Ausgabe 
21.11.1896
 
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Erhabeneres giebt als diesen Modetand, der mH dem Blute und Leben von Millionen von dem alllebenden Gotte geschafft- ner Wesen erkauft ist, dann soll Dank, herzlicher Dank nicht vorenthalten bleiben-

V-riMchtes.

Auf zum Kampf gegen die Macht der Mode", lautet die Parole kühner Reformerinnen, die sich in Berlin nach dem Internationalen Frauencongreß zu einem »Verein für Verbesserung der Frauenkleidung" zusammenge­schloffen haben. Die Mitgliederzahl beträgt schon 86, und in einer Vereinsversammlung, die am Dienstag unter dem Vorsitz einer Frau Stabsarzt stattfand, konnte man stolz auf die be­reits erzielten Erfolge Hinweisen; große Berliner Firmen, wie Rudolf Hertzog haben die vom Verein empfohlenen Unter­kleider bereits auf Lager, eine Modistin sei bereit, Costüme nach den Vorschlägen des Vereins, d. h. vor Allem ohne Korsett, anzufertigen, angesehene Modezeitungen hätten ver­sprochen,Schnitte" für die Resormkleidung zu bringen. Den Vortrag des Abends hielt Frau Ooerstlieutenant Pochhammer über die Zukunft der Mode. D»s Dame machte bis zu einem gewissen Grads die Männer dafür verantwortlich, daß sich die Frauen den Laune« der Mode fügen. Wenn die Frau bisher nicht, gleich den Männern, denselben Hut und Rock bei den verschiedensten Gelegenheiten tragen dürfte, fällt die Hauptschuld auf die Männer, die an der Frau immer Neues zusehen wünschen, da sie ihnen sonst langweilig erscheint. Statt dieser unberechtigten Laune der Männer zu entsprechen, müsse die Frau durch geistige Vervollkommnung das Interesse des Mannes dauernd zu fessel« suchen. Für die Männer- kleidung scheine es, als ob vor Allem die Bequemlichkeit für die Mode maßgebend sei, während für die Mode der Frau meist gerade das Gegentheil der Fall sei- Die Frau wolle keineswegs darauf verzichten, sich zu schmücken, immerhin könne sie sehr wohl dahin streben, sich gesünder und bequemer zu kleiden. Drei Forderungen seien vor Allem zu stellen: Be­seitigung des die Taille unnatürlich einengenden Corsetts, ein fußfreier Rock für die Straße und keine Belastung der Hüsten, sondern Uebertragung dieser Last auf die Schultern. Die Frau müsse auch bezüglich der Wahl der Kleidung mehr als bisher an selbstständiges Denken sich gewöhnen. Eine Debatte kam nach diesem Vortrag über die Zukunft der Mode nicht zu Stande, weil nach der Mittheilung eines Berichterstatters die Damen sich vor den zugelaffenen Herren genirten, sich über die Geheimnisse der Damentoilette zu äußern. Modelle zu verbesserten Kleidungsstücken, namentlich solchen, die dar Corsett entbehrlich machen sollen, lagen in größerer Zahl im Saale au«, doch gewahrte man nur eine einzige Dame, welche ein weites Obergewand trug.

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DaS Taschentuch ist heutzutage unser unzertrennlicher Begleiter, und doch gab es eine Zeit, als man diesen nütz­lichen Gegenstand noch nicht einmal dem Namen nach kannte. Unsere heutigen Damen, denen ein zierliches Taschentuch ein unentbehrliches Toilettenstück ist, werden es kaum glauben, daß die Damen und Sdelfräuleins, an die Walther von der Vogelweide und Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob, ihre saßen Mmnelteder gerichtet, sich niemals eines Taschen­tuches bedient haben sollen. Es ist aber eine historisch fest­gestellte Thatsache, daß etwa vor 350 Jahren zum ersten Male eine Dame ein Taschentuch benutzte. Die junge Dame, die diesen bedeutsamen culturhistorischen Schritt that, war eine hübsche Venetianerin, die mit ihremfazzoletto jeden­falls großes Aufsehen erregt hat. Italien ist die Wiege des unentbehrlichen Taschentuches. In diesem Lande nur allein entlehnten zunächst die französichen Damen, und zwar zur Zeit Heinrichs II. (1547 bis 1559), den Gebrauch des Ta­schentuchs. Aus den theuersten Geweben bestehend, mit kost-

barenZEtickereien und Besätzen versehen, galt es lediglich als Luxusartikel. Unter Heinrich III. (1574 bis 1589) gebrauchte man es schon parfümiert und nannte es dann auch wohl mouchoir de Venus. Etwa UMS Jahr 1580 hielt es auch in Deutschland seinen Einzug, und auch hier wurde das Taschentuch, das man nach seinem italienischen Ursprung Fazilettlein" nannte, zunächst ein Schau- und Prunkstück dessen sich nur Fürsten und sonstige reiche Personen bedienen durften. Bei der verschwenderischen Ausstattung, mit der man die Taschentücher herstellte, ist es nicht zu verwundern, wenn es bei reichen Brautleuten als Verlobungsgeschenk diente. Neben kostbarem Spitzenbesatz längs der Kanten und werthvollen Sickereien war auch der Ausputz mit kleinen Puscheln und Quasten an den vier Ecken sehr beliebt. Dem niederen Volk war der Gebrauch de» Taschentuchs, wie z. B. in Dresden ums Jahr 1595 durchaus verboten, und schon zwölf Jahre früher, 1583, wurde in Magdeburg eine der Rangordnung der höheren Stände entsprechende Preisliste für Taschentücher festgestellt. Fast zu der gleichen Zeit wie in Frankreich finden wir das Taschentuch auch im osmanischen Reiche zur Zeit des prachtliebenden Soliman II. (1520 bi» 1566), des Zeitgenossen Karls V. Dort diente es als Aus­zeichnung für die höchsten Staatsbeamten und Würdenträger, die es als Prunkstück entweder im Gürtel oder an diesem herabhängend zu tragen pflegten.

Humoristischer.

Mißverständniß. Fräulein:Wenn ich Sie ansehe, muß ich immer an den anderen Techniker denken, der mich heirathen wollte!" Herr (Techniker, stotternd):Ent­schuldigen Sie, Fräulein, ich . . . wollte Sie aber eigentlich gar nicht heirathen V'

Aufschrift für das Vorzimmer einer Redaction: Schirme, Stöcke und Gedichts bittet man hier abzulegen."

Dilemma. Richter:Können Sie beschwören, daß da- Ihre Handschrift ist?" Beklagter:Na, dös kann i net!" Richter:Dann können Sie also beschwören, daß es nicht Ihre Handschrift ist?" Beklagter:Na, bös kann i a net!"Richter: Wollen Sie das Gericht zum Besten haben?"Beklagter:Na, Herr Richter, i kenn doch meine Handschrift selber net, i kann ja net, schreib'« l"

Macht der Gewohnheit. Feldwebel:Heutegibt'» besondere Menage, deßhalb braucht Ihr aber nicht so verliebt drein zu schauen, die Köchin dazu wird nicht geliefert."

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Ihr Pech. Director:Ich würde Sie wirklich gern engagtren, Fräulein! Dem Publikum haben Sie ja gefallen, aber der Renzensent, der Renzensent! Der spricht Ihnen leider die mustkalische Befähigung ab!" Sängerin:O, na ja! Der hat allerdings kein Gehör gefunden. Deshalb!"

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Ein Zweifler. Der sehr von stch eingenommene Componist Kratzer äußert in einer Gesellschaft:Sie glauben nicht, wie bekannt ich bereits bin. Ueberall, wohin ich komme staunen mich die Leute an, wie ein zweiköpfige» Kalb!" Davon wird wohl auch nur die Hälfte wahr sein!" bemerkt einer der Anwesenden.

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Verunglückte» Fremdwort. Herr:Ist die gnädige Frau zu sprechen?" Dienstmädchen:Nein, fie ist noch im tiefsten Gelee!"

Ehehinderniß. Richttr:Angeklagter, find Sie verheirathet? Angeklagter:I hält' schon g'möcht, übe: vor lauter Einsperre bin i net dazu kornmal"

Redactton: L. Scheyda. Druck und Berta- der Brühl'schen UniverstkAS-Buch- und «Steinbruderei (Pietsch & Schema) In Siege«.