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fragte und forschte «ach ihr, al» die treue Hanne, doch war keine Spur von ihr zu entdecken gewesen.
Die gute Seele machte bei dem Datum diese» schreck« lichen Lager ein schwarzes Kreuz in ihren Kalender, den sie seit jener Stunde wie ein Heiligthum ausbewahrte.
Ein» aber hatte sie dem finsteren Gebieter, al» er au» der Hast zurückgekehrt, mitgetheilt, da» ihn zuerst mit Unruhe, dann aber mit grimmigem Hohn erfüllt hatte.
„Sie haben mit Ihrer armen Frau auch den Segen de» Himmels, eia Kind, vielleicht wohl einen Sohn, von fich gestoßen, gnädiger Herr," hatte sie ihm unter vier Augen gesagt und ihn damit in der Wurzel seines Lebens getroffen, weil er fich nichts sehnlicher als einen Erben gewünscht hatte. Dann aber hatte er stch's mit ingrimmiger Verzweiflung einzureden versucht, daß er im Grunde nichts daran verloren, weil das Kind ihm nur eine Quelle quälenden Mißtrauens und beständigen Aergers geworden wäre. Im Geheimen hatte
er'« jedoch an eifrigen Nachforschungen nicht fehlen lassen,
kein Geld erspart und alle Mittel und Wege erschöpft, um
eine Spur seiner verschwundenen Frau zu entdecken. Alles
umsonst, es schien, al» habe die Erde sie verschlungen.
Da Herrn von Rautensterns Gegner bis auf einen gelähmten Arm, welcher ihn fortan dienstunfähig machte, wieder hergestellt worden war, so verblieb ersterer nach Verbüßung der Festungshaft im Dienst, wurde aber in eine entlegene Provinz versetzt- Sein Jähzorn wurde auch hier sprichwörtlich, bis die blutigen Kriegs jene Gewaltthätigkeiten zum Ausbruch trieben, die den allgemein gefürchteten Mann, der, verschiedentlich im Avancement übergangen, endlich zum Hauptmann befördert worden war, zum Mord hingerissen.
Seit jener furchtbaren Katastrophe in seiner Ehe waren jetzt 26 Jahre vergangen- Rautenstern hatte da« Vermögen seiner Frau nicht angerührt, da er wie ein Einsiedler lebte und nur mit dem Bankier Meiring, der sein Geld verwaltete und vermehrte, in Verkehr getreten war.
Gegen die beiden alten Dienstboten war er ein gütiger und freigebiger Herr, die von seinem einstigen Jähzorn nicht« mehr zu befürchten hatten.
IX.
Acht Tage befand sich Otto Waldmann jetzt in seinem neuen Wirkungskreise, dem er sich mit dem ganzen Feuereifer seiner neuerwachten Thatkrast hingab. Er hatte bereits an Eäcllie geschrieben und auch eine sofortige Antwort, seltsamer Weise aber nur durch den Telegraphen, erhalten. Sie sprach darin, natürlich kurz und bündig, ihre Genugthuung über seine Zufriedenheit au», jeden Dank ablehnend und auf ein Wiedersehen hindeutend. Die telegraphische Antwort bat sie mit ihrer schnellen Abreise zu entschuldigen, da sie eine Schülerin nach Prag begleiten müsse.
„Sehr sparsam scheint sie in ihren Ausgaben nicht zu sein," dachte er grollend, „und dann mußte sie diese Antwort doch auch niederschreiben, ein Blatt Papier, welche« ein fremder Mensch bei Seite wirst, während ich die Zeilen von ihrer Hand wie ein Heiligthum aufbewahren würde, was nun fteilich auch mit diesem Telegramm geschieht!"
Am achten Tage nach seiner Ankunft auf Gut Hirsch- wettet lud ihn Herr von Bornheim zu sich auf sein Zimmer.
„Setzen Sie fich, junger Freund, ich habe eine Bitte an Sie
„Sie haben nur zu besehlen, Herv- von Bornheim," fiel Waldmann ruhig ein.
„O, nicht doch, ich betrachte Sie wie einen Freund, Herr Waldmann, und in diesem Sinne bitte ich Sie, mir einen Dienst zu leisten, der nicht» mit Geschäften zu thun hat. S» ist eine Vertrauenssache, mit einem Worte, e« betrifft eine Reise nach Ihrer früheren Garnisonstadt X."
Waldmann blickte ihn erschreckt an, tiefe Bläffe bedeckte sein Gesicht. Bornheim erhob sich rasch und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Sie können fich dort ohne Scheu blicken lassen," sagte §r beruhigend. „Benutzen Sie den heutigen Abendzug, dann
treffen Sie mit Lagesanbruch in L. ein und köimen schon am selben Vormittag Ihren Auftrag ausrichten."
„Verfügen Sie über mich, Herr von Bornheim," sagte der junge Mann, sich rasch faffend, „ich werde Ihr Vertrauen nicht täuschen."
„Gut, ich erwartete e» nicht anders von Ihnen. Kennen Sie in 3E- einen Hauptmann von Rautenstern?"
„Einen Hauptmann außer Dienst, der fich dort eins« gewissen Rufes al« Menschenfeind und Sonderling erfreut?"
„Den meine ich, er wohnt doch noch in 3M"
„O gewiß, ich kenne ihn aber nur vom Hörensagen."
„Sehen Sie, junger Freund," suhr Bornheim mit einem ovialen Lächeln fort, „meinen linken Arm hat dieser Sonderling vor 25 oder 26 Jahren mir zerschossen, so daß ich meinen Abschied nehmen und fortan meinen Kohl bauen mußte. Wir haben uns seitdem nicht wiedergesehen.. E« war ein regelrechtes Duell, eins Frau natürlich die Ursache. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß wir Beide, sie und ich, ganz schuldlos waren, aber der damalige Lieutenant von Rauten« stern ließ nun einmal nicht mit sich reden,, weil er ein jähzorniger Mensch, ein wahrer Tollkopf war. Er blieb beim Regiment, avancirte zum Hauptmann und mußte seinen Abschied nehmen, weil er seinen Burschen niedergestochen, wie er'» schon einmal früher gemacht hatte. Das zweite Opfer blieb am Leben, für da» erste wurde er auf eine gewisse Zeit, ich glaube auf zehn Jahre, zu einer alljährlich zu verbüßenden Festungshaft verurtheilt. Diese mllde Strafe hatte er seinen militärischen Verdiensten und seiner Bravour im böhmischen Kriege zu verdanken. So viel von diesem Manne, der mich unzweifelhaft noch immer mit seinem wildesten Haß beehrt. Sie sind vielleicht im Stande, diesen Haß zu tilgen, Herr Waldmann I"
„Ich, Herr von Bornheim?" fragte der junge Mann verwundert.
„Vielleicht, sage ich, Sie haben nicht« weiter zu thun, al» sich eine Unterredung mit ihm zu verschaffen, indem Sie ein Schreiben abgeben und auf Antwort warten."
„Ich werde Ihren Auftrag genau »»«führen," versetzte Waldmann mit fester Stimme.
Noch am selben Abend fuhr er nach der eine Meile entfeinten Bahnstation und mit dem ankommenden Zuge nach X.
Am nächsten Morgen, nachdem er sich in der Bahnhofs- Restauration durch ein Frühstück gestärkt und die nöthige Toilette gemacht hatte, begab er fich ohne Säumen nach dem Hause de« menschenfeindlichen Hauptmann«, wo er lange vergeblich an dem hohen, verschlossenen Gartenthor, da« in eine dicke Mauer eingelassen war und keinen Einblick gestattete, läuten mußte, bi« endlich ein bejahrter Diener öffnete und griesgrämig nach seinem Begehr fragte.
„Ich wünsche den Herrn Hauptmann zu sprechen," sprach Waldmann kurz.
„Oho, der Herr Hauptmann ist nicht für Jedermann zu sprechen," schnauzte Jacob ihn an, „wer sind wir denn und was wollen wir eigentlich?"
„Ich bin Offizier außer Dienst, wie Euer Herr," erwiderte Waldmann gebieterisch. „Meldet den ehemaligen Lieutenant der Artillerie Waldmann."
Jacob sah ihn mißtrauisch an und meinte dann, etwa» milder gestimmt, daß die Meldung gar nicht« nützen könne, weil der Herr Hauptmann mit keinem Menschen verkehre und er — Jacob — fich keine Stockprügel holen wolle.
„Dann wird er doch wenigsten« Briefe annehmen?" fragte Waldmann, da» Schreiben de« Herrn von Bornheim hervorziehend.
„Ist wohl ein Bettelbrief, wie? — Darauf giebt's keinen Bescheid, Herr Lieutenant!"
„Nein, guter Freund," beruhigte ihn Waldmann lächelnd, „gebettelt wird nicht darin, ich will hier draußen die Ant« wort erwarten."
Jacob nahm zögernd da« Schreiben entgegen, nöthigte ihn auch nicht zum Eintreten, sondern verschloß da« Thor wie vorhin, ja, legte sogar die Eisenstangen wieder vor.


