Ausgabe 
21.11.1896
 
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In Fesseln.

Erzählung von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Der prangende Sommer war vergangen und der bunte Herbst; mit Sturmwind und Schneegestöber hatte der gräm­liche Winter seinen Einzug gehalten" in das nebelumwogte Berglhal von W. Die breitästige Kastanie vor den Fenstern von Professor Fabricius Arbeitszimmer streckte nur noch entlaubte Zweige in die Luft, und Haufen modernder Blätter bedeckten die Wege des Gartens. Es war ein trübseliger, regenkalter Morgen, als Arnold Fabricius sich anschickte, von Vater und Schwester Abschied zu nehmen. Er war mit einem kurzen Urlaub von der Provinzialhauptstadt herübergekommen, um an ErikarIeinundzwanzigstem Geburts­tage nicht zu fehlen, und nun stand bereits der Miethswagen vor der Thür, der ihn wieder nach dem Bahnhofe bringen sollte. Es gab Umarmungen und herzliche Händedrücke; dann er­innerte sich Erika plötzlich, daß sie vergessen habe, ihm etwas von seinem L-ebesgebäck in die Handtasche zu legen, und sie eilte hinaus, um hastig das Versäumte nachzuholen. Als er mit seinem Vater allein war, sagte der Assessor betrübt:

Sie kann diesen Elenden also noch immer nicht ver­gessen ? Und es ist der Gram über jene bittere Enttäuschung, der ihr Aussehen so traurig verändert hat!"

Wie sie ausfieht, weiß ich ja nicht/ erwiderte der alte Mann mit bebender Stimme,aber, daß sie eine ganz Andere geworden ist seit jenem Abend, das spüre ich nur zu deutlich Tag für Tag. Ihre sorgenlose Fröhlichkeit ist dahin. Ich höre ihr Helles Lachen nicht mehr, das mich sonst so glücklich machte. Und wenn sie sich auch gewiß recht­schaffen zusammennimmt, um ihren Kammer vor mir zu ver­bergen, so schneidet mir doch ihre erzwungene Heiterkeit noch viel tiefer ins Herz, als die Thränen, die zuweilen in ihrer Stimme find, und als ihre verstohlenen Seufzer."

Der Schurke! Und ich Dummkopf konnte ihn unge­straft entwischen laffen, als er sich in meinen Händen befand I Natürlich hat auch Erika seit seiner Flucht nichts mehr von ihm gehört?"

Er selber hat freilich kein Lebenszeichen gegeben. Aber im September besuchte mich Profeffor Reymond auf einem Abstecher, den er von einer Fachversammlung hierher gemacht, und das Unglück wollte, daß er Erika zuerst allein antras. Er hatte von dem Vorgefallenen keine Ahnung und er wurde, wie mir unsere Hausdame nachher erzählt hat, nicht müde, ihr in allen Tonarten das Lob dieses Engländers zu singen, den er zwei Jahre hindurch seiner Freundschaft gewürdigt hat, ohne ihn zu durchschauen. In Berlinhatte Ellesmere Übrigens seine Mutter nicht bei sich gehabt, und Reymond wußte garnichts von ihrer Existenz. Auch die rührende Sohnesliebe, die der Elende hier an den Tag legte, scheint also nichts als Comödie gewesen zu sein."

Du fürchtest doch nicht etwa, daß Reymonds Aeuße- rungen neue Hoffnungen in Erika geweckt haben könnten?"

Nein, gewiß nicht! Denn wenn Ellesmere heute käme, um sie zu werben, würde sie ihn ohne Zweifel voll tiefer Verachtung zurückweisen. Ihr weiblicher Stolz schützt sie hinlänglich vor allen thörichtcn Illusionen. Ob sie aber auch die Liebe zu ihm hat aus ihrem Herzen reißen können, weiß ich freilich nicht. Sie nennt seinen Namen nie, und sie vermeidet geflissentlich Alles, was mir den Glauben er­wecken könnte, daß sie noch an ihn denkt. Aber gerade dies ängstliche Bemühen ist es, das mich ängstigt, und manchmal o, es ist unsäglich traurig, Arnold manchmal kann ich mich der Furcht nicht erwehren, daß sie zu Grunde gehen wird an dieser unglückseligen, unauslöschlichen Liebe."

Der Assessor konnte ihm nicht mehr antworten, denn Erika trat wieder ins Zimmer und mahnte ihn freundlich, die Abfahrtszeit nicht zu versäumen. Sie glich in der That nur noch sehr wenig jener in Gesundheit und jugendlicher Lebensfreude prangenden Erscheinung, deren Anblick Herbert Ellesmere« Blut in so stürmische Wallung versetzt hatte. Ihre Wangen waren schmaler und bleicher geworden und ein schmerzlich herber Zug hatte sich an den feinen Nasen­flügeln eingezeichnet. Selbst ihr Lächeln hatte etwas Weh- müthiges, und nie hatte Arnold Fabricius sein schwächliches Benehmen im Hötel des Anglais zu Nizza so tief bereut als jetzt, da er sah, wie vollständig der Verrath jenes Un­würdigen das Lebenrglück seiner armen Schwester zerstört hatte.