst Dir wohl denken, warum ich heute herübergekom­men bin?"

Ach, hast Du schon wieder kein Geld?"

Er nahm sein Portemonnaie und wendete es lachend um.

Du siehst, kein Pfennig fällt heraus. Füll' es wieder ein wenig, bitte, bitte! Wir haben noch acht Tage bis zum Ersten."

Mein guter Junge, Du weißt, ich thue gern Alles für Dich; aber ich bin wirklich augenblicklich ein bischen knapp. Ich brauche neue Sommertoiletten und Du liebst doch, Deine Mama elegant zu sehen "

Nie elegant genug kann sie für mich sein, meine junge, schöne Mama." Dabei küßte er zärtlich ihre Hand.Nur nicht solche Vogelscheuchenanzüge, wie Ilse sie trägt. Uebri» gen# muß sie sich ja ein schönes Stück Geld sparen. Bei ihrer Art Leben kann sie doch unmöglich die Zinsen de» vom Vater ihr zur freien Verfügung hinterlassenen Kapitals auf­brauchen."

Das thut sie auch wohl nicht- Aber Du weißt, sie ist nicht für's Geben. Da muß ich schon Hand über'» Herz legen, aber verrathe es Ilse nur nicht; sie schilt immer, wenn ich Dir mehr als die festgesetzte Zulage gebe."

Eine Philisterin ist sie vom reinsten Wasser. Ach, Mamachen, wie viel besser Du mir gefällst!"

Dabei küßte und herzte er die Mutter von Neuem, die nun eilig an ihren Geldichrank ging und in das Portemonnaie der Sohnes mehrere Goldstücke legte.

Dank, tausend Dank, Mamachen!"

Bruno steckte das Portemonnaie in die Tasche, ohne den Inhalt sich anzusehen. Erst draußen, als er auf dem Wege

nach dem Bahnhofe war, öffnete er er und ließ die Gold« stücke durch die Finger gleiten.

Anständig," murmelte er,höchst anständig. Wenn man die Weiber nur zu nehmen weiß in dem einen Punkt sind sie Alle gleich durch Schmeicheleien gewinnt man Alle» von ihnen und wenn sie auch vom eigenen Sohne kommen. Die gröbste Schmeichelei geht in das feinste Ohr, heißt e». Und ein gar feines Ohr hat die gute Mama nicht."

III.

Wolf von Menzelen siechte allem Anschein nach in der That einem langsamen Ende entgegen. Zwar waren die Splitter der Kugel glücklich aus der Lunge entfernt; aber er hustete, fühlte sich unsäglich elend und glaubte selbst nicht mehr an sein Auskommen.

Bei den schönen Sommertagen ließ Doctor Balzer ihn in der Mittagsstunde im Rollstuhl nach dem sonnigen Theil de» Gartens fahren, wo er dann, still in sich zusammen­gesunken, schweigend saß. Nur Ilses Gesellschaft heiterte ihn zuweilen ein wenig auf. Er liebte ihr weiches Organ, wenn ste sich mühte, ihm Muth und Hoffnung zur Genesung ein­zuflößen oder ihm in stillen Abendstunden au» ihrem kleinen Bücherschatze vorlas. Gustav Freytag, Cmrad Ferdinand Meyer, Paul Heyse, Theodor Storm zählten zu ihren Lieb» lingsdichtern, deren Werke sie sich alle angeschafft hatte. Manchmal hatte er Diese« oder Jener, was ihm nicht gefiel, oder was anzuhören er nicht die Laune hatte, schroff zurück, gewiesen; sie aber blieb dennoch unermüdlich in ihrem An­erbieten, in ihren Bemühungen, ihm die langen, trüben Leidenrstunden zu erleichtern.

Ost folgte sein Blick ihrem stillen, freundlichen Willen, wenn sie ihm mit Georg gemeinsam alle die kleinen Dienste leistete, deren ein Kranker bedarf, und trat ste dann zu ihm und sah ihn mit ihren klaren, blauen Augen so warm und mitleidsvoll an, da kam es wie ein eigener Friede über ihn und die Linien de« Stolze« und der Bitterkeit in seinem durch die Krankheit verwüsteten Antlitz wichen einem Zuge gedul­diger Eraebung, die ihm sonst fremd war.

Wissen Sie, Schwester Ilse," redete er sie eine« Tages an, als sie eben mit dem Vorlesen einer Storm'schen Novelle fertig geworden war,daß Sie mir zuweilen vorkommen wie