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scheue Rehe oder Hirsche eilig vor uns davon. Die flinken Käfer, die schillernden Falter, die lustig quakenden Frösche, die munteren Eidechsen, alles ist verschwunden, wie durch Zauberschlag. Wo find ste mit einem Male hingekommen, alle diese Thiere, welche die Gegend rund um uns mit Leben nnd Bewegung erfüllt und die nun auf einmal aus unseren Augen find, ohne Spur zurückzulaffen. Wiffen wir doch genau, daß unsere Jnsecten nicht, wie die Vögel, nach Süden ' auswandern, wo es wärmer und schöner ist — heute fliegen sie noch im munteren Sonnenstrahl, morgen hat ste die Winter- kälte hinweggefegt. Ja, die Natur hat tausend Geheimnisse, dieses aber haben die Forscher ergründet, und wenn wir uns da» Räthsel nicht zu lösen vermögen, so ist ee allein unsere Schuld, nicht die der Wissenschast.
Von unseren Vierfüßlern wissen wir, daß einige von ihnen die kalte und nahrungslose Zeit einfach verschlafen, das Beste, was ste thun können. Der Winterschlaf ist ein Zustand, eigentlich mehr dem Tode als dem Schlafe vergleichbar. Sie ziehen stch in warme Höhlen oder Löcher zurück, die oft noch verstopft werden, um den Thieren so schädlichen Temperaturwechsel zu vermeiden. Dann rollen fie sich zusammen, soweit es nur irgend geht, wodurch fie Lungen, Luftröhre und Eingeweide fast zusammendrücken. Auch wir Menschen ziehen ja unwillkürlich die Beine an uns, wenn wir uns in ein eiskalte« Bett legen und krümmen uns zusammen zum Schutze gegen die Kälte. Infolge dieses aus die genannten Organe ausgeübten dauernden Druckes stellen diese ihre regelmäßige Thätigkeit fast ganz ein, die Körpertemperatur finkt bedeutend, die Athmung hört fast ganz auf, der Blutkreislauf verlangsamt stch, die Verdauung ist fast aufgehoben. Würden alle diese Erscheinungen nicht eintreten, so würden die schlafenden Thiere trotz des durch reichliche vorherige Nahrungszufuhr angesammelten Körperfettes verhungern müssen, so aber erklärt es der geringe Verbrauch, wie die Schläfer Monate lang auszuharren vermögen. Welch erheblichen Grad z. B. die Redutcion der Körperwärme erreichen kann, zeigt der von Brehm angeführte Fall, wonach eine bei einem schlafenden Murmelthiere vorgenommene Messung nur noch 8,75 Grad Celsius ergab, während doch im normalen Zustande die Blutwärme der Säuge- thiere 35 bis 37 Grad beträgt. Trotzdem sterben die Thiere, sobald sie einer geringeren Temperatur, als der eigenen während des Winterschlafes, oder einer plötzlichen Erwärmung ausgesetzt werden, man muß sie erst nach und nach an größere Wärme wieder gewöhnen. Der Winterschlaf ist ein Anpassungszustand, was schon daraus hervorgeht, daß aus den Tropen gebrachte Arten, welche dort ihren Schlaf während der heißen Jahreszeit halten, bei uns ebenfalls, wie europäische Artgenvsssn einen Winterschlaf hielten. Verschieden ist allerdings bei den verschiedenen Thieren die Festigkeit des Schlafes; während Eichhörnchen, Dachs und Bär ihre Wtnter- ruhe zuweilen unterbrechen, um sich durch eine Mahlzeit den schwach gewordenen Magen zu stärken, verfallen andere, wie Siebenschläfer, Murmelthier, Fledermaus, Hamster und Igel, in den von uns beschriebenen lethargischen Zustand. Den Platz wählt sich jede Art analog ihren sonstigen Gewohnheiten. Dachs und Hamster kriechen in ihre kunstreich hergestellten unterirdischen Baue, die Fledermäuse in Höhlen, Ruinen und Felsspalten, der Siebenschläfer verbirgt sich in Buumhöhlen u. s. w.
Dagegen find zahlreiche Säuger unserer Heimath nicht so glücklich, Wtnterfrost und Nahrungsmangel verschlafen zu können. Füchse, Marder, Mäuse, Hirsche, Rehe, Hasen u. s. w. müssen sehen, wie sie über die kalte Jahreszeit htnwegkommen, denn wenn sie ein warmer Winterpelz auch gegen die Wirkungen der Kälte schützt, so reizt doch die Kälte ihren Magen zu so scharfem Appetit, daß sie nicht nur nicht, wie ihre glücklichen Genossen, von ihrem Fett zu zehren vermögen, sondern sogar mehr fressen möchten als sonst, wenn ste es nur hätten. Der Hunger spielt ihnen daher oftmals arg mit, treibt sie i« die sonst so sehr gefürchtete Nähe und menschlichen Behausungen. Ein schlauer Gesell ist der Maulwurf, der zieht sich in die frostfreien Tiefen seines Reviers zurück, wo er
Würmer und Jnsecten,die dort Schutz vor der Kälte gesucht haben, genug vorfinde, um auch im Winter ein behagliche« Dasein führen zn können.
Die meisten Vögel entziehen sich der Winterkälte durch Auswanderung. Ein unbezähmbarer Wandertrieb treibt ste fort, sobald die schöne Jahreszeit geschwunden ist. Vererbung und Anpassung erklären auch diese Erscheinung. Der Hunger zwang die Vögel, im Herbste ihre festen Wohnplätze zu verlassen und weit nach Nahrung umherzustreifen; diejenigen nun, welche der Zufall oder die südliche Abstammung nach Süden trieb, blieben erhalten, während die nach den anderen Himmelsgegenden streifenden infolge von Mangel und Kälte schließlich zu Grunde gingen. Im Laufe der Zett wurde die Wanderung nach Süden den dorthin ziehenden Vögeln zur Gewohnheit, und da nur solche Individuen zur Fortpflanzung gelangten, welche dieser Gewohnheit huldigten, so vererbte sich dieselbe auch auf die Jungen. Die zurückbleibenden Vögel streifen einzeln oder inIGesellschaften umher, sich ihre Nahrung zu suchen; einer unter ihnen, der Kreuzschnabel, erwählt sogar den Winter zur Bruutzeit und baut aus die mit Schnee unv Eis bedeckten Fichten- oder Tannenästs sein trauliches Nest, darin mitten im Winter seine Eier brütend und seine Jungen großfütternd. Die im Freien umherstreifenden Thiere schützt ebenfalls — wie ihre vierfüßigen Leidensgenoffen — ein warmes Kleid gegen die Unbill der Witterung, und fie ertragen sehr hohe Kältegrade weit leichter, als jähe Wechsel der Temperatur. Ein in der kalten Periode gefangener Vogel geht, in eine warme Stube gebracht, zu Grunde; will man ihn erhalten, so muß man ihn in einen kalten Raum bringen und allmählich an wärmere Temperatur gewöhnen.
Forschen wir nun dem spurlosen Verschwinden der kleineren Lebewesen im Winter nach, so darf uns der Umstand, daß wir von ihnen absolut nicht» mehr warnehmen, nicht zu der Annahme verführen, sie seien sammt und sonders zu Grunde gegangen. 'Es ist wahr, ein großer Thsil von ihnen (vor allem die Jnsecten) erleidet durch die Kält« den Tod, die anderen aber verfallen in einen dem Winterschlaf der Säuge- thiere analogen Zustand der Erstarrung, den sie in Baumlöchern, in der Erde oder unter dem Laube verbringen. Fröiche, Molche, Fische u. s. w. graben stch in dem tiefen Schlamm ein, Eidechsen suchen eine Zuflucht unter den Steinen, in alten Mauerlöchern u. s. w., Schnecken verschließen ihre Gehäuse und graben sich tief in bte lockere Erde, die Schlangen ballen sich in Löchern zu Knäuen zusammen und liegen ohne Bewegung bis zum Frühling. Bei allen den genannten Thieren wundern wir uns nicht, daß ste die Wintermoiate hinourch, ohne Nahrung bestehen wiffen wir doch, daß sie sich im Allgemeinen durch ein recht zähes Leben auszeichnen, und auch unter normalen Verhältnissen wachen- und monatelang Hunger zu ertragen im Stande sind. Auch bei ihnen findet selbstverständlich eine Verminderung der Lebensthätigkeit statt, ob jedoch, wie einzelne Beobachter behaupten, bet einzelnen Arten (z. B. bei manchen Landschnecken) in der That der Blutkreislauf unterbrochen ist, das Herz zu schlagen und die Lunge zu aihmen aufhört, lassen wir dahingestellt. Mt dem Beginne des Frühlings, wenn im April oder Mat die warmen Sonnenstrahlen die Erde beleben, verlassen die meisten der kleinen Schläfer ihre Ouartiere, die Schnecken beseitigen ihre Kalkpfropfen, und da alle einen vorzügliche« Appetit nach der langen Enthaltsamkeit in stch verspüren, so ist Fressen in der Regel die erste und wichtigste Beschäftigung. Noch ist de« Umstandes zu gedenken, daß manche Thiere (z. B. von den Säugethieren die Fledermaus) mit anderen ihresgetchen in Gemeinschaft das Winterquartier beziehen. „Es gltebt Gattungen", sagt Brehm von den Fledermäusen „welche ausnahmslos gesellig überwintern unv nicht nur nebeneinander, sondern auch in mehreren Lagen dicht aufeinander hängen, mitunter in Gruppen von verschiedenen Formen, zusammen zu mehreren Hunderten von Stücken. Andere gesellig überwinternde Gattungen bedecken ganze Wände und Flächen im Innern hohler Bäume, wo ste getrennt nebeneinander hängen". Auch Schlangen und Blindschleichen halten oft gemeinschaftlich


