Eben als ich den Fuß auf Deck setzte, hörte ich etwas Schweres ins Wasier fallen, zugleich sah ich Mr. Max Cle- arcs am Bollwerk lehnen, hell bestrahlt vom Lichte der Lampe des Compaßhäurchens, doch war der Kopf des Steuermannes dem Wasser zugekehrt, als ob Max Clesrce dort etwas beobachte.
Ich schritt auf den Steuermann zu, das Geräusch meiner Schritte bewog ihn offenbar, aufzublicken — aber es war ein bleiches, angstverzerrtes Antlitz, das sich mir zukehrte, während die Hände des Mannes schier krampfhaft die oberste Kante des Bollwerks umklammert hielten.
„Was ist's Stenermann?" redete ich den Verstörten an, „etwas nicht ganz klar an Deck, wie?"
Mac Clearce staute mich einen Moment an, dann aber schrie er plötzlich, auf die nur leicht bewegte See deutend:
„Laßt das Boot herab, Sir, schnell, schnell, Charley ist über Bord gesprungen, wir müssen den Unglücklichen retten I"
Schon wollte der Steuermann nach Hackbord eilen, um das dort befestigte kleinere Boot loszumachen, als ich ihm die Hand auf feine Schulter legte und mit ernster Stimme sagte: „Halt, Mr. Mac Clearce — weshalb soll das Boot bemannt werden?"
„Für Charley", stammelte der Schotte, wild um sich blickend, „für Charley — er ist über Bord — er sprang von selber in die See — vorwärts, vorwärts, Capitän, wir haben keine Minute mehr zu verlieren!"
„Wenn Charley über Bord ist," erklang jetzt vom Steuerruder her die Stimme Bobs, „so will ich gektelholt werden, wenn ers freiwillig gethan hat. Ja, Capitän," rief Bob mit erhöhter Simme aus, „ich kanns bezeugen, daß der arme Kerl vom Steuermann über Bord geworfen worden ist! Kaum hatte ich Mr. Mac Clearce für 'ne Weile am Steuer abgelöst, als er auf Charley losfuhr, der dort an der Regeling hantirte und ihn unter höllischen Verwünschungen packte- Charley scheint sich in der Verwirrung ein bischen gewehrt zu haben, denn mit einem Male schlug der Steuermann auf ihn ein und warf ihn zu Boden. Nachher sprang Charley wieder in die Höhe, aber der Steuermann packte ihn aufs Neue, dann rangen beide miteinander, sie balgten sich am Bollwerk hin und her, nun seh' ich, wie Charley über die Regeling hinausgepreßt wird, wie ihn der Steuermann oben an der Jacke faßt, dann stoßen alle Beide einen Schrei aus — und Charley ist verschwunden! Schaut ihn an, Capitän, schaut ihn an, den Steuermann, es steht ja auf seinem Gesicht geschrieben, daß er meinen armen Kameraden auf die Seite gebracht hat!"
In der That, in dem verzerrten Gesicht des Schotten malte sich sein Schuldbewußtsein deutlich ab und überdies erhielt die kurze Darstellung Bobs ihre Bestätigung durch den Schiffsjungen, sder in diesem Augenblick vor mir auftauchte. Der Junge war, wie er gestand, heimlich aus dem Logis heraufgestiegen, um an Deck unter altem Segelzeug zu schlafen, nach seiner Versicherung hatte sich zwischen dem Steuermann und Charley Alles so zugetragen, wie dies schon von Bob berichtet worden war, auch der Junge gab der festen Heber* Mgung Ausdruck, daß Charley von dem wüthenden Schotten ins Meer geschleudert worden sei.
Ich mußte nunmehr einen Entschluß fassen. Zunächst galt es, wenigstens einen Versuch zur Rettung des verschwundenen Matrosen zu unternehmen, ich ließ deshalb durch den Schiffsjungen die anderen Leute — mit Ausnahme des von seiner Krankheit noch nicht ganz wiederhergestellten Tom — auf Deck beordern und befahl, das eine Boot klar zu machen. Ich sprang nun mit dem Amerikaner und dem Franzosen in das herabgelaffene kleine Fahrzeug, gefolgt von dem Steuermann, obwohl ich denselben gar nicht aufgefordert hatte, mich zu begleiten. Den an Bord Zurückbleibenden befahl ich, mehrere bunte Laternen ins Takelwerk zu hissen, damit wir auf alle Fälle uns den Rückweg sicherten, und rief Bob noch zu, die Brigg rückwärts zu halten, dann stieß das Boot ab. Aber obwohl wir das Meer rings um die Brigg in großem Kreise absuchten und wiederholt unsere Stimmen
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rufend über die Wasserfläche erschallen ließen, und trotzdem, daß ich mit meinem Nachtglase eifrigst nach Charley aus. spähte, es konnte von dem Vermißten nicht die geringste Spur entdeckt werden, vermuthlich war er schon längst in das feuchte Grab gesunken. Nach zweistündiger Arbeit kehrten wir wieder an Bord zurück, wo ich dem Steuermann befahl, in seine Coje zu gehen und sich bis auf Weiteres als Arrestanten zu betrachten. Ohne ein Wort der Vertheidigung an mich zu richten, schwankte Mac Clearce wie geistesabwesend fort, während ihm die ingrimmigen Flüche und Verwünschungen der Matrosen nachfolgten.
Am nächsten Morgen begab ich mich zu Mac Clearce, um ihn zu einer klaren Darstellung des ganzen Vorfalles und zu einem offenbaren Geständniß seiner auch für mich nicht mehr zweifelhaften Schuld zu veranlassen. Aber der Steuermann gab mir auf mein dringliches Zureden nur ganz unverständliches Zeug zur Antwort, er schien überhaupt nicht recht bei Sinnen zu sein, denn er hielt den Kopf fortwährend zwischen die Hände gepreßt und stöhnte meist vor sich hin, so daß ich schließlich meine Bemühungen aufgab. Mac Clearnce wurde in seine Coje eingeschlossen und überhaupt während der ganzen weiteren Reise als Gefangener behandelt, doch machte er uns gar keine Mühe, im directen Gegensatz zu seinem bisherigen aufbrausenden, gewaltthätigen Wesen, verhielt sich der seelisch augenscheinlich tief niedergedrückte Mann während der ganzen wetteren Heimreise apathisch und theilnahmlos gegen seine Umgebung.
Uebrigens gestaltete sich die Fahrt des „Nordstern" von den Canarischen Inseln an außerordentlich günstig, der Ozean war ruhig geworden und der Wind blies jetzt von Südwesten, so daß die wackere Brigg ungemein raschen Fortgang machte. So erreichten wir denn London, ohne daß sich irgend etwas Bemerkenswertheres unterwegs noch zugetragen hätte. Meine erste Sorge nach der Ankunft in London war, meinen bisherigen Steuermann unter Angabe seines Verbrechens der zuständigen Behörde zu übergeben. Ich wurde angewiesen, mich nebst der gesammten jetzigen Mannschaft des „Nordstern" zum Zeugenverhör in dem bevorstehenden Proceß gegen Mac Clearnce bereit zu halten, sobald ich das Schiff nach Hause gebracht haben würde. Nachdem die Ladung von R o de Janeiro dem Londoner Empfänger übergeben worden war, segelte ich im Ballast nach Hüll, woselbst ich den Chefs Bericht über die Reise und natürlich auch über den aufregenden Zwischenfall mit dem Steuermann erstattete. Nach etwa zwei Wochen erhielt ich die Vorladung des Londoner Gerichtshofes, mit meiner bisherigen Mannschaft zur Vernehmung in der Anklagesache gegen den Steuermann Mac Clearnce zu erscheinen- Pünktlich zur festgesetzten Frist waren wir Alle im Londoner Gerichtssaale, der ziemlich dicht mit Zuhörern — dieselben bestanden natürlich zum weit Überwiegenden Theile aus Vertretern des Seemannsstandes — besetzt war, da der vorliegende Fall nicht geringes Aufsehen erregt hatte. Wir Zeugen harten kaum unsere Plätze eingenommen, so wurde auch der Angeklagte vorgeführt. Er sah sehr blaß aus, doch lag auf seinen Zügen eine gewisse wohlthuend berührende Ergebung, die sonst so grimmig und höhnisch funkelnden Augen blickten klar und ruhig auf die Versammlung. Al» sich unsere Blicke begegneten, nickte mir der Steuermann zu und senkte dann das Haupt, meine Leute aber ergingen sich in leise Verwünschungen gegen ihren früheren Vorgesetzten.
Die Verhandlung begann in aller Form; als Mac Clearnce auf die Frage des Vorsitzenden, ob er sich schuldig bekenne, den Vollmatrosen Charley Readers „im Affect" über Bord der Brigg „Nordstern" gestoßen und hierdurch den Untergang des pp. Readers in den Wellen herbeigeführt zu haben, nichts erwiderte, sondern nur starr vor sich hinblickte, wurde zum Zeugenverhör geschritten. Selbstverständlich vernahm der Ge- richtshof mich, als den Capitän des „Nordstern", zuerst; ich war bemüht, den Angeklagten möglichst wenig zu belasten, mußte aber doch zugeben, daß er die Mannschaft rauh, ja grausam behandelt habe und trotz meiner ernstlichen Vorstellungen zu keiner Aenderung seine» Auftretens zu bewegen sei.


