Ausgabe 
23.5.1896
 
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Nr. 60.

1896.

SamStag den 23. Mai

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zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger)

MK

Pfingsten.

Die Nacht entweicht I Vom Dome klingt Der Glocken Geläut in's Kämmerlein, Dich weckend vereint mit dem Frührothschein, Der, leuchtend im Weltall, zu Dir dringt. Flugs, Sffne die Fenster dem pfingstlichen Tag Und öffne die Lider dem steigenden Licht, Das Dir entschleiert in Feld und Hag Der Erde strahlendes Angesicht!

Mit Maien schmücke Dein gastlich Haus Und laffe den Geist der Liebe hinein, Es wird erst Pfingsten bei Dir sein, Wenn Du den Unfried weisest hinaus. Die Festesfreude wird Dir credenzt, Wenn heute und morgen und jederzeit An Deiner Seite veredelnd erglänzt Die Eintracht und Zufriedenheit.

Wirf ab, was Dich im Leben beschwert, Verbanne des Haffe» lodernde Gluth; Zu befferem Leben faffe nur Muth, Dann wird Dir Pfingstengeist vescheert. Schau' um Dich! Predigt nicht die Natur Allüberall von göttlicher Kraft, Vom Himmelssegen in Wald und Flur, Der unergründliche Wunder schafft?

D'rum, willst Deinen Gott Du recht versteh'» Und lernen, von Herzen ihm dankbar zu sein, Dann mußt Du im Pfingstensonnenschein Dich still in Feld und Wald ergeh'».

Dort löst sich, was Dein Herz bedrückt, Dort findest Du wieder, was Dich verließ: Den inneren Frieden, der reich beglückt, Den Himmel auf Erden, ein Paradies!

Albert Roß-

Gesühnt?

Novelle von Zo« von Reuß.

(Fortsetzung.)

Plötzlich fiel Wülpern Doras Sprödigkeit und ihre sonder­bare Angst vor seinen Liebkosungen ein, die mit ihrer früheren Hingebung im schroffen Gegensatz stand.

Dora, da steckt etwas dahinter!" keuchte er hervor.

Ein Schrei Doras, mit dem sie in die Knies sank, war die Antwort. Wie in brennender Angst umklammerte sie seine Kniee.

Rede! Sprich!" befahl Wülpern.

Und Dora redete langsam hastig verworren. Wülpern verstand nicht viel, nur das Schuldbekenntniß hörte er heraus. Er fuhr sich mit der Hand über die heiße Stirn dann schien er sich zu sammeln.Steh' auf!" sagte er befehlend.

Sie erhob sich, aber sie schwankte wie eine Rose im Winde.

Wülpern gewahrte ihre Erregung und Schwäche und sagte ruhig:Geh' zu Bett, Kind! Morgen wollen wir weiter reden. Geh', ich bitte!" trieb er sie sörmlich hinweg.

Und Dora ging wie eine Schlafwandelnde. Es war ihr anscheinend ein Trost, dem Gatten nicht mehr gegenüber­zustehen. Die Wahrheit ihrer Natur war ihr verhängnißvoll geworden; sie vermochte weder die Liebkosungen des Gatten fernerhin zu ertragen, noch konnte sie lügen. ... Es mußte kommen, wie es gekommen war trotz aller guten Vorsätze. Ja, sie empfand sogar eine Art Triumph blieb es nicht ein hohes Glück, für ihre Liebe zu leiden? Indem sie sich auskleidete und in's Bett schlüpfte, sang sie leise:

Besser, daß das Herz Dir bricht

Von dem Kuß der Rose, Als Du kennst die Liebe nicht Und stirbst liebelose!"

* *

Wülpern war in sein einfaches Arbeitszimmer getreten und durchmaß es, eilig auf- und abschreitend, wie das erregte Raubthier seinen Käfig.