Ausgabe 
24.10.1896
 
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UlltrchaUungMatt juitt Gießener Adriger (Oenrral-AnMger)

Falsches Spiel.

Roman von E. v. Linden.

(Schluß.)

18. Capitel.

Die letzte Fahrt.

Als der Arzt Lindenhagen verlassen hatte, warf Ebba Regina einen warmen Mantel über und verhüllte den Kopf mit einem schwarzen Spitzentuch. Dann schritt sie langsam durch den Garten, um sich in der kühlen Morgenlust zu er­frischen. Sie wandte sich dem etwas verwilderten Park zu und begab sich nach einer geraumen Weile auf einem Umweg nach der Grotte, wo sie geräuschlos eintrat. Eine Zeitlang blieb sie horchend stehen, kein Laut war hörbar. Sie trat an die Wand, um diese durch einen leisen Druck eine Hand­breit zu öffnen. Als sie einen Blick hineingeworfen, schien sie genug gesehen zu haben, die Oeffnung schloß sich wieder und ohne Zögern kehrte sie in den Park zurück. Keine Wimper zuckte, kein Zug des schönen Gesicht« hatte sich ver- ändert, in ihren Augen aber blitzte es sekundenlang wie Hohn auf.

Melwig schritt in seinem Zimmer auf und ab. Ob Ebba Regina noch zu schlafen vermochte? Er klingelte. Dar gnädige Fräulein sei in den Park gegangen, meldete der Diener.

Endlich erschien sie, kalt und hochmüthig wie immer, von irgend einer Erregung keine Spur.

Eie hat die Schwäche von gestern Abend überwunden," dachte er mit Genugthuung.

»Ich reise heute ab, Onkel I" sagte sie,direct nach Hamburg, wo ich Dich erwarten werde. Der Weg nach Amerika ist frei."

Sprich deutlicher, Kind," bat er, sie furchtsam anblickend. »Wo ist Catton?"

Wo er uns nicht mehr schaden kann," erwiderte sie ruhig mit einem grausamen Lächeln.

Glaubst 5F etwa," setzte sie halblaut hinzu,daß ein folches Reptil dw Macht haben sollte, uns auch noch drüben

in Furcht zu setzen? - Man zertritt es einfach. Frage nicht weiter, Onkel, er ist entflohen, nicht wahr? Sag's dem Richter, fag's Jedem, da Dein Doctor nicht schweigen wird und Deine Wunde uns sehr gelegen gekommen ist, aber sei ganz ohne Furcht, daß sie den Räuber jemals ein- fangen werden, der ist besorgt und gut aufgehoben, mein theurer Onkel!"

Es flimmerte bei diesen Worte« so seltsam in ihren Augen auf, daß Melwig ein unheimliches Frösteln empfand.

Es ist gut, Ebba Regina," preßte er mühsam hervor, wenn wir nur nicht seinetwegen mit dem Gerichte noch sonst was zu schaffen haben werden. Auch Tobte können mitunter zu Verräthern werden."

Dieser nicht, beruhige Dich doch und sei kein Kind, Onkel! Du bist doch sonst nicht so kleinmüthig. Ich habe Joe Catton vor dem Strick bewahrt, der ihn drüben un­zweifelhaft erwartet hätte, ich habe es gethan, ohne ihn mit einem Finger zu berühren, das fei Dir genug. Und nun kein Wort mehr von ihm, da Jeder sich selbst der Nächste ist und es heute mehr denn je in der Welt gilt, Hammer oder Ambos zu sein."

Niemand hätte wenige Minuten später, al» der Guts- Herr von Lindenhagen mit seiner schönen Nichte so behaglich beim Morgenkaffee saß, e» ahnen können, welches schauerliche und verbrecherische Geheimniß diese beiden Menschen verband.

Noch einmal ging Ebba Regina in's Todtenzimmer, um Abschied von dem einzigen Manne zu nehmen, für den sie ein Gefühl empfunden, dar zwischen Bewunderung und Liebe schwankend, erst bei seinem Tode ihr zum Bewußtsein gekommen war. Sie glaubte diese Schwäche überwunden zu haben, wurde aber doch bei seinem Anblick aufs Neue davon überwältigt und sank mit einem leichten Schmerzensschrei auf die Kniee.

Es war das letzte Todtenopfer, das sie ihm gebracht, als sie sich erhob, war das Antlitz wieder kalt und unbeweg- lich wie Marmor, und ohne einen Blick auf ihn zurückzu­werfen, verließ sie das Zimmer.

Das Pferd des Verunglückten war erst am Frühmorgsn vor dem Alttnghofer Schloßhof ergriffen und in den Stall geführt worden. Bevor jedoch der Guts-Jnspector, der bei dem jungen Herrn seins ganze Autorität eingebüßt hatte,