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Ich bin niemals verheirathet gewesen, habe aber Deine Mutter, welche einer der ersten Patrizier-Familien Hamburgs angehörte, gut gekannt. Sie war meine erste und einzige Liebi, ich wagte es aber niemals, well ich mittellos, ein geächteter Flüchtling war, um ste zu werben. Ich verließ mit meinem treuen Paulsen, wie Du weißt, das Vaterland und siedelte mich hier in Amerika, nach mancher Irrfahrt, als Farmer an. Eines Tages war ich nach Jefferson ge« fahren, um mein Korn zu verkaufen, als ich zum ersten Male den dänischen Marinelieutenant Atting traf. Sein Name siel mir auf, ich erfuhr, daß eNein Landsmann und der Bruder des Rittmeisters von Alting war, mit dem mich einst Waffenbrüderschaft und Freundschaft verbunden hatten. Dieser dänische Alting war ein liebenswürdiger, junger Mann, schön und von jenem bestrickendem Zauber, dem selbst Männer wie ich unterliegen können. Er klagte mir, daß er um eines geliebten Weibes willen Vaterland und Carriöre aufgegeben, und sie schon nach der Geburt des ersten Kindes begraben habe, daß er nicht wifle, was er mit dem einjährigen Knaben beginnen solle, und sich um ihn sorge und gräme, well er in fremder Pflege wie ein zartes Pflänzchen hinwelke. Es fiel ihm sicherlich nicht ein, dabei an mich zu denken, weil er bereits gemerkt hatte, daß ich mit Paulsen und einer deutschen Wirthin allein in meiner Farm hauste. — Aber, — ich hatte die Mutter seines Kindes geliebt und — nenne es deutsche Schwärmerei oder Gefühlsduselei — genug, mir war's urplötzlich, als stände die Tobte vor mir mit flehend er« hobenen Händen, um meinen Schutz zu erbitten für ihr verwaistes Kind, und von dieser Vision gewaltsam bezwungen, machte ich ihm das Anerbieten, den Knaben ohne irgend welchen Entgelt zu mir zu nehmen, was er mit Freuden annahm.
Und dieser Knabe warst Du, — Hans Justus von Alting, Sohn des Lieutenant von Alting! — So kamst Du zu mir, und wir Alle, ich, Paulsen, besonders aber in den ersten Jahren unsere gute Frau Reimers, hegten und pflegten Dich wie unser eigenes Kind, — eine Liebe, die Du uns reichlich vergolten hast. Unsere einzige Sorge und Angst galt jetzt nur Deinem Vater, der ja das Recht befaß, Dich zu jeder Stunde wieder abzuholen.
Aber vier Jahre verstrichen, ohne daß er sich bei mir sehen ließ. Zufällig erfuhr ich, daß er sich nach dem Tode Deiner Mutter bald wieder verheirathet hatte und zwar mit einer Tochter des Südens, welche ihn zum Eintritt in das Sclavenhalter-Heer veranlaßt hatte. Der große Krieg wüthete damals schon in furchtbarer Weise, es fiel mir aber nicht ein, die Waffen wieder zu ergreifen, da ich ja für Dich sorgen mußte. Unsere Gegend blieb auch vollständig vom Kriege verschont, doch athmeten wir alle wie befreit auf, als der Friede endlich geschloffen wurde. Da erschien eines Tages Dein Vater, der bislang keine Zeit gehabt, sich nach seinem Kinde umzuschauen, wie er sagte, um mir mitzutheilen, daß er wieder verheirathet und im Besitz eine« zweiten Sohnes sei. Er meinte, es sei seltsam, daß beide Söhne ihm glichen, ™jwf die Augen, die sein Sohn Hans von seiner Mutter besäße. Ich machte ihm den Vorschlag, Dich mir als Sohn zu überlassen, zumal man Dich dafür halte, worauf er sich freilich nicht einlassen wollte, mir aber dankbar dafür war, wenn ich Dich noch behalten und für Deine Erziehung sorgen wollte.
„So warst Du uns vorerst wieder gesichert. Ich unterrichtete Dich bis zu Deinem zehnten Jahre, wie Du Dich ja noch erinnerst, und sandte Dich dann nach St. Louis zur richtigen Ausbildung. Seltsamerweise erschien Dein Vater stets in Deiner Abwesenheit auf der Farm, und hat Dich auch nie während der Schulzeit in St. Louis besucht. Was ich angestellt habe, um Dich zu behalten, will ich hier nicht erörtern, genug, daß er auch die zweite Frau verlor, in seinen Vermögens • Verhältnissen zurückkam und an seinem jüngsten Sohne wohl wenig Freude haben mochte. Der Zufall wollte es auch später nicht, daß Ihr Euch träfet und Du den leiblichen Vater von Angesicht zu Angesicht sehen
solltest. Das letzte Mal aber, als er hier war, — Du warst just auf einige Tage mit Sander verreist, — es find heute, wo ich dieses für Dich nieberschreibe, zwei Jahre fittbem verflossen, da schien Lieutenant Alting eine krar^hast« Sehnsucht nach Dir zu haben und sehr niedergedrückt ru sein. „Ich nehme Ihnen den Justus nicht/ sagte er zu «L „Sie haben ihn, wie ich gehört, zu einem tüchtig« Mensch« et*
bar danke ich Ihnen noch in meiner Sterbestunde. Vielleicht ist diese nicht mehr fern, ich fühl'«, daß mir der Tod in der Brust fitzt. Sie haben meinen Bruder Justus gekannt, er hat das väterliche Rittergut «üinghof hoch oben im Schleswig'fchen im Besitz, während ich «in Baarvermöge« empfing. Wie ich erst kürzlich von einem Landsmann erfahren, lebt er dort noch und zwar unvermählt. Sr wird sich nicht weigern, meinen ältesten Sohn um seiner Mutter willen zu adoptiren, denn mein Bruder Justus ist edel und gut, ein viel besserer Mensch als ich. Ich weiß, daß er diesen trefflichen Sohn lieben und mir dafür Dank wissen wird. Versprechen Sie mir, dieser Bitte eingedenk zu sein und unseren Sohn, denn Sie haben ein höheres Recht noch an ihm, zu dieser Reise zu bewegen, ja, ihn womöglich selber meinem Bruder zuzusühren." Ich gab ihm die Hand darauf und entschloß mich nach seiner Abreise zu dieser Niederschrift, die ich Dir als meinen letzten Wunsch, als mein Testament an's Herz lege, falls Gott mich nun früher als Deinen Vater abrufen sollte, Deine Zukunft aber, Angesichts der auf unserer Farm haftenden Schulden unsicher ist, so betrachte ich diese Aussicht als ein Glück, weil es mir auch Gewißheit eröffnet, daß mein Name von jedem! Flecken gereickat wird. Paulsen soll mich begleitend
Hier endete das Schriftstück, welches dem jung« Manne so plötzlich einen geachteten Namen und einen geltMen Vater raubte und ihn jener Menschenklaffe zugesellte, die man eine zweifelhafte nennt, deren Persönlichkeit und Name einen be* rüchtigten Klang besitzt.
„Und was hindert mich daran, dieses Papier, beffen Tragweite der gute Vater gar nicht zu ermessen vermochte zu vernichten und mich nach wie vor Justus Romberg zu nennen?" murmelte er, sich stramm aufrichtend. „Weshalb soll ich Almosen annehmen von diesem Alting, anstatt der eigenen Kraft zu vertrauen und meine Zukunft mir selber zu gestalten?"
Er warf das große Schrftstück auf den Tisch und wollte sich mit einem trotzigen Entschluß erheben, als sein Blick auf die Schlußzeilen fiel und dort wie angewurzelt haften blieb.
„Kann ich die Schulden zahlen durch eigene Kraft und durch die Reinheit Deines Namens, den ich in meiner Vermessenheit ferner tragen will, von jedem Fleck reinigen?" rief er verzweifelt aus. „O, mein theurer, geliebter Vater, gab's denn keinen Ausweg, um mich vor einem solchen Loose zu bewahren? Du vertrautest meiner Kraft, meinem Wissen, wie Du mir auf Deinem Sterbelager sagtest, und konntest mich hier zum Bettler erniedrigen!"
Dann fiel sein verstörter Blick auf den Brief d« dänischen Lieutenants, den er Vater nennen sollte, und der Gedanke, was aus ihm geworden wäre, wenn er als Sohn in den Händen dieses Mannes gebliebe«, wandelte feinen Trotz plötzlich in reuevolle Demuth.
„Vergieb, Du edler Todter," flüsterte er, „daß ich es nur einen Augenblick vergessen konnte, was Du für mich gethan hast, daß in der ersten Probe meine Dankbarkeit schon versagt, die doch nur allein in Opfermuth sich äußern und bewähren kann."
Mit fester Hand öffnete er jetzt den zweiten Brief, d« ihm vielleicht noch eine härtere Prüfung auferlegen follte, aber was halfs, der Kelch mußte jetzt bis auf die Hefe ae# leert werden. Sein Blick starrte auf die elegante, etwas unsichere Handschrift des Mannes, den er Vater nenrm sollte, vielleicht, ja, sicherlich die eines Sterbenden.
(Fortsetzung folgt.)


