tretend, während die anderen Knechte die Öchsen in die für sie bestimmten Hürden trieben. „Mußten aber doch unsere Augen und Ohren offen halten, weil der Joe Catton wieder unsere Gegend unsicher machen sollte, wie der alte Paulsen von Rombergs Farm mir steckte. Goddam, er hatte Recht, der Halunke war frech genug, uns am lichten Tage ein Stück Vieh auf die Seite zu bringen, — damned, Mr. Sander, wir haben ihm einen Denkzettel gegeben, er kommt so leicht nicht wieder hierher —"
„Ich wetd's dem Sherif schreiben," erwiderte Sändner kaltblütig, „dem Burschen muß das Handwerk jetzt mal gründlich gelegt werden. Ich caleulire, daß dem Vieh nichts Schlimmes dabet pasfirt ist, Jimmy?"
„Richt die Bohne, Sir! Hab' aber einen Brief vom alten Paulsen, den er mir in Verwahrung gegeben, schien Furcht vor Gatten zu haben, als ob der Schuft sich darum kümmerte. Es ist zum Lachen."
„Vielleicht witterte er Geld darin," meinte Sander nachdenklich, „Paulsen ist auk meinem Grund und Boden niedergeschlagen und geplündert worden."
„Damned!“ rief Jimmy. „Dann hat er's gethan, all rhigt, Mr. Sander, — hier ist der Brief, Joe Catton muß gehängt werden."
Er griff in das offene Rockfutter und konnte nur mit großer Mühe den Brief, der sich unten versteckt zu haben schien, herausholen, wo er allerdings nicht sauberer geworden war.
Sander las die Adresse und reichte Romberg den Brief.
„Er ist an Ihren Vater gerichtet, also jetzt Ihr eigen* thum."
Der junge Farmer nickte, warf einen Blick auf die Adresse und meinte, daß er nun anspannen und mit Pausen heim* fahren wolle.
„Ich komme zu Ihnen, um den Herrn Hauptmann noch einmal zu sehen und auch wegen des Begräbnisses," bemerkte Sander theilnehmend. „Vor allen Dingen aber den Kopf hoch, mein lieber junger Freund, und nicht zu schwarz sehen."
Romberg drückte ihm schweigend die Hand und ging dann in'» Haus, um Paulsen den Brief zu zeigen.
„Gott sei Dank, da ist er ja," sagte dieser tief auf- athmend, „darum war's dem Räuber eigentlich nur zu thun."
„Meinst Du. Alter? Sollte der Brief des dänischen Lieutenants wirklich so wichtig sein, um darüber zum Räuber und Mörder zu werden? Und was hätten wir mit diesen Allings zu thun?"
„Darüber müssen Sie den Herrn Hmptmann befragen, junger Herr!" versetzte Paulsen, ihn unruhig forschend betrachtend, „sagen Sie mir aufrichtig, wie es mit ihm steht und ob es wirklich nicht so schlimm ist, — oder — oder — ach, mein Himmel, ich seh' es Ihnen an, — er ist tobt, wozu es mir verbergen, Herr Romberg?"
Der junge Mann nickte stumm und aufstöhnend schlug der Alte die Hände vor's Gesicht.
„Willst Du lieber noch einige Zeit hier bleiben, mein alter Freund?" sagte Romberg. „Frau Sander meint, es wäre besser für Dich. Du hast daheim nicht die rechte Pflege."
„Dar ist Ihr Ernst nicht, Herr Romberg," erwiderte Paulsen, sich hastig die Thränen trocknend. „Ich gehöre auf unsere Farm und werde mich von den Schrammen auf meinem dicken Schädel doch nicht zurückhalten lassen von meiner Pflicht. Daß mein Hauptmann nun noch zuletzt hat schlecht von mir denken müssen, weil ich zu lange ausgeblieben bin —"
„Nein, Alter, darüber kannst Du ruhig fein," fiel Romberg ein, „er hat stch nach Dir, seinem alten Kameraden, gesehnt, dar ist wahr, aber Dein Ausbleiben nicht Übel gedeutet."
„Gott sei Dank!" seufzte der alte Mann. „Der Gedanke hält' mich umgebracht, junger Herr! Aber den Brief müssen Sie nun behalten und auch lesen, ja, ja, auch lesen, weil er sehr wichtig ist, wie Lieutenant Alling mir sagte. Aber nun lassen Sie un» heimfahren, ich bin nicht krank, nur ein bischen
dumpf im Kopfe, die Schrammen hat Frau Sander zugepflastert."
Romberg schob den wichtigen Brief, der eine unheimliche Angst auf seine Brust wälzte, in die Tasche und ging wieder hinaus, um selber anzuspannen, während Paulsen sich etwas schwankend erhob und dann stramm aufgerichtet das Haus verließ. Ein Händedruck für den gastlichen Wirth und seine Frau genügte als Dank und mit einer verächtlichen Geberde wies er das Ansinnen, sich in die mitgebrachten Betten zu legen, zurück, indem er sich neben seinen jungen Herrn setzte, den er von Kindesbeinen an behütet und geliebt hatte. Sein Hauptmann hatte ihm in der Schlacht bei Idstedt das Leben gerettet, eine That, die Unteroffizier Paulsen ihm tausendfach vergolten hatte, als dieser, der keine Angehörigen besaß, sein kleines vererbtes Grundstück verkaufte und mit feinem geliebten Hauptmann das Vaterland verließ, um ihm seitdem in aufopfernder Treue zu dienen.
Es läßt sich darnach leicht ermessen, mit welchem Schmerze der alte Mann jetzt bei dem Tobten stand, dessen erkaltete Hand er mit feinen Thränen benetzte, während der junge Romberg den unheimlichen Brief des dänischen Lieutenants in feinen Schrank verschloß.
Der Arme hatte keine Zeit, seinem Schmerz nachzu- hängen, jetzt galt es erst, den Vater in die Gruft zu betten und dann einen Entschluß für die Zukunft zu fassen.
Alle Deutschen der Umgegend waren gekommen, dem alten Hauptmann die letzte Ehre zu erweisen, auch ein deutscher Pfarrer, der die Seelsorge In der kleinen Gemeinde übernommen hatte. Schließlich gab man ihm noch die militärischen Ehren-Salven mit in's Grab, was dem alten Paulsen zur ganz befonderen Genugthuung gereichte.
Und dann trat eine Pflicht an den jungen Romberg heran, die wie ein Alp auf ihm lastete und der er sich doh nicht entziehen durste. Er war rurückgekehrt von dem Be« gräbniß und saß nun einsam in seiner Stube, vor sich äns dem Tische zwei noch uneröffnete Briefe, die ihm wie ein unheimliches Räthstl erschienen, dessen Lösung er wie ein unbekanntes Schreckbild fürchtete.
Standen diese beiden Briefe mit einander in Verbindung? — Unwillkürlich schauderte der junge Mann zusammen, da er zu viel von den Altings gehört hatte, ohne freilich den Vater und Sohn jemals gesehen zu haben, um nicht beide zu verabscheuen. O, dürste er diese Briefe uneröffnet verbrennen I
Plötzlich ergriff et den Brief seines Vaters, löste dar Siegel und zog den Bogen entschlossen heraus, worauf er zu lesen begann. Er wurde immer bleicher dabei. — Nach einer Weile stöhnte er laut, ließ den Bogen fallen und schlug beide Hände vor sein Gesicht, das ganz entstellt erschien.
„D, meine Ahnung, meine Ahnung!" flüsterte et, „ver- gieb, mein theurer Vater, daß ich Dir hierin nicht gehorchen kann. Warum hast Du mir dieses Schreckliche nicht erspart, 1 mich nicht in glücklicher Unwissenheit gelassen?"
Er sprang auf und schritt in furchtbarer Erregung aus und ab. Dann nahm er den Brief wieder vom Fußboden, drückte ihn an seine Lippen und weinte wie ein Kind in herzbrechender Verzweiflung.
Endlich, als er ruhiger geworden war, setzte er fich wieder hin, um das Testament des Verstorbenen, denn ein solches war es für ihn, noch einmal langsam durchzulesen.
Dieses lautete wie folgt:
«Mein geliebter Sohn! — Wenn Du .diese Zielen liesest, bin ich nicht mehr unter den Lebenden. Zürne mir nicht, wenn ich Dir mit der Eröffnung, daß uns nur das Band innigster Liebe, nicht das des Blutes verbindet, daß Du mein Sohn nicht bist, zum zweiten Male Schmerz bereiten muß. Ich sagte es Dir nur deshalb, um Dich auf die Enthüllung Deiner Geburt vorzubreiten und sah mit großer Bekümmerniß, wie grausam das hingewotfene Wort Dich schon traf. Und doch mußte es fein, einmal wegen Deiner Zukunft, und zum andern, weil ich niemals Deines Besitzes sichet war und Dein Vater allstündlich feine Rechte geltend machen konnte.


