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-Schauderhafte NarrheitI" murmelte der runge Mann belustigt, sich die Zeit mit einem Spaziergang längs der Gartenmauer vertreibend.
Er mußte lange auf die Rückkehr de« Diener« warten und fürchtete schon, daß seine Mission ganz fehlschlagen, er nicht einmal eine Antwort auf den Brief erhalten würde, al» da« Thor sich plötzlich wieder öffnete und Jacob ihn heran« winkte.
„Der Herr Hauptmann befehlen den Herrn Lieutenant zu sich," meldete der Diener, dessen Gesicht den Ausdruck höchster Ueberraschung trug, sich stramm ausrichtend.
Waldmann folgte ihm mit einem zwischen Neugierde und Beklommenheit getheilten Gefühl. Al» sich die Thüre de» Empfangszimmer« hinter ihm geschlossen, kehrte Jacob zu der alten Hanne in die Küche zurück, um ihr da« Unerhörte mit« zuthetlen, daß der Herr fremden Besuch angenommen habe und nun gewiß nicht lange mehr leben werde.
„Unsinn," meinte die Alte, „wer war'« denn eigentlich? Ich sah ihn vom Kellerfenster aus, er kam mir fo sonderbar bekannt vor."
„Es wa» ein Lieutenant außer Dienst und nannte sich Waldmann. Der Herr fuhr mich grimmig an, wie er den Brief nur sah, er nahm ihn aber doch und drehte ihn hin und her und frug erst nach — ich weiß nicht wie. Al» er ihn aufmachte und nachsah, von wem er kam, da hält' Sie ihn sehen sollen, Hanne; er warf ihn erst nieder und trampelte darauf herum. Mir würd' angst und bange, bis er ihn wieder aufnahm und lange daran herumla». Da sah er auf einmal wie ein Leichentuch au« und schaute umher wie Einer, der fich vor wa» fürchtet. „Wo hast Du den anderen Brief!" schnob er mich dann an und er meinte, er stecke wohl noch im Umschlag, wo er ihn auch fand. Grundgütiger Gott, Hanne, wie sank der Herr zusammen, al« er diesen zweiten Brief la»; ich glaubte erst, daß er weinte, — aber ihm war was in'« Auge geflogen, sagte er wieder wüthend und dann mußte ich den Lieutenant heraufholen."
Hanne hatte regungslos diesen Bericht angebört, sie blickt« starr vor sich hin und sagte endlich: „Wenn Ihr den jungen Herrn wieder hinaurlaflen sollt, Jacob, dann haltet ihn im Flur auf und ruft mich, hört Ihr?'
Jacob versprach e» ihr.
Al» Otto Waldmann vor den alten Hauptmann trat, stand dieser aufrecht in strammer Haltung neben seinem Schreibtisch und blickte den jungen Mann mit unruhig funkelnden Augen, die jeden Zug seine» Gestcht» zu studiren schienen, unverwandt an.
Diese« minutenlange Anstarren wurde Waldmann un- gemüthlich, er begann ohne Umstände mit einer zweiten Verbeugung: „Darf ich um Ihre Antwort bitten, Herr Hauptmann?"
„Hm, jawohl," erwiderte dieser zögernd, fich den langen, grauen Schnurrbart mit beiden Händen ausziehend. Er sah in diesem Augenblick aschgrau au», der Hausrock schlotterte um die hagere Gestalt, daß es ihm sichtlich Mühe machte, die militärische Haltung zu bewahren.
„Wissen Sie, wa» dieser Brief enthält?" fragte er mit rauher Stimme.
„Nein, Herr Hauptmann, ich bin Volontär beim Herrn von Bornheim und in diesem Augenblick nur sein Bote."
„Bote!" wiederholte der alte Herr verächtlich. „Und Sie wollen Offizier gewesen sein?"
„Allerdings, indessen —"
„Weshalb haben Sie Ihren Abschied erhalten?"
Diese Frage klang so gebieterisch, daß Waldmann» Trotz fich regte.
„Ich habe meinen Abschied gefordert," erwiderte er kurz. „Da« Warum ist meine Sache."
Der Hauptmann nickte langsam.
„E« ist gut," sagte er ebenso kurz, „wie viel ist Ihre Uhr? Sie geht doch richtig?"
„Auf die Minute," antwortete Waldmann, verwundert seine Uhr hervorziehend.
„Zeigen Sie mal her, ich möchte sie mir ansehen, bin ein Liebhaber von Uhren wie weiland Larl der Fünfte."
Waldmann konnte «in Lächeln nicht unterdrücken; er wollte die Kette losnesteln, um die Uhr dem alten Herrn zu überreichen, was ihm mit den Handschuhen jedoch nicht recht gelingen wollte, weshalb er den einen rasch abstreifte.
„Hier, Herr Hauptmann!"
Dieser nahm mechanisch die Uhr entgegen, sein starrer Blick haftete an dem Ringe, den der junge Mann am kleinen Finger der Rechten trug. Ein Sonnenstrahl verfing sich in dem großen Rubin und funkelte wie frisch vergossenes Blut.
Herr von Rautenstern stöhnte schmerzlich auf und stammelte dann, al« sei ihm plötzlich die Zunge gelähmt: „Der Ring, woher stammt er, wer hat Ihnen denselben gegeben? Um Gotte» Willen, sagen Sie mir die Wahrheit!"
Er wankte hin und her und wäre zu Boden gestürzt, wenn Waldmann ihn nicht gestützt und nach seinem Sessel geleitet hätte, wo er seufzend niedersank, einen flehenden Blick auf den jungen Mann hestend. Dieser fühlte sich von einer seltsamen Theilnahme für den gewiß recht unglücklichen Hauptmann erfüllt; er rückte sich einen Stuhl heran und begann seine Geschichte, au» welcher er ja nie ein Hehl gemacht, freimüthig zu erzählen. Der alte Herr hörte, die Augen fest auf ihn gerichtet, lautlos zu- Al» er zu Ende war, bat er, ihm den Rinz zu zeigen. Er betrachtete und untersuchte Beides, Ring und Kette, mit fieberhafter Hast. Dann athmete er tief und schwer auf und fragte leise: „Wo ist der Papierstreifen, von dem Sie erzählten?"
Waldmann, der ihn von Bornheim sofort zurückerhalten hatte, nahm den Streifen au» seiner Brieftasche. Der Hauptmann la» lange an den paar Zeilen. Seine Brust hob und senkte sich wie von unterdrücktem Schluchzen.
„Die» hat Deine Mutter geschrieben," sagte er plötzlich zu Waldmanns höchster Bestürzung mit gebrochener Stimme, „und ich — ich — bin Dein Vater, der sich al» Verbrecher vor dem eigenen Sohne anklagen und um seine Verzeihung flehen muß."
„Um Gotte« Willen!" rief der junge Mann, sich rasch erhebend, da er einen Wahnsinnigen vor sich zu haben glaubte. „Sie find krank, Herr Hauptmann?"
„Jawohl, mein Sohn, krank am Gewissen, aber nicht verrückt, wie Du glaubst. Komm', setze Dich, auch ich will Dir eine Geschichte erzählen!"
Waldmann gehorchte mechanisch, obwohl ihm der Alte in seinem plötzlichen Vaterwahne sehr gefährlich vorkam. Herr von Rautenstern begann seine Erzählung sehr logisch, wenn auch ein wenig erregt, doch je länger er erzählte, desto aufmerksamer horchte der junge Mann. Nun kam die Frau, — Herr von Bornheim und da» Duell, wie e» ihm der Gutsbesitzer bereits angedeutet hatte und es wurde plötzlich hell vor ihm. Mit einem Schlage wußte er, weshalb Jener ihn hierhergesandt, wußte er, daß er seinen Vater gefunden. Hatte er ein Recht, sich darüber zu freuen? — Durfte er diesen Mann lieben, der ihn schon vor der Geburt verstoßen und seiner armen Mutter ein frühes Grab bereitet hatte?
Der Hauptmann betrachtete ihn, als er geendet, angstvoll forschend. Er schien in den düster gesenkten Augen, den drohend zusammengezogenen Brauen des jungen Manne» sein Urtheil zu lesen-
„Glaubst Du es jetzt, daß ich Dein Vater bin?" fragte er leise. „Verdammst Du mich für immer? — Deine Mutter schaut mich aus Deinen Augen an, sonst aber bist Du mein Ebenbild, Gott sei Preis und Dank, nur im Beußeren, da Du, wie Bornheim mir schreibt, die Herzensgüte Deiner Mutter geerbt hast. O, mein Sohn, sie hat mir vor ihrem Tode verziehen, sie gab Dir meinen Namen, willst Du die Vaterhand, welche Dir den Lebensweg ebnen, Dir Alles vergelten kann —"
„Dieselbe Hand, welche meine MuttÄ in'« Grab ge» stoßen, sie beschimpft hat," unterbrach in Waldmann, sich stolz erhebend, mit hartem Tone. „Ich kann diese Hand nicht ergreifen, dem Mörder meiner unschuldigen Mutter keine Kindes-


