Ausgabe 
23.4.1896
 
Einzelbild herunterladen

188

vollkommen aus, Mister Oakleys Bevollmächtigte abzufertigen und mit höchst verblüfften Mienen zogen sich die beiden Gentlemen alsbald in den Speisesaal zurück.

(Fortsetzung folgt.)

MMiche KriifüMg tmftrtr Kinder

Von Dr. Hans Froehlich.

(Nachdruck verboten.)

Im schulpflichtigen Alter ist die Gesundheit des rasch stch entwickelnden kindlichen Körpers von dem unbehinderten Gedeihen jedes einzelnen Organes abhängig. Es ist deßhalb auch von großer Bedeutung, daß namentich die Thätigkeit des Herzens und der Lunge ungestört vor stch gehe, daß der Stoffwechsel und die Säftecirkulation, die Grundbedingungen des Wachsthums, gefördert, die Ermüdungsproducte des Stoff­wechsels aber unbehindert und vollständig ousgefchieden werden. Ist der Stoffwechsel ein mangelhafter und gehen die Func- tionen der Organe nur träge vor fich, so bleibt das Kind nicht nur körperlich zurück, sondern es zeigt sich auch eine Rückwirkung auf den Geist: die Kinder werden schlaff, er­müden geistig und körperlich schnell, klagen über Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Herzklopfen und bieten bald alle Zeichen der sogenannten geistigen Ueberbürdung. Vor allem ist es daher nothwendtg, die Thätigkeit der Athmungs- und Ctrculations- organe möglichst zu heben und hierzu empfehlen sich am besten Uebungen, welche nicht einzelne Muskeln wie beim Turnen, sondern den ganzen Körper in Anspruch nehmen und wie z. B. Schwimmen und Laufen, die Thätigkeit sämmtltcher Körper­functionen anregen und kräftigen.

Bei allen Körperübungen darf namentlich die Entwickelung des Brustkorbes so wenig als möglich behindert werden und es ist alles fernzuhalten, was in dieser Richtung störend ein­wirken könnte. Diesen Zweck erreichen in erster Linie die Bewegungsspiele im Freien, welche nicht nur eine hygienische, sondern auch eine ethische Bedeutung haben. Bet einer einseitig geistigen Erziehung wird gewöhnlich das Aeußere des Menschen vernachlässigt; die Bewegungen der Kinder sind linkisch, un­geschickt, und bleiben es oft für das ganze Leben und sind Ursache einer Befangenheit, welche auf den Betreffenden störend und bedrückend wirkt. Der Mensch muß schon in der Jugend an den freien Gebrauch seiner Glieder sich gewöhnen lernen. Leibesübungen bringen überdies nicht nur eine gesunde, sondern auch eine angenehme Erholung nach Geisteranstreng- ungen und Gehirnarbeit und bringen Behendigkeit, Ent­schlossenheit, Geistesgegenwart und persönlichen Muth zur Ent­wickelung.

Daher sind als besonders reiche Quelle der Volkswohl­fahrt in erster Linie anzusehen die Jugendspiele, denen seit langem in England und in jüngster Zeit auch in Deutschland und Oesterreich rege Sympathie entgegengebracht werden. Von Pädagogen wird besonders anerkennend hervorgehoben, daß durch die Körperübungen beim Spiele der Character der Kinder gebildet, die Ausdauer geübt, die Geistesträgheit auf­gerüttelt, die Frühreife ferngehalten, die Blasirtheit verbannt, Ueberhebung und Eigensinn gebrochen, die Putzsucht eingedämmt, Aufmerksamkeit und rascher Entschluß gefördert, die Unterord­nung des Einzelnen unter die Interessen des Ganzen geschult und der kameradschaftliche Geist geweckt wird. Dort wo sich die Spiele bereits eingebürgert haben, machen die Verweich­lichung die übertriebene Aengstlichkeit, die Zimperlichkeit dem fröhlichen Jauchzen und Springen Platz, und die zarten, in Pelzwerk, Shawls und Glacehandschuhe verpackt gewesenen Glieder werden kräftiger, abgehärteter und widerstandsfähiger, die jugendlichen Körper bekommen ein blühendes Aussehen, und die Schulen sind nicht mehr blos geistige Drtllstätten, sondern wahre Erziehungsanstalten, in denen der Mensch als ein harmonisches Ganze ausgebildet wird.

Wenn man der spielenden Jugend zusieht, wie jedes Glied sich bewegt, wie da» Auge leuchtet, die Wangen sich

röthsn, welches Glück aus dem Gesichte strahlt, wie alle hin­dernden Kleidungsstücke, Hut, Rock, Weste, Handschuhe beiseite fliegen, Sorge und jedes drückende Gefühl verschwinden, so begreift man, welchen Schatz von Gesundheit im Spiele für die Jgend enthalten. Im Spiele gilt es, im rechten Augen­blicke voll und ganz für seine Partei in die Handlung einzu­treten, rasch zuzugreifen, zuzustoßen oder auszuweichen, dort gilt es, schnell zu fangen und schnell und sicher zu werfen, hier heißt es, weiterzulaufen im schnellen Fluge, dort die Rethen der Gegner kühn zu durchbrechen. Das alles fordert Aufmerksamkeit, Geschick, Entschlossenheit, Geistesgegenwart, Thatkrast, Muth, Ausdauer, Eigenschaften, die mit einem festen Willen durch Uebung zu erringen und für das spätere Leben von überaus großem Vortheil sind.

Körperliche Spiele bilden eine nothwendige Ergänzung des Turnens und das hervorragendste Mittel zur Bekämpfung der bei unserer Jugend mehr und mehr zu Tage tretenden Blasirtheit. Die Faulen, Feigen und die Träumer werden mit sortgeriffen, der Eigensinn wird gebrochen, Geselligkeit und Verträglichkeit werden gepflegt, der Rechtssinn wird geweckt und gekräftigt. Wie schmeckt selbst dem gewöhnlichsten Jungen beim Spiele das trockene Brod, wie unternehmend wird sogar der Furchtsame, wie gelenkig der Ungeschickte! Rach dem langen Sitzen in der Schule und bei den Hausaufgaben ver­langen die Glieder freie Bewegung, der ganze Körper eine Erfrischung, die Lunge dürstet nach frischer, freier Luft!

Von großer sanitärer Bedeutung find auch die Ausflüge und Wanderungen in Feld und Wald, wenn sie mit möglichster Einfachheit, Anspruchslostgkett und Billigkeit vorgenommen werden, damit auch das ärmste Kind sich an denselben be- theiligen kann. Jedoch dürfen in den unteren Klassen an einem Wandertage richt mehr als 8 bis 16 Kilometer, in den oberen Klassen nicht über 20 bis 30 Kilometer an einem Tage zurückgelegt werden. Solche Wanderungen kräftigen Lunge und Musculatur, schärfen die Sinne, steigern die Marschfähigkeit, fördern den Beobachtung»finn und die Freude an der Natur, erweitern die Kenntnisse und bleiben für« ganze Leben eine angenehme Jugenderinnerung. Niemals aber dürfen Kinder dabei fich selbst überlassen werden; ebenso ist den sanitären Anforderungen in Bezug auf Kleidung, Essen und Trinken, Spiel und Ausruhen die volle Aufmerksamkeit zu widmen. Die Kleider sollen der Jahreszeit angepaßt und nicht zu warm fein. Es ist ein Plaid mitzunehmen, das sich leicht tragen und besser verwenden läßt wie ein Ueberzieher. Die Kleider dürfen nirgends drücken oder beengen, den Kreis­lauf nicht stören, aber auch nicht herumflattern. Das Schuh­werk ist weich, elastisch, bequem, die Absätze breit; enge Strumpfbänder, Leibriemen, Cravatten, Schnürleiber sind ab­zulegen. Feldflaschen sollen nur mit kaltem Thee, Kaffee ober Citroneuwasser gefüllt werden.

Mögen Eltern und Lehrer in der jetzt bevorstehenden schönen Jahreszeit recht oft der Jugend Gelegenheit geben, den Körper bei Spielen und Ausflügen in frisch-fröhlicher Weise zu stählen und zu stärken! Und wenn dabei auch einmal Hose ober Jacke ein Loch bekommen schadet nichts. Besser die Kleidung ist defect, als die Gesundheit, denn jene läßt sich schnell und leicht ausbessern diese aber, nicht-

VevnEehtes.

Aus der guten, alten Zeit. Oberhofmarschall (zum Fürsten):Durchlaucht! Der Revierförster macht soeben die äußerst bedenkliche dienstliche Meldung, daß zehn freche Spatzen aus dem benachbarten Fürstenthum sich erdreisten, die Gauen von Euer Durchlaucht Land zu verwüsten was gedenken Serenissimus zu thun zu geruhen?" Fürst: Sagen Sie sofort für Morgen große Hofjagd für 30 Theil- nehmer an!"

Rebaction: N. Scheyba. Druck und Verlag der Brühl'schen UmverstMs-Buch- und Steindruckcrei (Piets» & Sch et, da) in Gießen.