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von Jahren miteinander zu leben, voraussichtlich wenigstens. Stimmst Du mir zu in meinen Gesichtspunkten? '
„Bernhard, um Gotteswillen, was willst Du thun?" „Was jeder Ehrenmann in diesem Falle thut, thun müßte: Ich gebe Dich frei, Dora, so heiß ich Dich liebe."
„Du wolltest? - Wirklich?" rief Dora außer sich, indem sie unwillkürlich nach seiner Hand haschte, halb freudig dankbar, halb verzeihungflehend.
Wülpern hörte nur den Jubel, der aus der Sicherstimme hervorklang. Wie Todtengeläut seines irdischen Glückes tönte er in seine Ohren.
„Ja, Du bist frei von diesem Augenblicke an," fuhr Wülpern fort. „Auch ist Dein neuer Lebensweg bereits ein» geleitet — Du brauchst nur weiter zu gehen. Ich hielt es für meine Pflicht, ihn Dir selbst zu ebnen, denn ich konnte es allein — wenn ich Dir das Verdammungsurtheil der Welt ersparen wollte. Und ich will es, weil Du rein bist."
„Bernhard! Edler Mann!"
„Bitte, keine Sentimentalität!" wies er schroff ab. „Man verlernt dergleichen, wenn man wie ich zwanzig Jahre im Kampf um's Dasein gestanden hat. Man pflegt dann eben nur seine Pflicht zu thun oder das, was man dafür erkennt. Höre, was ich Dir sagen will!"
„Nun?"
„Ich habe mich mit Mülverstedt in Verbindung gesetzt und ihm meine Rechte an Dich abgetreten, natürlich nach rechtlich vollzogener Scheidung. Ich frug brieflich bei ihm an. wohin ich Dich bringen solle, und er nannte mir L„ weil er daselbst eine ältere Schwester besitzt, feine einzige, die dort an einen Regierungsrath verheirathet ist- So ist L. das Ziel unserer — letzten gemeinschaftlichen Reise geworden, Dora."
Die junge Frau war aus's Sopha gesunken und schluchzte heftig, aber fast lautlos in ihr Taschentuch. Das Uebermaß der Empfindung schien ihr fast die Sprache zu rauben. End» lich sagte sie etwas beruhigt: „Ich füge mich Allem, was Du beschließest, Bernhard, weil Du es bist und mein Ver» trauen zu Dir grenzenlos ist . . ."
Wülpern lächelte wehmüthig, sogar etwas ironisch. Dann fuhr er fast geschäftsmäßig fort: „Mülverstedt wird morgen Abend hier eintreffen, wie er mir schreibt; ich hoffe, Du darfst ihn zuverstchtlich erwarten. Bis dahin bleibst Du unter meinem Schutz, Dora. Wollen wir unten soupiren — natürlich gemeinschaftlich? Die Reise hat mir Appetit gemacht — vielleicht ist's auch die Erregung," setzte er nicht ohne Sarkasmus hinzu- . t .
Dora stand auf, gehorsam wie ein Kind. Sie trocknete ihre Thränen und trat wie eine Schlafwandelnde zu dem großen Wandspiegel, um Anzug und Haar zu ordnen. Gespensterhaft bleich blickte ihr die Spiegelgestalt entgegen. Aber indem sie ihr Ebenbild anblickte und die reizenden blonden Stirnlöckchen über den Fingern kräuselte, kam gleichzeitig ein Wonnegefühl über sie: das Gefühl der wiedererlangten Freiheit. Er gab sie frei — vorüber waren die leidenschaftlichen, schmerzlichen Seelenkäwpfe der letzten Wochen! Sie brauchte nicht mehr weiter zu sündigen in Gedanken, durfte das von heimlichem Schuldbewußtsein niedergedrückte Haupt wieder emporheben. Und im Hintergründe die Aussicht auf alle Seligkeiten einer leidenschaftlichen, verzehrenden Liebe! Und das Alles hatte er gethan, Bernhard, der edle Mann! Am liebsten wäre sie ihm zu Füßen gesunken und hätte seine Knies umklammert in stummem Dank. Aber er war ebenso freundlich als kalt ablehnend — sie wagte es nicht.
Unten im Speisezimmer war eine elegante Gesellschaft versammelt, Offiziere, höhere Regierungsbeamte und ein paar Rittergutsbesitzer aus der Umgegend saßen gruppenweise durcheinander, zechend und plaudernd. Trotzdem blieb Doras Helle Schönheit nicht unbemerkt, als sie Wülpern an ihnen vorüber» führte, um an einem gedeckten Seitentische mit ihr Platz zu nehmen. Es entging ihm auch keineswegs; dennoch aß er mit gutem Appetit und trank mehrere Glas Wein, während Dora, von unbestimmter Angst bedrückt, heute wie ein Vögelchen aß.
Als die Mahlzeit vorüber, sagte Wülpern in einem Tons, der keinen Widerspruch zuließ und so laut, daß es dieNächst- itzenden vernehmen konnten: „Ich möchte noch meine Zeitung esen, Kind, ich habe es bis jetzt versäumt. Du aber thuft besser, zu Bette zu gehen und auszuschlafen, Kind!"
Dann winkte er einen Kellner heran und als derselbe geschmeidig wie ein Aal und seroiettenbeflügelt herbeikam, raunte er demselben gleichfalls lauter als nothwendig in'» Ohr: „Geleiten Sie das Fräulein, meine Tochter, in ihre Zimmer. Apropos, das Frühstück wünsche ich allein einzunehmen." (Fortsetzung folgt.)
Der alte Andreas.
Auch eine Pfmgstgeschichte von E. Fahrow.
(Schluß.)
„Sonderbar," murmelte Vollrath. „Es scheint, daß hier nur der Glück hat, dem nichts daran liegt, und zu denen gehöre ich- Dagegen da drüben der alte Mann, der hier viel« eicht mit dem letzten Goldstück das Unheil verjagen will, das hn gewiß Jahre lang verfolgt hat, der wird stcher verlieren."
So war es, das letzte Goldstück, welches der arme alte Mann mit zitternden Händen gesetzt hatte, wurde soeben von ,er Harke des Croupiers hinweggeholt.
Asckbleich lehnte der Unglückliche sich in seinen Stuhl zurück. Vollrath aber griff blitzschnell hinüber, indem er zwei Goldstücke scheinbar im Rollen aushielt.
„Dies ist Ihr Geld, Monsieur," sagte er höflich. „Ich sah, wie es Ihnen fortrollte."
„Mais non, mais non,“ murmelte der Alte.
„Pardon, — ich weiß es bestimmt," fagtze Vollrath, und fügte dann in einem Moment des Aberglaubens hinzu:
„Setzen Sie auf Roth, — aber fchnell."
Mechanisch legte nun der alte Herr ein Goldstück auf Roth.
Er gewann.
„Schwarz I" rieth Vollrath.
Abermals ein Gewinn.
„La mässe!“ rieth Vollrath nochmals.
Zitternd vor Erregung beobachtete der alte Mann den Croupier.
„Noir gagne, rouge perdel“ rief er.
„O Gott! Welches Glück!" sagte der Spieler.
„La mässe — rouge!“ flüsterte Vollrath.
„Folgen Sie mir!" herrschte Vollrath.
„Rouge gagne, noir perde!“ rief der Croupier.
Ein Aufruhr entstand. Der alte Mann hatte eine ungeheuere Summe gewonnen.
Lachend vor Freude half Vollrath ihm die Haufen Goldes 6er8e",hnt) jetzt gehen Sie! Sofort, — auf der Stelle!" sagte er, indem er mit dem Alten den Saal verließ.
Monsieur — monsienr,“ stammelte der Aermste, der vom Kopf bis zu den Füßen bebte „wie soll ich Ihnen danken! Sie haben mir das Leben gerettet — ja, ja, ich reife ab, jetzt sofort, und komme niemals wieder hierher. Es war ein letzter Versuch — ich habe überall so viel Unglück gehabt. Gott segne Sie, junger Herr — und nehmen Sie einen Rath: Wenn Sie spielen wollen, so spielen Sie heute, nur heute. Morgen würden Sie vielleicht verlieren, aber heut haben Sie Glück. Adieu, ich reise."
Schwindelig und erschüttert von den ungewohnten Ein« drücken begab stch Vollrath zunächst in sein Hotel, um eine Stunde auszuruhen. Wie er aber sein Zimmer betrat, begrüßte ihn mit gelaffener Würde — Andrea«.
„Entschuldigen der junge Herr," sagte er ernsthaft — „ich dachte das Hotelgeld in Nizza könnten wir auf diese Tage sparen und da bin ich lieber nachgefahren.
„Du bist unverbesserlich," sprach Vollrath, der dem Alte» nie zürnen konnte, „Du tyrannisirst mich täglich mehr. Nun, da Du einmal hier bist, steh, was ich gewonnen habe!


