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Als Arnold Fabrieiu» nach Verlaus einer Stunde, von banger Besorgniß getrieben, an die Thür des Giebelzimmers klopfte, trat Erika in Hut und Mantel auf die Schwelle.
„Was ist das?" fragte der Assessor betroffen. „Du willst doch nicht fort — jetzt bei einbrechender Nacht?"
„Ja," sagte ste in einem Tone, der von vornherein jeden Widerspruch auszuschließen schien. „Ich will an Herbert Ellesmeres Sterbbeett, und ich hoffe, Du wirst mich begleiten."
Es war umsonst, ste an der Ausführung ihres Entschlusses hindern zu wollen. Die Vorstellungen des Bruders vermochten gegen ihren unerschütterlichen Willen ebensowenig als die Bitten des Vaters, und noch mit dem Nachtzuge reisten die Geschwister in der That nach der Provinzialhauptstadt ab.
Als fich Erika am folgenden Morgen bei demMgirenden Arzt des Elifabethkrankenhaufes meldete und ihm den Wunsch aursprach, Ellesmere zu sehen, hatte der menschenfreundliche Herr zuerst einige gewichtige Bedenken.
„Er sieht mit unserem Patienten nicht mehr ganz so hoffnungslos aus wie gestern bei der Einlieferung," meinte er, „gerade deshalb aber müssen wir darauf bedacht sein, alles Aufregende von ihm fernzuhalten, und ich weiß nicht, ob es sich ohne Gefahr wagen ließe, Ihre Bitte zu erfüllen."
Aber das junge Mädchen versprach, sehr tapfer ziHsein, und dann fügte sie leise hinzu:
„Ich glaube nicht, daß mein Anblick eine ungünstige Wirkung auf Herrn Ellesmere hervorbringen würde. Ich möchte ihm eine Nachricht bringen, die ihn gewiß erfreut."
Der erfahrene Arzt blickte ihr ein paar Secunden lang forschend in« Gesicht; dann gab er seinen Widerspruch aus. Und Erika hielt, was sie ihm gelobt hatte. Man konnte mit schmerzzerissenem, blutendem Herzen nicht tapferer sein als sie er war, als sie da« Krankenzimmer betrat, da sie sich über das todtenblaffe, aber wie in einem überirdischen Glücksgesühl sonnig verklärte Antlitz des noch immer heißgeliebten Mannes beugte, um ihm zuzuflüstern:
„Ich habe Deinen Brief gelesen — und ich habe Dir Alles, Alles vergeben."
Eie meinte er als letzten Trost einem Sterbenden mitzugeben auf feinen schweren, dunklen Weg; aber jenes allmächtige Schicksal, das unerforschlich ist in seinen Grausamkeiten wie in seiner Güte, hatte er anders beschlossen. Was anfänglich keiner der Aerzte im Ernst zu hoffen gewagt hatte, geschah. Die gewagte Operation, welche man unternahm, um die Kugel zu finden, gelang über alle Erwartung glücklich; dar Verderben bringende Geschoß wurde entfernt und die Heilung der Wunde nahm von diesem Tage an einen überraschend schnellen und gleichmäßigen Verlauf.
Zweimal nach jenem ersten Besuche war Erika zu dem Patienten gekommen. Dann, als es kaum noch einem Zweifel unterliegen konnte, daß er genesen würde, erschien sie nicht wieder. Es war jedesmal sehr wenig zwischen ihnen gesprochen worden, und nicht» von ihrer Liebe, denn sie waren ja nicht allein miteinander gewesen. Aber die Pflegerinnen und Aerzte sahen doch, daß der Kranke, der zuerst so ergeben war in sei» Geschick, jetzt den sehnlichen Wunsch hatte, gesund zu werden, und sie täuschten sich wohl nicht, wenn sie allein die Bruche der schönen jungen Dame für diesen Wechsel in seinMStimmung verantwortlich machten.
Und wieder war e; an einem schönen Sommertage, al» Herbert Ellesmere die hellklingende Glocke an der Villa des Professor Fabricius zog. Sein Antlitz war gebräunt von der Sonne Italiens, die ihm volle Genesung gebracht, und seine Haltung war straff und elastisch wie nur je in de« glücklichsten Tagen vor seiner schweren Verwundung. In dem Arbeitszimmer, vor dessen Fensternder laue Wind in den Blättern der breitästigen Kastanie flüsterte, empfing der blinde Professor den Besuch, den er bereits erwartet hatte. Es war nicht viel, was zwischen den beiden Männern gesprochen wurde; aber es endete damit, daß der Gelehrte den Andern schluchzend in seine Arme schloß. Und dann that fich wie durch ein Wunder die Thür de» Nebenzimmers auf, goldheller Sonnen
schein fluthete in breitem Strome herein und umwob wie mit verklärendem Schimmer die liebreizende Gestalt, die da auf der Schwelle stand. Ein jubelnder Aufschrei nur hüben und drüben — und alles Erklärens hatte mit einem Mal ein Ende.
An diesem Tage aber hielt das Glück seinen Einzug in die Villa Erika und es blieb darinnen wohnen noch lange, lange nachdem die stille Hochzeit zwischen Herbert Ellesmere und dem Töchterchen des Professors vorüber war.
Ueber die Heilung der Kurzsichtigkeit
hielt der Breslauer Ophthalwolog Professor Hermann Cohn in dem dortigen Humboldtverein einen interessanten Vortrag, dem wir nach der „Brest. Ztg." Folgendes entnehmen. Einleitend führte Professor Cohn aus, daß, wenn auch sonst nur Hygiene und Vorbeugung von Krankheiten die Aufgaben der populären Medtcin seien, doch ausnahmsweise auch über Heilung einer weitverbreiteten Krankheit gesprochen werden müsse, wenn dieselbe auf einer neuen, epochemachenden, be- währten Methode beruhe; eine solche fichere, gefahrlose und schmerzlose operative Heilung der Kurfichtigkeit sei jetzt gefunden, eine Methode, deren Kenntniß die weiteste Verbreitung verdient. Die Kurzsichtigkeit beruht auf Verlängerung der Augenaxe von vorn nach hinten, daher sehen Kurzsichtige in die Ferne undeutlich in sog. Zerstreuungskreisen. Die schwachen Grade bis Nr. 3 und die mittleren Grade bis Nr. 6 sind nur ein Gebrechen, welche die Wahl des Berufs stören, aber aus den mittleren Graden entstehen oft durch anhaltende Nahearbeit die hohen Grade bis Nr. 10 oder die höchsten Grade, bei denen nicht einmal bis auf 10 Centimeter gelesen werden kann. Diese hohen Grade find wahre Krankheiten des Auges, führen leider oft zu Blutungen und Ablösungen der Netzhaut, d. h. zu totaler oder theilwriser Erblindung. Alles was den Druck im Innern des Auges erhöht, treibt das Auge aus der Kugelform in die Eiform hinein; der Druck wird aller vermehrt durch beständige Accomodation der Krystalllinse für die Nähe, durch die Convergenz der Augen beim Nahesehen und durch gehemmten Blutabfluß beim Htnunterbeugen des Kopfes. Demgemäß sucht man schon seit Jahrzehnten die Naharbeit zu verringern durch gute Be- leuchtung, gute Schultische, Steilschrtft, guten Bücherdruck und richtige Brillen. Für schwache und mittlere Grade der Kurzsichtigkeit bis Nr. 8 genügen auch meist dir Concav> drillen; allein die stärkeren Nummern 9 bis 20 (das stärkste Glas, welches existirt) sind leider nicht zu brauchen, da sie Alles verkleinern, verzerren und in die Ferne zu rücken scheinen. Solchen Kurzsichtigen war bisher nicht zu helfen. Jetzt aber können sie geheilt werden, indem man ihnen die Krystalllinse aus dem Auge nimmt. Der Vortragende schilderte, wie diese Idee sich geschichtlich entwickelt hat, wie schon vor 200 Jahren Boerhave in Holland beobachtete, daß Kurzsichtige, denen er die getrübte Linse, den grauen Staar, herausnahm, für die Ferne dann keine Gläser mehr brauchten, und wie Boerhave auch schon die richtige optische Erklärung dafür gab. Im Jahre 1790 sprachen Richter in Göttingen und 1817 Beer in Wien die Idee aus, daß Kurzsichtige geheilt werden könnten, wenn man ihnen die gesunde, nicht getrübte Linse heraus« nehmen würde. Allein, da damals noch 25 Procent der Staaroperationen durch Eiterung zur Erblindung fügten, wagte Niemand diese Operation. Als Mooren in Düsselvors 1858 einige Fälle mit Glück operirte, oppontrten die drei größten Augenärzte jener Zeit, A. v. Graefe, Arlt und besonders Donders, aus theoretischen Gründen so heftig, daß die Idee ganz in Vergessenheit gerleth. Nun war 1884 von Koller das Cocain entdeckt, und durch die antiseptischen Mme gelang es, die Verluste bei Staaroperationen von 25 Procem auf 1 Procent herabzudrücken. Da nahm 1890 ein bis da« hin unbekannter junger Augenarzt, Dr. Fukala in M>e (jetzt in Wien), die Frage trotz aller Warnungen pracM wieder auf; er kämpfte, unbekümmert um alle Zweyel,


