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irgend einen Entschluß zu fassen vermochte, erschien Harald Römhild mit seiner Trauerbotschaft, die wie eine Erlösung ausgenommen wurde.
Er wurden sofort Anstalten getroffen, die Leiche heimzu« holen, worauf der junge Herr von Römhild noch den letzten Auftrag zur Ausführung bringen mußte. Er verband damit die heimliche Hoffnung, sich die Adoptivtochter des Barons nach dem Tode des Erben jetzt noch gewinnen zu können, wurde aber zu seiner unangenehmen Enttäuschung von dem Notar aus F. empfangen, da die Baroneffe nach dem vielen Wachen sich endlich eines wohlthätigen Schlafes erfreue, aus dem sie unter keinen Umständen geweckt werden dürfe.
Mit unbewegtem Gesicht hörte der Notar die überraschende Mittheilung an und meinte dann, daß der kranke Baron, der Gott sei Dank die Krisis überstanden habe, es noch nicht wissen dürfe, obwohl eine Ersatz für den Tobten bereit» vorhanden sei und zwar in der Person eines zweiten Neffen, eines Stiefbruders des Verunglückten, der gestern aus Amerika eingetroffen und ein prächtiger Mann, ein ganzer Gentleman nach deutschem Zuschnitt sei.
„Sehen Sie, dort kommt er mit dem Förster aus dem Walde. Darf ich die Herren mit einander bekannt machen?"
„Ich bitte darum," erwiderte Harald, einen Seufzer unterdrückend. Sein schöner Traum war im Entstehen schon zerstört worden. Doch mußte er, diesem zweiten Atting die Hand schüttelnd, sich ehrlich gestehen, daß derselbe, obwohl dem Stiefbruder unheimlich ähnlich, doch einen ganz anderen, einen wohlthuenden Eindruck mache.
Der junge Amerikaner war von dem jähen Tode des unbekannten Bruders tief erschüttert, zugleich aber über diese Lösung innerlich beruhigt, weil der Name, de« er fortan recht« mäßig tragen sollte, und der in dieser nordischen Gegend ein hochangesehener war, nun durch keinen häßlichen Flecken entstellt werden konnte.
„Fahren Sie zurück nach Altinghof?" fragte er nach kurzem Nachdenken.
„Ich fahre dort vorüber —"
„Darf ich Sie bitten, mich auf Ihrem Wagen mitzu« nehmen? — Vielleicht komme ich noch früh genug, um die Leiche meine« Bruders selbst zu holen."
„Das ist hübsch von Ihnen, Herr von Atting," rief Römhild, „dann fahren wir zusammen nach Lindenhagen, um dar Geleite zu bilden. Wollen Sie später der Baroneffe die Mitthellung machen, Herr Notar?"
„Soll besorgt werden, Herr von Römhild I — Der Gedanke macht Ihnen beiden Ehre."
Sie kamen zeitig genug nach Altinghof, da man hier noch erst bei den Vorbereitungen war, als ob sich die Leute nicht an den Gedanken gewöhnen konnten und selbst die Leiche de» grausamen Gebieter» noch fürchteten- Dann fuhren sie nach Lindenhage». Hinter einem Fenster-Vorhang beobachtete Ebba Regina die Abfahrt. Sie hatte keinen Blick für den Tobten, der auf einen mit Tannenzweigen umwundenen und mit Decken belegten Leiterwagen gehoben wurde. Melwig hatte ihn auf eine Bahre betten und auf Geheiß seiner Nichte eine große schwarze Sammet«Decke über ihn breiten lassen, war sich immerhin recht pomphaft ausnahm.
Nein, Ebba Regina hatte keinen Blick mehr für die starre Gestalt, sie schien nur noch Augen zu haben für den Fremden, der mit Harald Römhild gekommen, und selber bei der Aufhebung der Bahre hilfreiche Hand leistete. Er hatte bei der Annäherung der Leiche den Hut abgenommen und sein Gesicht dem Haus« zugewandt, bei bessern Anblick ihr Herzschlag still zu stehen drohte. Wurde sie von einer Vision, einem Phantastegebilde getäuscht? — War e» nicht das Antlitz des Todten, war er'» nicht selber, der dort unten stand? Sie spähte ängstlich umher. Wo war der Onkel? — Sie schloß die Augen und öffnete sie erst nach einer Weile. — Weshalb ging er nicht hin, um diese« Spukbild anzureden ? Sie erkannte ja ganz deutlich in dem zweiten Herrn den jungen Römhild, und nun half diese» Phantom, dar de» $obten Züge trug, dm Leuten, zeigte mit ruhiger Umsicht,
wie sie die Bahre packen und heben sollten. Und noch immer zögerte der Onkel. So mußte sie selber gehen, um da» Räthsel zu lösen.
Sie hüllte sich rasch in einen schwarzen, seidenen Mantel und eilte hinunter. Auf dem Flur trat ihr Melwig entgegen.
„Wohin willst Du, Kind?" fragte er, sie mit fester Hand zurückhaltend.
„Hast Du seinen Doppelgänger nicht gesehen? Wer ist er? Ich muß e» wissen."
„Ei, meine kluge Ebba Regina, ist Dein Gedächtniß so schwach geworden, daß Du da« wirklich nicht ahnen, nicht wissen solltest, ohne zu fragen? Hast Du mir nicht selber mitgetheilt, daß Atting seinen Stiefbruder zu fürchten habe, den eigentlichen Erben de» Barons? — Der und kein Anderer wird dieser Fremde sein. Ich ersuche Dich also in Deinem eigenem Interesse, ihn nicht zu fragen, sondern Dich auf Dein Zimmer zurückzuziehen."
Ebba Regina senkte den Kopf, wie hatte sie da» nur vergessen, sich von einer Aehnllchkeit so verwirren lassen können? Es war Zeit, au« dieser Umgebung fortzukommen.
Der wilde John Alting war mit allen Ehren, die dem Sprößling eines alten Geschlecht» zukommen, beigesetzt worden. Der Adel de» ganzen Umkreise« war dabei vertreten und der Prediger hatte ihm milde, versöhnende Worte nachgerufen. Er ruhte nach einem kurzen, stürmischen Leben, da« viele dunkle Punkte aufzuweisen hatte, im Alting'schen Erbbegräbniß, so hatten e« die Baroneffe und der Stiefbruder angeordnet, da der kranke Baron, obwohl in der Besserung, noch nichts von den letzten Ereignissen erfahren, ja, nicht einmal, wie der Arzt streng befohlen, von der Ankunft des zweiten Neffen Kenntniß erhalten hatte. Wenn auch der Todts nicht in unmittelbarer Nähe der Großeltern feine letzte Ruhestätte gefunden, so war doch mit dieser weisen Anordnug jeder Grund zur schlimmen Nachrede verschwunden und die Ehre de« Hauses gerettet.
Daß Ellen keine besondere Trauer um ihn empfand, war nur zu natürlich, obwohl ihr feines Tactgefühl jenen ruhigen Ernst bewahrte, der ohne Heuchelei nur der Majestät de» Tode» seinen Zoll darbringt. In ihrem Herzen aber dankte sie Gott für diese Lösung eine» unheilvollen Dramas.
War es Zufall oder Fügung gewesen, daß sie den zweiten und echten Justus Atting auf dem Boden seiner Vorfahren zuerst begrüßt und ihm den Weg in» neue Vaterhaus gezeigt hatte? Wie ein Blitzstrahl hatte es sie durchzuckt, daß der Andere ein Betrüger sein müsse und dieser, aus dessen Augen die Mutter des geliebten Pflegevater» blickte, der rechte Neffe sei. Sein Bild hatte sie nach Altinghof begleitet, wo die Leute sie mit Thränen der Freude begrüßt und wo ihr erster Gang nach der Ahnen-Gallerle gewesen war, um da« Portrait der letzten Herrin von Altinghof zu betrachten.
Und dann war ein heißes Gebet in ihrem Herzen aufgestiegen, ein Gebet um die Genesung des edlen Pflegevaters und um eine glückliche Lösung des sich neu entwickelnden Familien-Dramas.
Ihr Gebet war erhört. Der ewige Richter, welcher selbst im Sonnenstäubchen seine Weisheit offenbart, hatte den wilden Verächter seiner Gebote geeichte
19. Capitel.
Schluß.
Der Winter war vergangen, so fried« und freudenvoll im Schlosse Altinghof, wie es der Rittmeister, der fast jugendlich erblüht war in Gesundheit und Kraft, nicht zu hoffe« gewagt hatte, denn auch ihn hatte der jähe Tod de» wilden Neffen wohl erschüttern, doch nicht mit wirklicher Trauer erfüllen können. War ihm doch in dem Sohne jener Frau, die er einst so heiß geliebt, ein Nachfolger und Erbe be- scheert worden, der ihm die volle Versöhnung mit der Todten gebracht und ihn mit den Augen der eigenen Mutter anblickte.


