Ausgabe 
21.11.1896
 
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Lange und zärtlich schloß er Erika in seine Arme; dann machte er sich los und eilte zu dem Wagen hinaus, denn er hatte nun in der That keine Minute mehr zu verlieren. Während der ganzen Dauer der Eisenbahnfahrt konnte er das ergreifende Bild des von stillem Gram verzehrten jungen Mädchens nicht aus seiner Vorstellung bannen. Heißer als je zuvor loderte der Ingrimm gegen ihren Beleidiger in ihm empor, und in seinem Kopfe jagten die verschiedenartigsten Pläne, wie er stch von seinen dienstlichen Pflichten freimachen könne, um eie Verfolgung des Feiglings wieder aufzunehmen.

Am späten Nachmittag traf er in der Provinzialhauptstadt ein und begab stch in seins Wohnung. Sein erster Blick fiel auf eine schwarz umrandete Visttenkarte, die seine Wirthin vorsorglich neben die Lampe auf den Schreibtisch gelegt hatte. Arnold nahm fie auf und las unter Herbert Ellesmeres Namen in französischer Sprache die Worte:

«Ich bin zu Ihrer Verfügung. Ihre Zeugen "werden mich jederzeit im Hotel Imperial finden, und ich erkläre schon jetzt, daß ich alle Ihre Bedingungen ohne Weiteres accepttre."

In einem tiefen Athemzuge hob fich die Brust des Affefforr.

Er ist also doch gekommen! Dem Himmel sei Dank! Aber sein guter Stern ist es ficherlich nicht gewesen, der ihn gerade jetzt hergeführt hat. Denn ich werde mich schwer­lich versucht fühlen, ihn zu schonen."

Ueber Nacht war der Schnee in großen Mengen ge­fallen, und am Morgen gab es gelinden Frost, sodaß Alles in eine weiße Decks eingehM blieb, die den Schall der Schritte dämpfte und dem weiten Stadtpark ein beinahe festliches Aussehen gab. Die fahle Helligkeit des Wintertages war eben erst heraufgedämmert, als in dem entlegentsten Theil dieses Parkes der scharfe Knall eines Schusses laut wurde nur eines einzigen, denn Herbert Ellesmere hatte darauf verzichtet, seine Pistole abzufeuern, als das inhalts­schwere Commandowort des Unparteiischen fiel. Ein paar Seeunden lang war er noch aufrecht stehen geblieben; dann lag seine schöne, kraftvolle Gestalt plötzlich regungslos aus­gestreckt am Boden, und gierig trank der frische Schnee das rothe Blut, da» in breitem Strome über seine Hemdbrust rieselte. Der Arzt und der junge Landsmann, der ihm als Secundant gedient hatte, knieten an seiner Seite nieder, während Arnold Fabricius, um zwanzig Schritte von ihnen entfernt, tiefernsten Antlitzes einige Worte mit seinem Kartellträger wechselte. Er dachte in diesem Augen­blick gewiß nicht geringer über Ellesmeres Schuld; aber er wußte doch, daß er ihm in einem Punkte Unrecht gethan hatte. Welche schlimmen Charactereigenschaften dieser Engländer auch immer haben mochte, ein Feigling war er jedenfals nicht. Dafür hatte er während der letzten halben Stunde durch sein musterhaftes Benehmen einen hinlänglich überzeugenden Beweis geliefert. Ein paar Minuten ver­strichen, bis stch der englische Secundant erhob, um in ge­messener Haltung an den Assessor heranzutreten. Er griff in die Brusttaschs seines Ueberrockes und reichte Arnold einen verschlossenen Brief.

Mein Freund Ellesmere hat mich beauftragt, Ihnen für den Fall seine» Todes oder seiner tödtlichen Verwundung dieses Schreiben zu übergeben. Er sagte, daß es dazu be­stimmt sei, eine Dame, die er schwer beleidigt, über die Be- weggründe seine» Handelns aufzuklären. Ich halte es unter den obwaltenden Umständen für meine Pflicht, mich des Auf­trages gleich hier zu entledigen."

Der Assessor war sehr bleich geworden.

Sie glauben also, daß Mr- Ellesmeres Verletzung eine tödtliche sei?"

Der Arzt sagt so. Aber verzeihen Sie, mein Herr! Ich muß behülfl.ch sein, meinen armen Freund nach dem Wagen zu tragen."

Er grüßte kurz und wandte fich ab. Gleich darauf näherte fich der Rechtsanwalt Sandow, der als Unparteiischer funetionirt hatte, dem jungen Manne.

Die Lunge ist durchbohrt der Doctor giebt keine Hoffnung. Aber er glaubt ihn noch lebend nach dem Elisabeth« krankenhause bringen zu können. Ihr Wagen scheint der bequemere zu sein. Wollen Sie ihn für den Verwundeten zur Verfügung stellen?"

Welch' eine Frage! Und meinen Sie, daß ich daß ich noch einmal mit ihm sprechen sollte?"

Er ist ohne Bewußtsein und es ist besser so. Hoffentlich bleibt er in diesem Zustande bi» an da» Ende."

Eine Viertelstunde später war, auch dieser Theil des Stabtparkes wieder ganz einsam und verlassen. Nur der große dunkle Fleck auf dem weißen Schnee gab Kunde von der Tragödie, die stch hier abgespielt hatte; aber die weichen Flocken, die schon wieder lautlos von dem wolkenverhangenen Himmel hernieder zu rieseln begannen, deckten auch ihn mit« leidig zu.

*

Arnold Fabricius hatte stch noch an demselben Vormittag der Staatsanwaltschaft gestellt. Er war einem kurzen Verhör unterworfen, dann aber vorläufig wieder entlassen worden, mit dem Bedeuten jedoch, daß seine zeitweilige Verhaftung vielleicht unvermeidlich werden würde, wenn stch die Ver­wundung seines Gegners wirklich als eine tödtliche erweisen sollte. Er fuhr vom Justizgebäude nach dem Elisabethkranken« hause und von dort nach kurzer Unterredung mit einem der Aerzte geradewegs nach dem Bahnhofe. Er war spät am Abend, als er über die beschneiten Gartenwege der Villa Erika schritt, die er erst vor vier Tagen mit einem Herzen voll leidenschaftlicher Rachegedanken verlassen hatte. Er wollte seinen Angehörigen die Mittheilung, die ihnen nicht verschwiegen bleiben durfte, mit schonenden Umschreibungen machen, ehe fie vielleicht aus den geschwätzigen Zeitungen Kunde davon erhielten. Aber er hatte nicht daran gedacht, daß da» weibliche Herz unter gewissen Umständen über ein geradezu wundersames Ahnungsvermögen gebietet, und daß Augen, die von tödtlicher Angst geschärft find, oft eine ganze Geschichte aus den Zügen eines Männerantlitzes zu lesen verstehen. Sein unerwartetes Erscheinen mußte Erika sogleich darauf schließen lassen, daß fich etwa» Außerordentliche« zu- getragen habe, und er hatte auf ihre stürmischen Fragen kaum die ersten einleitenden Worte vorbringen können, als sie bereits Alles errathen hatte. Aber die furchtbare Er­regung, die fich zu Arnolds Schrecken in ihrem Gesicht ge­spiegelt hatte, während er über das Vorgefallene berichtete, schien in dem nämlichen Augenblick, wo ihr volle Gewißheit geworden war, einer merkmürdigen Fassung und Rahe Platz zu machen. Sie war freilich leichenblaß geworden unb selbst ihre Lippen hatten alle Farben verloren; aber in ihren Augen schimmerte keine Thräne und kein Wort der Klage oder des Vorwnrfs kaum aus ihrem Munde. Nur als ihr der Bruder zögernd den an sie gerichteten Brief Herbert Ellesmeres überreichte, ging ein Zittern über ihre Gestalt, und als fie dann das verschlossene Schreiben in den Händen hielt, eilte sie wortlos aus de n Zimmer.

In ihrem kleinen Giebelstübchen, dessen Thür fie hastig hinter sich verschlossen und verriegelt hatte, löste sie mit bebenden Fingern den Umschlag und las:

Nicht weil ich die vermessene Hoffnung hegte, mich rechtfertigen zu können, sondern weil Sie ein Recht darauf haben, die ganze Wahrheit zu erfahren, mache ich mich im Angesicht de» Todes bereit, Ihnen die traurige Geschichte meines Verschuldens zu erzählen. Wenn Sie fie erfahren haben, wird Ihre Verachtung für mich nicht geringer ge­worden sein; aber Sie werden sogleich die Gewißheit er­langt haben, baß kaum jemals ein Verbrecher härter und unerbittlicher für seine Sünde gestraft worden ist als ich. Und eine Regung des Mitleids, auf die der Lebende keinen Anspruch hatte, wird Ihr großmülhiges Herz dann vielleicht dem Tobten vergönnen. Ich vermulhe, daß Sie einen Theil der Wahrheit bereit» von anderer Seite erfahren haben, denn ich kann nicht glauben, daß keiner meiner deutschen Be-