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„Sie hatten einen Streit mit Mister Oakley - einen ernsthaften Streit."
Seins Ueberrafchung wurde immer größer.
„Das wissen Sie bereits? Es ist doch noch keine Viertel« stunde seitdem vergangen."
„Ich war während des Wortwechsels in dem Zimmer neben dem Speisesaal. Und er wurde so laut geführt, daß ich nothwendig Allee vernehmen mußte, obgleich es gewiß nicht meine Abstcht war, zu horchen."
„Dann brauche ich mich jenes Streites wegen hoffentlich nicht vor Ihnen zu entschuldigen. Sie werden zugeben, daß ich ihn nicht provocirt hatte."
„Darüber steht mir wohl kein Urtheil zu," meinte sie ausweichend. „Sie würden sich höchstens vor Capitän Rollins und seinen Angehörigen wegen der Verletzung des Hausfriedens zu rechtfertigen haben."
„Sie sind also doch dec Ansicht, daß ich ihn verletzt habe? O, ich bitte Sie, Miß Burnet: Sagen Sie mir offen, was Sie von meinem Benehmen denken."
„Es wäre jedenfalls klüger gewesen, solche Aeußerungen, wie Sie sie gethan, hier in diesem Kreise zu unterlassen. Auch bei uns in Texas würden Sie damit schwerlich eine beflere Aufnahme gefunden haben."
„Es ist ein schlimmes Zeugniß, das Sie damit Ihren Landsleuten ausstellen. Ich muß gestehen, daß ich bisher eine bessere Meinung von den Pflanzern des Südens gehegt."
Wieder kräuselte sich ihre feine Oberlippe zu einem
spöttischen Lächeln.
„Wir werden versuchen müssen, Ihre Mißachtung zu ertragen, Mister Houston! Denn auch ich gehöre diesem Kreise
an, wie Sie wissen."
„Nicht doch," wehrte er lebhaft ab. „Sie sind eine Dame — und was ich vorhin über die schimpfliche Einrichtung der Sclaverei gesagt, schon aus weiblichem Mitgefühl mit diesen Unglücklichen müssen Sie es gut heißen."
„Ich halte es nicht für meine Aufgabe, mir darüber den Kopf zu zerbrechen. Diese Schwarzen sind nun einmal andere Geschöpfe als wir und ich habe bisher nicht gefunden, daß sie über die Maßen unglücklich sind. Aber weshalb sollen wir davon reden! Ich bin Ihnen im Disputiren natürlich nicht gewachsen. Sie wollen später ebenfalls nach Texas, wenn ich recht gehört habe?"
„So war meine Absicht — aber auch ich bin neuerdings anderen Sinnes geworden. Wenn Sie es mir nicht geradezu verbieten, werde ich Sie morgen schon auf Ihrer Heimreise
„Woher nähme ich die Berechtigung zu einem solchen Verbot? Die Schiffe auf dem Misstsippi sind für Jedermann, der die Passage bezahlt. Ich wünsche Ihnen vielmehr aufrichtig, daß Sie im Stande sein mögen, Ihren Entschluß
auszuführen."
Der letzte Satz war in einem so eigenthümlichen tiefernsten Ton gesprochen, daß das Befremden de» jungen Mannes dadurch von Neuem geweckt wurde.
„Ich bin glücklicherweise ganz unabhängig, Miß Burnet I Nachdem ich Ihre Erlaubniß habe, giebt es nichts, das mich hier zurückhalten könnte."
May schüttelte den Kopf.
„Da ich Alles gehört habe, brauchen Sie mir kein Ge- heimniß daraus zu machen. Sie werden sich heute oder morgen mit Ralph Oakley duelliren."
„Ah — war es das, was Sie bei Ihrem freundlichen Wunsche im Sinne hatten? Und Sie glauben im Ernst, daß ich eine solche Thorheit begehen könnte?"
Er lachte hell auf und er bemerkte es nicht, wie wenig seine Heiterkeit ihr zu gefallen schien.
„Es ist natürlich Ihre Sache, ob Sie es mir zugestehen wollen ober nicht," sagte sie kalt. „Aber ich gebe Ihnen die Versicherung, daß man von der anderen Seite die Angelegenheit mit viel weniger Discretion behandeln wird. Mister Oakley erzählt ohne Zweifel Jedem, der ihm in den
Weg kommt, daß er unwiderruflich entschlossen ist, Sie zu tödten."
„Das sähe diesem Gentleman allerdings ähnlich. Für diesmal aber wird sein Blutdurst leider ungestillt bleiben müssen, denn ich denke wirklich nicht daran, mich mit ihm zu schlagen."
Mit durchbringendem Blick ruhten jetzt die dunklen Augen auf seinem Gesicht.
„Sprechen Sie so zu mir, um mich zu beruhigen, oder ist es Ihr Ernst? '
„Mein Gott, wie können Sie nur daran zweifeln? Bst uns im Norden kennt man glücklicherweise solche Narrheiten nicht. Ganz abgesehen von dem Kammer, den ich damit leicht- sertig über meine geliebten Eltern heraufbeschwören müßte, würde ich mich in den Augen meiner Freunde für immer mit dem Fluche der Lächerlichkeit behaften, wenn ich dem ersten besten Raufbold mein Leben zur Verfügung stellen wollte, nur weil er in der Trunkenheit sinnlose Beschimpfungen gegen mich geschleudert hat. Ich halte mich nicht gerade zu w-lt- bewegenden Thaten berufen; doch um es an eine solche Verrücktheit zu setzen, ist mir mein Dasein immerhin zu schade."
„Und wenn Jhnyi nun einer von Oakley» Freunden seine Herausforderung überbringt, welche Antwort werden Sie ihm dann geben?"
„Daß er seinen Rausch ausschlafen und sich bessere Um- gangsformen aneignen möge. Ich wüßte nicht, was ich vernünftiger Weife sonst noch sagen könnte!"
Moy» Athem ging schneller. Der hochmüthige Zug auf ihrem Gesicht trat j-tzt mit auffallender Schärfe hervor.
„Aber wenn — wenn man Sie daraufhin für einen Feigling erklärt, Mister Houston?"
„Dann wird meine gute Meinung von der Intelligenz dieser südlichen Sclavenbarone einen weiteren empfindlichen Stoß erleiden. Aber ich werde mich nach dem, was ich in den wenigen Tagen meines hiestgen Aufenthalts gehört und gesehen habe, nicht sonderlich darüber wundern."
„Und das — das wäre Alles?"
„Ja, was sollte ich denn sonst noch thun? Sollte ich durch den Misstsippi schwimmen da, wo er am meisten von Alligatoren wimmelt, oder sollte ich einen Rtngkampf mit einem Bären beginnen, um diesen Cavalteren, deren gute oder schlechte Meinung mir herzlich gleichgiltig ist, eine handgreifliche Probe meiner Muthes zu geben? — Ich denke — aber was haben Sie, Miß Burnet? Sie wollen gehen? War denn in meinen Worten irgend etwas, das Sie gekränkt hat?"
„Ich bitte Sie, mir die Antwort darauf zu erlassen. Zwischen den Anschauungen im Norden und im Süden scheint allerdings eine größere Verschiedenheit zu bestehen, als ich es bisher geahnt. Ich finde nur, daß es bei dieser Verschiedenheit vielleicht räthltcher gewesen wäre, wenn Sie —"
„Nun?"
„Wenn Sie im Norden geblieben wären, Mister Houston."
Dabei hatte sie ihm schon halb den Rücken gewendet und nun ging sie, ohne ihm noch einen Blick zu schenken, den Weg, den sie gekommen war, wieder zurück, dem Hause zu. Betroffen folgte der junge Mann ihrer schönen, elastisch dahinschreitenden Gestalt mit den Augen. Aber er machte keinen Versuch, sie zurückzuhalten, und nach einer kleinen Weile trat sogar wieder der alte, gutmüthig-fröhliche Ausdruck auf sein Gesicht.
„Zu einem vernünftigen Weibchen müßte sie erst gezogen werden," sagte er vor sich hin. „Aber mir scheint, es ist wohl der Mühe werth. Denn in all' ihrer Thorheit ist ste reizend — wahrhaftig zum Küssen reizend."
Er wollte ihr langsam folgen. Da fah er Mister Murky und einen anderen Herrn, dessen Namen er am Morgen bei der Vorstellung kaum verstanden hatte, mit feierlichen Mienen auf sich zukommen. Da es ihm sicher schien, daß er selber es sei, den sie suchten, wartete er höflich auf ihre Annäherung. Das Gespräch aber, da» er dann mit ihnen führte, war nur von sehr kurzer Dauer. Ein paar Sekunden reichten für ihn


