Ausgabe 
24.11.1896
 
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energisch für die Operation, und heute wird seine Methode von den ersten Operateuren mit glänzenden Erfolgen ausge­führt. Auch .der Vortragende, der lange unter dem Banne theoretischer Vorurtheile stand, hat sich jetzt erst spät zu Versuchen entschlossen, ist aber jetzt ein begeisterter Anhänger von Fukalas Methode- Dr. Fukala macht erst durch einen Einstich die klare Linse trüb; so entsteht künstlich grauer Staar. Dieser wird nach einigen Wochen durch einen einfachen Schnitt in die Hornhaut aus dem Auge entfernt. Dann brauchen die Kurzsichtigen in der That keine Brillen oder nur ganz schwache Gläser, um in die Ferne scharf zu fehen; auch lesen sie dann mit schwachen Brillen bequem Zettungsschrtft in 30 bis 35 Centimeter. Ganz überraschend war ferner, daß diezSehichärfe nach der Operation um das drei- bi« fünffache fichßgegen früher befferte- Fukala glaubte, daß die Methove nur bet Personen unter 24 J-Hren sich empfehle; indessen sind jetzt auch schon Sechzigjährige mit Erfolg operirt worden. Seit drei Jahren haben sich etwa 1000 Kurzsichtige der Operation in Deutschland unerzogen; man kann also noch nicht sagen, ob für alle Zeiten die operirten Augen vor dem Weiterschreiten der Kurzsichtigkeit bewahrt bleiben werden. Aber es ist dies sehr wahrscheinlich, da die genannten Fac- toren, welche den Druck im Auge erhöhen und das Auge ausdehnen, nunmehr beseitigt sind. Durch Herausnahme der Linse fällt die Accomodation fort; Konvergenz und Kopf­senkung sind nicht möglich, da ja das Sehen in großer Nähe nun unausführbar sichtbar ist. Fucala sah auch auf dem nicht operirten Auge Netzhautablösung entstehen, während das operirts gesund blieb. Andere Forscher fanden während zweijähriger Beobachtung Stillstand der Kurzsichtigkeit. Aber selbst wenn das Damoklesschwert der Netzhautablösung weiter über dem Operirten schwebt, so hat er doch wenigstens bis zu dieser, vielleicht erst nach langen Jahren eintretendehl Katastrophe viel besser gesehen al« ohne Operation. Der Werth der Operation sei gewiß ein ganz großartiger, .und die Fucula'sche Methode eine der hervorragendsten Leistungen der Neuzeit. Sie erschließe dem Kurzsichtigen eine neue Welt und zwar schon in der Jugend, sie verbessere seine Existenz, sie mache ihn berufstüchtig und erwerbsfähig, sie verbessere feine Sehschärfe, sie dauere nur eine Minute und sei ebenso gefahrlos wie schmerzlos. Das Wichtigste bleibe natürlich das Urtheil der Kranken. Diese seien alle zufrieden und können meist kaum die Operation des zweiten Auges erwarten.

Erfolg und Glück durch die gesellschaftlichen Tugenden.

In einer Zeit, wo jeder Mensch mehr denn je Erfolg und Glück begehrt, ist es lehrreich, dasGlücksthema" einmal gesellschaftlich zu beleuchten. Er ist eine betrübende Erscheinung im Leben, daß mancher begabte Mann es zu keinem rechten Erfolge und manche talentvolle Frau zu keiner rechten Stellung bringen kann. Wie erklärt sich wohl diese oft recht traurige Erfahrung? Offenbar nur dadurch, daß man, um Erfolg im menschlichen Dasein zu erzielen, nicht nur berufsmäßige Tüchtigkeit und Vermögen, sondern auch noch gewisser gesell schaftlichen Tugenden bedarf, denn alles, was der Mensch an Achtung und Ansehen, Befriedigung und Glück über die rein äußeren Güter hinaus gewinnen will, muß auf dem Boden der Gesellschaft gesät, gehegt und gepflegt werden, da unsere ganze Kultur, somit auch unser Fortschritt, unser Erfolg aus den durch die menschliche Gesellschaft hervorgebrachten Aus­tausch der geistigen und materiellen Güter beruht. Leistet also Jemand irgend etwas, so ist es nicht die Leistung an sich, die schon den Erfolg verbürgt, sondern die Art und Weise ist es vielmehr, wie die Mitmenschen die Leistung würdigem Sehr oft ist die betreffende Leistung aber auch noch schwach oder mit gewissen Mängeln versehen. Wie soll der Betreffende erst dann zu einem schönen Erfoqe gelangen? Es ist dies ganz leicht, wenn er Freunde und Gönner hat, die ihn ermuntern und die ihm Anerkennung und Vertrauen verschaffen. Wie

erlangt man aber Freunde und Gönner? Offenbar hauptsächlich nur durch die gesellschafttchen Tugenden oder durch die Kunst, seinen Mitmenschen, zumal denen, deren Kunst uns nützlich sein kann, zu gefallen. Diese Kunst ist die Fähigkeit, den guten Ton in allen Lebenslagen zu treffen, durch feine Lebens­art und gewandtes oder gefälliges Benehmen den Mitmenschen, zumal den Vorgesetzten, Gönnern, Kunden, Freunden und zu­mal solchen Menschen, die dies uns gegenüber werden sollen, zu imponiren. Gelingt uns dies, so verwandeln sich Gleich­giltigkeit, Vorurtheil und Ablehnung, welche die betreffenden Menschen meist gegen uns hegen, rasch in Theilnahme und wohlwollende Gesinnung, und dann ist für uns der Weg für viel» ^x^Mrth^der gesellschaftlichen Tugenden ist debhalb auch schon von vielen weisen Männern und klugen Frauen hervorgehoben und gerühmt worden. Es existtren darüber auch viele geistvolle Aussprüche und selbst einige umfangreiche Bücher. Damit ist aber practtfch für die große Anzahl Männer und Jünglinge, Frauen und Jungfrauen, welche durch den guten Ton und die feine, Jedermann gefallende Lebensart zu ihrem Gtückserfolge so Wesentliches beitragen wollen, wenig zu erreichen, denn geistreiche Aussprüche sind weder leicht zu verstehen noch leicht zu verwerthen, und umfang- reiche Bücher können die meisten Menschen weder erwerben, noch gründlich durchstudiren. Wir verweisen daher gern alle diejenigen, welche durch gesellschaftliche Tugenden zu Erfolg und Glück gelangen wollen, auf das practische und bereits rühmlichst anerkannte Merkchen, welches Constanze von Franken nutet dem TitelKatechismus des guten Tones und der feinen Sitte" (Erschien in 6. Auflage in Marx Heff-'s Verlag in Leipzig. Preis: elegant gebunden Mk. 2,50.) verfaßt hat. Dieses Büchlein ist mit außerordentlich feinem Verständniß für die gestellte Aufgabe geschrieben, alle langen und schwer verständlichen Abhandlungen siud in demselben vermieden und leicht verständlich, practtfch nnd mit Humor und Geist bietet derKatechismuß des guten Tones das wirksamste und billigste Lehrbuch der gesellschafilichen Tuzeuden dar.

Geinernnütziges.

Ueber Frauenherme. Einen neuen und wie es scheint sehr zukunftsreichen Zveig auf dem Baum christlicher Wohlthätigkeitsbestreburgen bilden die Frauenheime. Sie sind das weibliche Gegenstück zu den Arbeitercolonien. Das erste Frauenheim wurde im Jahr 1884 durch den Pastor Jfermeyer, Geistlicher an der Strafanstalt in Hildesheim und am Correctionshaus in Himmelsthür, Ve Stunde von Hildesheim, im letzteren O-te gegründet. Zur Zeit befinden stch in dem­selben etwa 120 Pfleglinge, in allen Altersstufen vom 14. bi« 80. Lebensjahr, meist solche, die aus dem Zuchthaus oder der Correcttonsanstalt entlassen stnd und hier nun ein neues Leben beginnen wollen. Der Eintritt ist völlig frei, ebenso der Aus- tritt. Es wird streng gearbeitet im Hause, um Leib und Seele wieder an ein ordentliches arbeitsames Leben zu gewöhnen. Dabei herscht aber ein fröhlicher Ton. Die Hauptbeschäftigung bildet eine' im größten Umfange betriebene Wäscherei. Da­neben gibt es auch eine Schneiderei und eine Nähstube. Auch einige Landwirthschaft wird betrieben. Die Pflege der Reli- gion ist eine durch und durch gesunde, Morgens und Abends eine kernige Andacht, Samstag Abends eine Bibelstunde, Sonn- tagss Gottesdienst. Uebersättigung mit religiösem Stoff wird ängstlich vermieden, aber wo es nöthig ist, unter vier Augen in Liebe desto ernster mit dem Einzelnen geredet. Die Erfolge solcher Erziehungsweise stnd theilwise überraschende. Selbst Dirnen, die von Jedermann schon aufgegeben waren, sind hier einem geordneten christlichen Lebenswandel wieder zurückgegeben worden. ,

Obst- und Gartenbau. Das Ausputzen und Be- schneiden der Bäume kann jetzt wieder vorgenommen werden, auch setzt man bei gelinder Witterung in Baumschulen und auf Feldern. Wildlinge sind für die Zimmerveredelung auf-