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Grausamkeiten der Frauenmode
nichtung nur dann eine Vorstellung machen, wenn man er* wägt, daß die Mode nun schon seit 25 Jahren besteht und daß festgestellt ist, daß die Einfuhr von Vögeln in England allein jährlich 25Bis 30 Millionen Stück und für das übrige Europa weitere 150 Millionen beträgt, sodaß diese Modekrankheit seit ihrem Bestehen 2000 bis 3000 Millionen Vögel erforderte. Daß dieser Massenmord auf die Existenz der Landwirthschaft in nachthetliger, ja kaum mehr gutzumachender Weise etnwirken muß, war vorauszusehen. Bereits veröden in den südlichen Ländern Europas die Wälder in erschreckender Weise, und nicht minder ist die Obstbaumzucht in Gefahr; denn gegen die Ueberfälle schädlicher Jnsecten giebt es kein Mittel, wenn die kleinen Vögel fehlen. Und kein Land der Welt ist vor diesem Verheerungskriege ist sicher. Aus Ostindien erhielt ein Händler in London 400 000 Colibris, 6000 Paradiesvögel und an 400 000 verschiedenartige ostindische Vögel. In einem Versteigerungsraum ebenfalls in London wurden in vier Monaten über 800 000 ost- und westindische, wie brasilianische Vogelbälge, daneben noch Tausende von Fasanen und Paradiesvögel aurgeboten. In Florida ist der Retherbestand vernichtet, ebenso die Seeadler. Seine Rückfedern liefern die „Aigrette"; die weise Feder ist sein Hochzeitsschmuck und muß deshalb während der Brutzeit gewonnen werden, wodurch auch das folgende Geschlecht zum Opfer fällt. Sind die Jungen ausgekommen, so ist es leicht, die Eltern, welche jene nicht verlassen wollen, zu fangen. Jede Aigrettefeder, so klein sie ist, weniger grausam aussehend, als ein ganzer Vogel, bedeutet doch den grausamen Tod von mehr als einem Vogel; es bedeutet ein Nest voll schreiender Jungen, jammernd nach Futter, das nie kommt, bis der Hungertso das Geschrei verstummen läßt- In Marokko traf man noch vor zehn Jahren Tausende der schönen gold- haubigen Kacadus; heute welß der Kabylenjunge, der einen solchen Vogel steht, nicht mehr, was das ist. In dem Departement der Rhonemündung find Maschinen längs der Küste aufgestellt, die aus Drähten gebildet, mit electrifchen Batterieen in Verbindung stehen. Wenn die Schwalben aus Afrika kommend, sich, vom Fluge über See ermüdet, auf de« Drähten ntederlaffen, so stürzten sie tobt zu Boden. Die Leichen werden in grüßen Körben nach Parts an die Putzmacherinnen versandt. Seit mehreren Jahren, und dies ist ein sehr beachtenswerthes Anzeichen dafür, daß die farbenprächtigen Vögel des Südens so weit im Stadium der Vernichtung angelangt sind, daß sie nicht mehr ausreichen, die Geschmacksverirrung der Frauenwelt zu befriedigen, müssen auch unsere Finken, Lerchen nnd Stieglitze und Meisen der unsinnigen Mode zum Opfer fallen. Wie außereuropäische Staaten über diese Modesucht denken und schreiben, giebt am besten eine Zeitung au« Tokio (Japan) Zeugniß, die unter Anderem sagte: „Es ist nicht genug, daß sich die Europäerinnen in Stahl und Fischbein einschnüren, sie verlangen zu ihrem Schmucke auch noch unsere schönen und nützlichen Vögel. Wenn sie sich aber mit diesen putzen, so ist das nicht allein ein schweres Unrecht gegen unser» Landbau, sondern auch geradezu ein Hohn gegen ihre europäische Civilisation. Gewiß eine harte, aber zutreffende und wohlverdiente Beurtheilung. Mit Widerwillen muß sich jede feinfühlige Frau von dieser Mode abwenden, die dem barbarischen Geschmack der Indianer entspricht, aber in einem Volke, das Anspruch macht, zu den Culturvölkern zu gehören, unmöglich sein sollte. Er ist und bleibt eine Versündigung an der Natur, diese Vernichtung ihrer schönsten Gebilde zur Befriedigung thörichter Eitelkeit; es ist aber auch eins Versündigung an dem, was dem Menschen und besonders dem Weibe das Heiligste sein sollte: das Mitleid, das Erbarmen. Welche gesirtete Frau wird den Muth haben, nachdem diese Thatsache zur öffentlichen flennt* ntß gebracht ist, sich noch mit Vogelleichen aufzuputzen? Mitschuldig an dem barbarischen Treiben ist jeder Käufer der meist zu Tode gemarterten Thierchen. Möchten doch diese in gerechtem Empfinden aus dem Herzen kommenden Worte empfängliche Herzen finden — möchten die. Frauen endlich in sich gehen und erkennen, daß es noch etwas Besseres, Edleres,
Von dem Thierschutzverein in Karlsruhe geht der „Kl. Ztg." nachfolgende, sehr beherzigenswerthe Mahnruf mit dem Ersuchen um Veröffentlichung zu. Die Vernichtung der Vogelwelt durch die häßliche Mode, Frauenhüte mit Vogelletchen zu verunzieren, ist in ein solches Stadium eingetreten, daß die Thterschutzvereine, zu deren wichtigsten Aufgaben der Vogelschutz gehört, nachhaltiger denn je den Kampf gegen diese Modethorheit aufnehmen zu müssen. Haben wir es schon aufs tiefste zu beklagen, wenn der Südländer, um eine schmackhafte Auflage für seine Polenta zu haben, den kleinen Vögeln mit allen Arten von Instrumenten nachstellt und sie zu Tausenden in Netzen fängt, um wie viel mehr müssen wir dem tiefsten Bedauern, ja der gerechten Entrüstung Ausdruck verleihen, wenn Millionen und Millionen der schönsten farbenprächtigsten Vögel getödtet werden, um die Hüte der Frauenwelt zu schmücken. Ueberall, wo glänzend gefiederte Vogelarten vorkommen, nimmt man die Folgen des Vernichlungs- kampfes wahr, und man kann sich von den Folgen dieses Ver
kannten etwa« von der Thatsache meiner Verheirathung gewußt haben sollte — dieser Verheirathung, die mich in unzerreißbare Fesseln schlug und einen unübersteiglichen Abgrund legte zwischen mich und das Glück. Die Dame, die Sie auf der Promenade in W. an meiner Seite gesehen hatten, war nicht meine Mutter, sondern meine Frnu — meine arme, geistig und körperlich schwerkranke Frau, die ein furchtbares Geschick zur welken Greisin gemacht hatte, noch ehe sie ihr dreißigstes Lebensjahr überschritten. Vor acht Jahren wurde in London unsere Ehe eingesegnet. Meine Freunde hielten sie für etwas unvernünftig, denn Maud war um zwei Jahre älter als ich. Aber wir waren als Nachbarskinder aufgewachsen und hatte« schon Mann und Frau miteinander gespielt, ehe wir noch lesen und schreiben konnten. Unsere bereinige Verheirathung hatte uns immer al« etwas so Selbstverstänbliches gegolten, bas wir garnicht mehr dazu kamen uns zu fragen, ob dis Zuneigung, die uns verband, in Wahrheit nicht himmelweit verschieden sei von jenem Empfinden, das sonst zwei Menschen verschiedenen Geschlechts zum unauflöslichen Bunde für das Leben zusammenführt. Es gab keine Leidenschaft und keine überschwenglichen Seligkeiten in unserer Ehe; aber wir waren trotzdem auf eine bescheidene Weise glücklich, bi» meine arme Maud von ihrem entsetzlichen Verhängniß ereilt wurde. Es begann an dem Krankenlager unseres einjährigen Söhnchens, das von einem langsam fortschreitenden, qualvollen Leiden hingerafft wurde, und an dem Tage, wo wir den kleinen Hector begruben, artete die tiefe Gemüthsoerstimmung seiner unglücklichen Mutter in wirklichen Wahnsinn aus. Eine schwere körperliche Krankheit gesellte sich hinzu und ich war genöthigt, die be« dauernswerthe Frau, die weder mich noch sonst Jemanden aus ihrer Umgebung erkannte, einer Heilanstalt zu übergeben. Anfangs besuchte ich sie in regelmäßigen Zwischenräumen; dann aber baten mich die Aerzte, diese Besuche zu unterlassen, weil jede Berührung mit der Außenwelt die Patientin in gefährliche Erregung versetze. Eine Hoffnung auf Genesung konnte man mir nicht gewähren und so ging ich, weil mir der Aufenthalt in einem verödeten Hause unerträglich geworden war, nach dem Continent, um dort in wissenschaftlichen Arbeiten Vergessen zu suchen. Ich hielt mich erst in Paris auf; dann in Italien und zuletzt in Berlin. Ueberall beschränkte ich meinen Verkehr auf den Umgang mit wenigen Personen, und gegen diese äußerte ich mich niemals über meine Familienverhältnisse, weil ich mich vor ihrem Mitleid und vor ihren neugierigen Fragen fürchtete. Dann schrieb man mir aus England, daß in dem Krankheitsverlaufe eine Aenderung eingetreten fei, daß die heftigen Erregungen einem Zustande ruhiger Theilnnhmlosigkeit gewichen seien, und nun faßte ich den Entschluß, meine Frau wieder zu mir zu nehmen. ______ (Schluß folgt )


