Ausgabe 
24.10.1896
 
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Eine stille Hoffnung war in seinem Herzen aufgegangen, wenn er seine beiden Kinder, wie er Justus und Ellen nannte, miteinander verkehren sah, obwohl sein scharf beobachtender Blick noch keine Verwirklichung entdecken konnte.

Lasten der Herr Rittmeister uns nur Zeit," tröstete ihn Paulsen, der sein täglicher Begleiter und Vertrauter geworden war, weil der frühere Unteroffizier ein unerschöpflicher Born der Vergangenheit für ihn war.Ich sage immer, nur nichts über's Knie brechen, so was muß seine Zeit haben wie das Keimen und Blühen im Frühjahr. J4 kenne meinen jungen gnädigen Herrn, der hat sich nie um Liebesgeschichten bekümmert, aber als er zum ersten Male die gnädige Baroneffe sah, na, da wußte ich gleich, was die Glocke bet ihm ge­schlagen hatte."

Und was meint Ihr, sollte die Baroneffe"

Na und ob!" flüsterte Paulsen mit einem schlauen Augenblinzeln,der Herr Rittmeister können mir's glauben, daß ich mich daraus verstehe. Ich war in meinen jungen Jahren"

Ein rechter Thunichtgut, wie es irgendwo in einer Oper heißt," unterbrach ihn der alte Herr lachend,ja, das kann ich mir vorstellen. Aber ich will nicht hoffen, daß meine Tochter sich irgend etwas vergiebt," setzte er stirnrunzelnd hinzu.

Halten zu Gnaden, Herr Rittmeister, wenn das ein An­derer gesagt hätte es wäre eine Beleidigung, die nicht so hingehen dürste. Aber wenn Herr Rittmeister nur bedenken wollen, daß der Tobte doch immerhin sein Bruder, der Sohn seines leiblichen Vaters gewesen ist, und daß mein junger Herr immer ein ernster, pflichtgetreuer Mann, sogar schon als Knabe war."

Run hört aber auf," fiel der Baron laut lachend ein, sonst macht Ihr ihn schon in den Windeln zu einem ernsten Mann. Ra, nicht» für ungut, alter Bursch, ein Körnchen Wahrheit liegt doch in Eurer Rede. Ich vergeffe immer, daß mein Sohn Justus auch drüben viel verloren hat, das sich nicht im Handumdrehen ersetzen läßt. Ich habe Euren Hauptmann Romberg gut gekannt und bin meinem Bruder von Herzen dankbar dafür, daß er seinen Erstgeborenen ihm anvertraute. Run will ich versuchen, mir seine Liebe zu ge­winnen, meint Ihr, daß es mir gelingen wird?"

Das ist dem Herrn Rittmeister schon vollauf gelungen," ries Paulsen, dem die Augen feucht geworden waren,er sagte mir noch gestern, wie er fich heimisch sühle bei solchen edlen Verwandten, und wie dankbar et seinem Pflegevater sei, daß er ihm diese Reise in seinem letzten Willen zu einer heili­gen Pflicht gemacht habe. Ja, Herr Rittmeister, so sagte er und dann meinte er noch, daß er oft sehr ängstlich darüber wäre, ob er genug verstände, um seine Pflichten äuch hier erfüllen zu können, namentlich von wegen der großen Land- wirthschast, denn wir hatten doch drüben nur eine kleine Farm. Er lernt ja immerfort au» den Büchern, aber unruhig ist er doch, denn, Herr Rittmeister werben'- ihm nicht wieder sagen, aber er hat ein so feines Ehrgefühl und da grämt er sich im Stillen, daß er die Schuld, die der Herr Rittmeister an den Rinderfarmer drüben bezahlt hat, noch auf lange Zeit nicht abtragen könnte, weil er die Wirthschast hier nicht ver­stände."

Run ist'» aber genug," rief der Baron, sich polternd erhebend und mit großen Schritten auf- und abgehend.Ist Justus Alting mein Reffe oder nicht? Soll ich ihm viel­leicht einen Tagelohn auszahlen oder habe ich ihm schonjVor- würfe gemacht? Wofür seid Ihr denn eigentlich mit herüber gekommen, alter Faselhans, und renommirt damit, daß Ihr ihn großgezogen habt, wenn Ihr nicht einmal soviel Grütze im Kopf habt, um ihm solchen Unsinn auszutreiben? Er ist ein tüchtiger Landwirth, der fich aber mehr ab- rackert, als er nöthig hat, das sagen alle meine Leute, vom Jnspector bi» zum Kuhjungen herab, die alle für ihn durch'» Feuer gehen, da» sagen die Dorfbewohner, da» sagen meine Freunde, da» pfeifen die Spatzen von den Dächern und schließ­lich stimme ich mit ein, ist da» noch nicht genug?"

Sagt'» die gnädige Baroneffe auch?" fragte Paulsen, vergnügt lächelnd.

Der Baron starrte ihn verdutzt an.

Eigentlich hab' ich'» noch nicht von ihr gehört," erwiderte er langsam und nachdenklich,wenn ich'» gethan, und da» ge­schieht eigentlich mehr, al» nöthig ist, dann nickt sie nur und lächelt, sagt aber kein Wort dazu."

Hm," meinte Paulsen,weil sie Furcht hat, daß der Herr Rittmeister dann was merken könnten. Immer Zeit laffen, ich versteh' mich darauf I"

Alter Renommist I" murrte der Baron.Ihr müßt übrigens ein wunderliches Volk drüben zwischen den echten Amerikanern sein, die doch nur nach dem Geldsack fragen. Der Willi Sander, ein tüchtiger Cavallerist «ar er und mein be­sonderer Günstling bei der Ercadron, schreibt mir da mir nichts dir nichts, daß Herr Justus Romberg ihm keinen Heller schuldig sei, weil er ihm die Farm überlassen habe. Run könne er das Geld seinem Rittmeister nicht zurückschicken, weil er dazu viel zu viel Subordination noch im Leibe habe. Er, der Sander nämlich, wolle die Farm nun verkaufen und fragt an, ob's dem jungen Herrn recht wäre. Ra, was erzähl' ich'» denn noch einmal, hab' Euch den Brief ja selber vorgelesen, alter Duckmäuser, der Ihr seid! Aber verdrehte Köpfe seid Ihr nun einmal, selbst der Justu« hat seine Mucken, die ihm in seinem deutschen Vollblut stecken. Der Andere," setzte er leiser hinzu,Gott schenk' ihm die ewige Seligkeit, der war ein echter Dankee."

Das Vollblut ist doch besser, Herr Rittmeister!"

Ja, alles Halbe taugt nicht, aber dis Mucken werde ich ihm doch noch austreiben."

Der Frühling bringt schwere Arbeit in Wald und Flur, in Feld und Garten. Aber die Leute schafften mit Lust und Liebe überall auf dem Gute Altinghof, weil sie der Zu­kunft für sich und die Ihrigen mit ruhiger Zufriedenheit ent­gegensehen durften. Einen solchen Herrn, der Allen in treuer Pflichterfüllung mit dem eigenen Beispiel voranging, der gerecht war und langmüthig, nachsichtig mit den Schwachen und da» Alter schonte, ja, selbst den Trägen und Widerspenstigen zu besiegen und umzuwandeln verstand, einen solchen Nachfolger de» Herrn Rittmeisters konnte man sich schon gefallen laffen, obgleich man ihn anfangs schon gefürchtet hatte wegen seiner Aehnlichkeit mit dem Bruder.

Es war ein prächtiger Frühling, im Walde sangen die Vögel, überall grünte und blühte es in üppiger Lust und im dichtbelaubten Park des Schlosse« ließ die Nachtigall ihre Lieder erklingen. Da fanden sich auch zwei Herzen, die beim ersten Gruß schon für einander geschlagen hatten und nun im Lenzzauber das Weihefest einer reinen selbstlosen Liebe feierten.

Al» sie dann Hand in Hand vor den alten Baron hin­traten, da schloß dieser sie wortlos in seine Arme. Die Freudenthränen in seinen Augen war der schönste Segen für diesen Herzensbund, durch welchen sein höchster Wunsch er- füllt wurde.

Das hab' ich mir gleich gedacht," sagte der Förster Erichsen, als Paulsen ihm die Verlobung mitthetlte,denn al» ich diesen zweiten Neffen au« Amerika sah, da dachte ich in meinem Herzen, den hat 'der liebe Gott eigen» für unsere Baroneffe herübergeschickt."

Ja, und der Herr Rittmeister wollt'« partout mit Dampf betreiben, ich aber sagte immer, Zeit laffen Zeit laffen, erst muß e« keimen und dann erst grünen, wenn wir uns nur immer nach der alten Mutter Natur richten wollten. Ich kenne meinen jungen Herrn wie meine eigene Tasche, Herr Förster, er ist scheu gegen die vornehmen Ladvr, mit denen er nie umgegangen ist, und hätte e« nie 'gewagt, ihr seine Liebe zu gestehen, obschon ich'« Beiden ansah, denn darauf versteh' ich mich. Na, der wilde Herr John hat wohl einen anderen Geschmack gehabt, da» soll ja ein wahre« Teufelsweib gewesen sein."

Na, hübsch war sie, da» kann ich Ihnen sagen, Herr