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Um so schroffer lauteten die Aussagen der alsdann vsrnom. menen Leute des „Nordstern", vor Allem jedoch Bobs, Toms und des Schiffsjungen. Namentlich der Bericht Bobs über das von ihm beobachtete Ringen zwischen dem Steuermann und Charley und über die vorangegangene Behandlung des letzte« ren durch Mac Clearnce machte auf den Gerichtshof wie auf die Zuhörer großen Eindruck und mit unverhehltem Abscheu blickte Alles auf den offenbaren Mörder einer wackeren Theer» jacke, wie Charley ja gewesen war.
Unter diesen Umständen hatte der öffentliche An- klüger leichtes Spiel, er malte auf Grund der vernichtenden Zeugenaussagen den ganzen Character Mac Clearnces und seine Haltung gegenüber der Mannschaft des «Nordstern in den schwärzesten Farben und beantragte schließlich gegen den Schotten wegen des zweifellos nachgewiesenen Ver- brechens an dem Matrosen Readers den Tod durch den Strang. Eine lebhafte Bewegung ging bei dieser ver- hängnißvollen Wendung in der Rede des Vertreters der Anklagebehörde durch die gefammte Versammlung und unter der allgemeinen Aufregung ging die matte Erwiderung des Officialvertheidigers rasch verloren. Mac Clearnce selber war bei den Schlußworten des öffentlichen Anklägers zusammengezuckt und blickte den Mann der strafenden Gerechtigkeit mit starren Augen an. Schon wollte der Präsident das Zeichen für die Mitglieder der Jury geben, sich zur Fällung des Wahrspruches zurückzuziehen, da ertönte es plötzlich aus den hintersten Reihen im Zuhörerraume mit kräftiger nur etwas rauher Stimme:
„Holla, Gentlemen, jetzt, denk ich, könnt ihr genug haben, denn ich will mich kielholen lassen, wenn's den Steuermann nicht an den Kragen folll Well, da aber meiner Mutter Sohn damals noch gut davon gekommen ist, so mein' ich, daß der Schotte nicht zu hängen braucht, obwohl der Schuft so 'nen kleinen Halrkitzel ganz gut verdient hätte!"
Gleich als die ersten Worte an mein Ohr geklungen waren, hatte ich mich erregt erhoben, um nach der Richtung zu blicken, von welcher her sie ertönten, dasselbe thaten meine Leute und auch der Steuermann starrte, die Augen weit geöffnet und die Brust schwer athmend, nach jenem Winkel des Saales — das war ja die Stimme Charleys, die wir Alle vernommen hatten! Und in der That, jetzt tauchte er, der Todtgeglaubte, im Hintergründe des Saales auf, es war kein Zweifel möglich, diese kräftige untergesetzte Gestalt, mit den unendlich gutmüthigen GestchtSzügen, den eigenthümlich zwinkernden Augen, und besonders mit der Warze auf dem linken Nasenflügel, das mußte doch unser Charley sein! Er machte indessen selber auch der letzten etwaigen Ungewißheit ein Ende, indem er uns vergnügt zunickte und einen Strahl Tabaksaft aus dem linken Mundwinkel seitwärts sendend, ausrtef:
„Well, Cap'tain, und Ihr Boys, habt mich natürlich für mausetodt halten müssen, als ich in jener Nacht bei den Canarifchen Inseln nicht wieder an Deck des „Nordstern" auftauchte. S' war aber 'ne verdammt einfache Sache und will ich Euch das Garn spinnen, wenn's die Gentlemen am grünen Tisch dort erlauben, denn —"
Aber der brave Charley wurde in der Fortsetzung seines Speech durch die im Saale allgemein herrschende Unruhe und vor Allem durch Bob unterbrochen, der mit jauchzender Stimme in den Lärm hineinrief:
„Hurrah, Charley, alter Bursche, so bist Du's also wirklich, und ich hätte doch gewettet, daß Dich längst die Fische gesreflen hätten — well, ich denke, der Jux ist 'ne Pinte Porter werth, wart' nur, Male, bis wir Alle aus diesem dumpfigen Saal heraus sein werden!"
Jetzt legte sich aber der Präsident ernstlich in» Mittel, um Ruhe zu stiften und dann Klarheit in die ganze wunderliche Begebenheit zu bringen, durch welche die Gerichtsverhandlung so merkwürdig unterbrochen worden war. Charley wurde vor den Gerichtshof beordert, wir Zeugen und ebenso der Steuermann agnorcirten ihn übereinstimmend al« den
vermißten und todtgeglaubten Matrosen Charley Readers vom „Nordstern," und zum Ueberflusse konnte er sich auch durch Papiere ausweisen. Nunmehr mußte Charley berichten, welche Bewandtniß es mit jenem Verschwinden vom „Nordstern" eigentlich auf sich hatte. An jenem verhängnißvollen Abend war er von dem Steuermann wegen einer Kleinigkeit wieder einmal furchtbar abgekanzelt und mit Schlägen tractirt worden, bei denen Charley dann hingefallen war- Mit verdoppelter Wuth hatte ihn nachher der Steuermann gepackt und mit Erwürgen bedroht, so daß Charley in seiner Angst auf die Regeling gesprungen war. Hier kam ihm der Gedanke, ins Meer zu springen und sich nachher durch Schwimmen ans Land, das Charley nicht soweit entfernt glaubte und welches er, da er ein vorzüglicher Schwimmer war, auch zu erreichen hoffte, zu retten- Was nachher weiter aus ihm werden sollte, war dem Matrosen ganz gleichgültig, sür ihn handelte es sich zunächst nur darum, der unerträglichen Tyrannei des Steuermanns zu entrinnen. Ohne Weitere« führte er den tollkühnen Plan auch aus, stieß den Steuermann, welcher die verzweifelte Absicht des Matrosen merkte und ihn zurückhalten wollte, mit ingrimmiger Wuth zurück und sprang hinunter ins Meer. Als er aber im Wasser plätscherte, war ihm ein neuer Gedanke gekommen, den er auch sogleich ausführte; er schwamm auf die Schiffsketten zu, kletterte an denselben in die Höhe und hielt sich dann am äußersten Ende des Bugspriets verborgen. In diesem Versteck war Charley geblieben, bis er im Morgengrauen ein seitwärts gegen den „Nordstern" heransegelndes Schiff entdeckt hatte. Dann war Charley vorsichtig an den Ketten wieder heruntergeklettert und hatte sich geräuschlos erneut dem Meere anvertraut, indeß der „Nordstern" ruhig weitersegelte. Von dem herankommenden Schiff wurde der waghalsige Mensch nachher glücklich aufgefischt, er erwies sich al« ein gleichfalls nach London bestimmter Kaufs-hrer au« Colon. Dem Capi- tain band Charley ein rasch ersonnene« Märchen auf, und jener hatte unfern Aurkneifer denn auch nach London mitgenommen. Hier war Charby durch eine Zeitungsnotiz auf den bevorstehenden Prozeß gegen den Steuermann Mac Clearnce ganz zufällig aufmerksam geworden, selbstverständlich hatte er nichts Eiligeres zu thun gehabt, als sich in der Gerichtsverhandlung einzufinden, deren Gang durch das un- vermuthete Auftauchen des todtgeglaubten Matrosen sozusagen vor Thoresschluß, vor der Verurtheilung de« Schotten, eine so sensationelle Wendung genommen hatte.
Unter den obwaltenden völlig veränderten Verhältnissen mußte natürlich das ganze Verfahren gegen den ehemaligen Steuermann des „Nordstern" eingestellt werden und blieb er nur so lange noch in Haft, bis die unerläßlichen Formalitäten erledigt waren. Am Morgen nach seiner Haftentlassung erschien Mac Clearnce in meiner augenblicklichen Londoner Wohnung, die ich ihm noch im Gerichtrsaale genannt hatte und erklärte mir, daß er den Seemansberuf aufgeben und nach Amerik, gehen wolle, um eine neue Laufbahn einzuschlagen und ein anderer Mensch zu werden. Dann drückte er mir ein alte« Portefeuille in die Hand, mit der Bitte, dessen Inhalt an Charley Reader» gewissermaßen al» eine Schenkung seines ehemaligen tyrannischen Vorgesetzten zu überbringen, schüttelte mir zum Abschiede stumm die Rechte und verschwand aus dem Zimmer — ich habe nie mehr etw:« von Mac Clearnce gehört. Das Portefeuille aber enthielt in Banknoten die Summe von 250 Pfund Sterling und einen Zettel, auf welchem geschrieben stand, daß diese 250 Pfund die Hälfte des Vermögens Mac Clearnces bildeten. Ec b tie Charley Readers den Betrag anzunehmen, als eine kleine Sühne für das Unrecht, da» er, der Steuermann, jenem angethan habe. Sobald ich konnte, verfügte ich mich nach der Herberge Charleys und händigte ihm die mir übergebene Summe ein, die der Matrose selbstverständlich unter großem Staunen, aber mit Bekundung versöhnlicher und dankbarer Gesinnung gegenüber dem Spender annahm.
Rebaction: il. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverslMS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schryda) in Bietzen.'
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