Ausgabe 
24.3.1896
 
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Ilse erzählt und durch ihn hatte sie Jntereffe für diese seltene, hingebungsvolle Natur gewonnen, wenn sie sich auch sagte, daß sie in ähnlichem Falle vorsichtiger gehandelt und nicht dar Herz so ganz mit dem Verstände hätte durchgehen kaffen.

Daß die Liebe in einem Frauenherzen eine solche Ueber- macht gewinnen könne, um über so wichtige Bedenken sich hinwegzusetzen und allein dem Drange, des Geliebten Wünsche zu erfüllen, nachzukommen, das verstand sie nicht. Eine Liebe, bei der nicht auch die Vernunft ihr gewichtiges Wort mit- spricht, war für sie etwas Undenkbares, auch glaubte sie nicht an ein Eheglück, das sich nicht auf den soliden Grundlagen geistiger Gemeinschaft und eines gesicherten Vermögensstandes aufbaute. Befaß sie überhaupt die Fähigkeit, zu lieben? Auch daran zweifelte sie bisweilen. Sie konnte sich als gefügige Gattin nicht denken und die Gefügigkeit war doch ihrer Mei­nung nach eine Bedingung zum friedlichen Eheleben mit einem Manne. Dagegen fühlte sie sich zur idealsten Freundschaft fähig und zu allen Opfern bereit, die sie von ihr fordern könnte.

So wußte denn auch der Pastor von ihrem Freund- schaftrverhältniß mit Axel von Menzelen und oft, wenn sie von dieser Freundschaft sprach und dazu ihre Grundsätze ent­wickelte, die immer darin gipfelten, daß eine Künstlerin nur ihrer Kunst leben dürfe und der Ehe entsagen müsse, lächelte er still vor sich hin und dachte, wie alle diese Theorien so leicht brüchig würden, sobald die Frage ernstlich zur Entschei­dung heranträte. War er doch innerlich davon überzeugt, daß Käthes warme Freundschaft zu Axel doch im Grunde Liebe sei, die nur noch unbewußt in ihr schlummere und eines Tages erwachen und alle Zweifel und Bedenken wie im Wind­hauch davontragen würde. Freilich gehörte dazu, daß Axel von Menzelen diese Liebe erwiderte.

Darüber war sich der Pastor freilich nicht ganz klar. Daß er sie werth, sehr werth hielt, da« hatte er wohl bei den seltenen Gelegenheiten, in denen er die Beiden zusammen gesehen, bemerkt. Niemand konnte ein achtungsvolleres Ver­halten, mehr Aufmerksamkeit zeigen, als er für Käthe. Und wenn für eine der Damen im Molden'fchen Kreise, so hatte er für sie zuweilen einen weicheren Ton in der Stimme, einen wärmeren Strahl im Auge. Seiner Empfehlung verdankte sie ja auch die Bestellungen des Grafen Molden, der sie zu ihrer Ausführung für Monate in sein Haus eingeladen hatte, eine Auszeichnung, die nicht Vielen zu Theil wurde, da der Graf ein sehr stolzer Mann und sehr darauf bedacht war, seine eben erwachsene Tochter nur in gleichgestellten Kreisen sich bewegen zu lassen.

Da« Alle« sprach wohl für die Annahme wärmerer Ge­fühle für die Jugendgespielin, andererseits jedoch hatte sie die Mittheilung Frau von Belltns, daß Graf Molden ihn zum Schwiegersohn ersehen habe, den Pastor stutzig gemacht.

Da sie ihm Vieles über die Amerikanerin erzählt, welche jetzt so verhängnißvoll sich zwischen Ilse und ihren Gatten gestellt hatte, drängte es ihn, mit ihr Rücksprache über das Geschehene zu nehmen. Ihm schien es Pflicht, auch gegen Ilses direkten Willen, Wolf wenigstens nicht ungewarnt in fein Unglück gehen zu lassen. Jedenfalls wollte er Käthe zu Rathe ziehen und vielleicht ihren Beistand erbitten.

Die Gesuchten saßen wirklich unter der alten Linde. Käthe, den Kopf an ihren Stamm gelehnt, den Blick gedanken - voll in die duftende Ferne getaucht, Comteß Helene, eine nicht gerade hübsche, doch jugendfrische Erscheinung, neben ihr, in lebhafter Unterhaltung mit Axel begriffen, der vor den beiden Damen in einem Gartenstuhle lehnte, den er leise wiegend hin und her bewegte.

Er galt trotz seiner reservirten Art doch für einen ge­wandten Causeur, der mit Tact in jeder Gesellschaft den rich­tigen Ton zu treffen wußte. Scharf im Urtheil, zuweilen gar schonungslos, hatte er doch stets so viel Selbstbeherrschung, damit nie am ungeeigneten Orte hervorzutreten.

Auch jetzt wußte er das Gespräch ganz in den dem Denken und Fühlen eines noch sehr jungen Mädchens an­gemessenen Grenzen zu halten. Als alter Freund des Hauses

- sein verstorbener Vater war Studiengenoffe des Grafen Molden, seins Mutter noch entfernt verwandt mit der Gräfin gewesen hatte er vielfache Anknüpfungspunkte mit der jungen Comteß. Man sprach von Diesem und Jenem aus der Gesellschaft, wagte wohl auch einen Streifzug in die Kunst und Literatur, ohne sih irgendwo zu vertiefen oder auf ernstere Fragen, wie er sie mit Käthe zu verhandeln liebte, einzugehen.

Der Pastor wurde von den jungen Damen lebhaft, von Axel höflich bewillkommnet. Man rückte ihm einen Stuhl hin und bat ihn, Platz zu nehmen, was er indessen ablehnte. Er habe nur Comteß Helene begrüßen wollen, die er schon beim Lawntennis vergeblich gesucht habe.

Wird schon gespielt?" fragte sie.

Man hat eben begonnen, ich glaube, Sie wurden ver­mißt."

Wirklich? Ja, ich habe versprochen, mitzuspielen und sviele ja auch so gern!"

Darf ich Sie hingeleiten?" fragte Axel aufspringend und bot der jungen Dame seinen Arm.

Und Sie?" fragte sie, ihn mit leisem Erröthen an­nehmend.

Sie wissen, ich spiele nie."

Er war schon vorwärts geschritten, in einiger Entfernung folgten der Pastor und Käthe.

Diese hatte sogleich des würdigen Herrn Absicht ver­standen und sah ihn gespannt an.

Sie haben mir etwa« zu sagen, Herr Pastor?"

Errathen Sie es? Nun ja und ich bin froh, daß es mir so rasch gelungen ist, Sie allein zu sprechen- Sie wissen vielleicht schon, daß Ilse zurückgekehrt ist, allein, ohne Gatten und in das Hau« der Mutter?"

Ich hörte davon und war erstaunt."

Wissen Sie auch, wer die directe Ursache davon ist?" Adeline Graham, wie ich voraussetze."

Wie, Sie haben also auch schon davon gehört?"

Auch schon davon, lieber Herr Pastor, die Welt ist so klein

Ja, ja, ich erinnere mich jetzt, auch Bruno sprach davon, daß irgend Jemand der Dame in Italien begegnet sei und sie von ihrer Absicht gesprochen habe, nach Corfu zu gehen."

So ist es und als ich da« hörte, habe ich mir sofort Alles zusammengereimt. Sie ist wirklich eine Sirene, diese schöne Adeline, wie ich ihr Bild getauft habe, und wenn sie will, gelingt ihr bei den Männern Alles."

Sie denken sehr klein von unserem Geschlecht. Ich meine doch"

Daß es Ausnahmen giebt, gewiß, Herr Pastor; aber Wolf von Menzelen gehört sicher nicht zu diesen Ausnahmen!"

Sie wollen damit doch nicht sagen, daß Sie ihn für rettungslos verstrickt in die Netze dieser Zauberin halten?"

Das glaube ich allerdings."

Ach, und ich hoffte so sehr auf Ihren Beistand, Fräu­lein Käthe. Wenn Jemand, so könnten Sie ihn warnen"

Warnen, wovor? Was geschehen ist, weiß er, auch, war sie ihm angethan hat."

Ihm angethan?"

Nun ja, auch mit ihm hat sie ja gespielt, ihn bis zur Leidenschaft gereizt, um ihn dann mit der Nachricht zu über­raschen, daß sie schon verlobt sei"

Der Pastor schüttelte den Kopf.

Und dennoch, dennoch, es ist unbegreiflich!"

Sie wird ihn zu überreden gewußt haben, daß sie die Verlobung mit Axel nur aufgelöst habe, weil sie ihn liebe. Und doch that sie es sicher nur, weil Axels Hoffnungen auf die Erbschaft durch Wolfs Heirath ihr vernichtet erschienen."

Und nun speculirt sie auf Wolf, trotzdem er bereit« vermählt ist?"

So wird e« wohl sein. Wovor scheute eine Dame zurück, deren Lebensziel und Zweck darin besteht, Männerherze« zu erobern und sich anbeten zu lassen."

(Fortsetzung folgt.)