Ausgabe 
24.9.1896
 
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Einiges über den schwarzgrauen Fliegen­schnäpper.

(Vortrag in einer Ausschußsitzung des Gießener Thierschutz-Vereins.)

Schon bereits fünfzig Jahre lang beschäftige ich mich ein wenig mit der Vogelwelt und dies ist namentlich in hie- figer Stadt durch eine ziemlich große Anzahl von Artikeln, die ich über Vögel in unseren beiden Localblättern und auch in der allgemeinen Thierschutz-Zeitschrift zum Abdruck bringen ließ, bekannt geworden.

Vielfach werden nun Fragen über verschiedene Vögel von Bewohnern unserer Stadt an mich gerichtet, aber da sich bis jetzt noch Niemand bei mir über den schwarzgrauen Fliegen­schnäpper erkundigt hat, so glaube ich annehmen zu dürfen, daß wenigstens in meinen bekannten Kreisen dieses kleine, muntere Vögelchen uud die Lebensweise desselben zu wenig bekannt sind, und ich möchte daher mit einigen Worten die Aufmerksamkeit aller meiner Freunde, Bekannten und auch anderer Menschen, die sich sür die lieblichen Sänger interessireu, auf dieses überaus nützliche Vögelchen lenken.

In Deutschland kommen vier verschiedene Arten von Fliegenschnäppern vor; allein ich will nur den grauen Fliegen­schnäpper, der in unserer Gegend am häufigsten vorkommt, einer näheren Betrachtung unterziehen. Die Uniform, in der fich dieses Vögelchen präsentirt, ist oben auf dem Rücken dunkelgrau bis schwarz, Unterseite und Stirn weiß; Kopf-, Schwanz- und Schwungfedern schwarzgrau und die beiden Flügel find mit je zwei weißen Federn geziert. Das Weib­chen ist oben braungrau, unten schmutzigweiß.

Wie seine Verwandten gehört der graue Fliegenfänger zu den Zugvögeln; er kommt Anfangs Mai bei uns an, tritt gegen Ende September feine überseeische Südreise wieder an, und sein Aufenthalt bei uns dauert demnach nur fünf Monate. Seine Wohnung schlägt er am liebsten in Obstgärten, lichten Vorhölzern und Waldungen auf, und er beginnt da sogleich seine höchst nutzbringende Thätigkeit. Ruhig saß der von mir beobachtete in unserer schönen Südanlage auf einem Aste, nur die Flügel bewegend, und wartete auf vorbeifliegende Insekten, schoß dann nach vorwärts rechts oder links ficher treffend darauf los, kehrte im Bogen auf seinen Platz zurück, und er beginnt da von neuem seine wllde Jagd, die vom frühen Morgen bis zum späten Abend andauert, auf die überaus zahlreichen schädlichen Insekten.

Da alle unsere einheimischen Fliegenschnäpper eine ähn­liche Lebensweise führen und dabei sehr gefräßig sind, so ist e» doch gewiß leicht zu begreifen, daß dieselben Millionen und abermals Millionen schädliches Ungeziefer, das in Mücken, Schnaken, Fliegen, Bremsen, Motten, Schmetterlingen (beson­ders Spanner und Wickler), Heuschrecken u. s. w. besteht, aus der Welt schaffen. Wenn man nun bedenkt, wie unendlich groß das Heer von fliegendem, schädlichem Geschmeiß ist, das die Fliegenschnäpper ununterbrochen flatternd aus der Luft schnappen, wobei auch unser Schnäpper in hohem Grade mit- wirkt, so muß derselbe gewiß mit Recht zu den nützlichsten Vögeln gerechnet werden, und er verdient daher von allen Menschen gehegt und gepflegt zu werden. Besonders die Obstbaumzüchter haben alle Ursache, denselben in ihre Gärten zu locken, und dies geschieht wesentlich dadurch, daß sie ihm Nistkästchen, die denen für Rothschwänzchen ähnlich sind, etwa an einer Mauer oder an verschiedenen Bäumen anbringen laffen. Man nennt die Vögel Luftbewohner; diesen Namen verdient der graue Niegenschnäpper mit besonderem Recht, denn nur die Roth, wie bei lang anhaltendem Regenwetter, bei dem sich das Ungeziefer in Schlupfwinkeln verborgen hält, zwingt ihn, den Boden aufzusuchen. Hier umflattert er, um seinen gräßlichen Hunger zu stillen, Hollunder- und auch zu- ; weilen Johannisbeeren. Ich will zugeben, daß er dadurch, - sowie auch durch das Wegschnappen von Bienen einigen Schaden verursacht, allein wenn man den großen Nutzen, den [

er schafft, bedenkt, so kann dieser kleine Schaden, den er an­richtet, gar nicht in Betracht gezogen werden, und er verdient gewiß nicht, daß ihn rohe, unwissende Jungen, wie das leider bis jetzt noch vorkommt, durch Fallen, Sprenkel und Leim- ruthen nachstellen.

Schließlich will ich nun noch eine wahrhaft rührende Ge­schichte von der sehr großen Kindesliebe des Fliegenschnäpper», die Naumann (berühmter Naturforscher) mittheilt, hinzufügen: Einst fing ein loser Junge ein altes Weibchen beim Neste, in dem vier kaum halbflügge Junge saßen, und trug alle zusammen in die Wohnstube. Kaum hatte der alte Vogel die Fenster untersucht, aber keinen Ausweg zur Flucht gefunden, als er fich schon so in sein Schicksal fügte, daß er Fliegen fing, die Jungen damit fütterte und dies so eifrig trieb, daß er in äußerst kurzer Zeit die Stube gänzlich davon reinigte. Um ihn nun mit seiner Familie nicht verhungern zu laffen, trug der Knabe Beides zum Nachbar; hier war die Stube ebenfalls bald gereinigt. Jetzt trug er ihn wieder zu einem anderen Nachbar, mit dessen Fliegen er ebenfalls bald fertig ward. Er trug ihn abermals weiter, und so ging die Fliegen­schnäpperfamilie im Dörfchen von Stube zu Stube und befreite die Bewohner von den verhaßten Stubenfliegen. Die Jungen wuchsen bei dem niemals fehlenden Futter schnell und lernten fich auch bald selbst Fliegen fangen. Auch Naumann traf die Reihe, und aus Dankbarkeit bewirkte er nachher der ganzen Familie die Freiheit, denn sie gehören, wie er sagte, zum Zweck des Fliegenfangens durchaus nicht in die Stube, sondern in dis freie Natur.

Gießen, im September 1896.

H. Curfchmann.

Humoristisches.

Capital und Arbeit. Lernbegieriger Wirth (zu einem Studenten):Sie studiren, wie ich höre, National- Oeconomie. Jchtinteressire mich auch dafür, finde es aber sehr schwer, die Sache zu begreifen- Ich habe zum Beispiel keine Ahnung, was man unterCapital und Arbeit!" ver­steht!" Studiosus:Das ist doch sehr einfach! Nehmen wir an, Sie pumpen mir 500 Mk., das istCapital". Jh habe Ihnen versprochen, Ihnen die 500 Mk. nach drei Monaten zurückzuzahlen. Sie kommen, um Ihr Geld zu er­halten, ein-, zwei-, drei- bis zehnmal zu mir aber immer vergebens!" Wirth (verblüfft):Ah, ich verstehe; das istArbeit!"

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Beim Examen. Professor: . . . Im Wasser finden sich Bacterien aller Art und Infusorien, was soll man deß- halb thun: Candidat:Keines trinken!"

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Neues Wort. L.: . . . . Waas, Herr Lieutenant, Sie hier, in diesem Nest?" Lieutenant:Schaue mir 'mal Sehensnichtswürdigkeiten an!"

Literarisches

Welche Hausfrau auf gediegene Seetüre hält, aus der sie einen dauernden Gewinn davontragen kann, der möge die Halbmonatsschrift für die praetische Frau:Stein Haus meine Wett", empfohlen fein. Das Blatt berücksichtigt die gesammten Interessen des Frauen­lebens und vorwiegend dessen praetische Leite. Die Septemberhefte bringen neben den hauswiithschaftlichen -Aufsätzen: Gastronomische Plauderei über das Rebhuhn; Küchenaberglaube; Berichte von der Berliner Ausstellung über Wäscheschrank und Küche an fesselnder Unterhaltung die Novellette: Eine vergötterte Frau, von Clara Düster­hoff; ein treffliches Lebensbild der Großherzogin Louise von Baden; Ada Negri; ferner eine interessante Plauderei: Uebertriebene Häuslich­keit, welche zeigt, wie die Hausfrau nicht sein soll. Die Notizblätter sür das Haus und Bunte Zeitung bringen Neues auf allen Gebieten in interessanter Darstellung. Der Preis der einzelnen Hefte von Mein Haus meine Welt" (Max Pasch, Berlin SW., Ritterstr. 50) ist 25 Pf., vierteljährlich Mk. 1.50.

Webaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen UntversiMS-Buch- und Steiudruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.