Ausgabe 
21.5.1896
 
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VII.

In den nächsten Tagen war Dora viel allein, weil der Gatte durch verschiedene größere und kleinere Geschäftsreisen in Anspruch genommen war.

Die Einsamkeit wirkte änfangs wohlthuend, denn sie milderte den Zwang, den Dora sich anthun mußte, um ihren Seelenzustand nicht zu verrathen. Daneben fing aber die Phantasie an, ihr Spiel zu treiben und den Gegenstand ihrer heimlichen Liebe mit den glänzendsten Farben auszustatten.

Doch versuchte Dora auf alle Weise das Netz zu zer­reißen, das sie täglich mehr umstrickte. Arbeit, Lectüre, Wohlthätigkeitsbestrebungen, in Allem war sie eifriger als jemals. Täglich besuchte sie den Volkskindergarten und bald jubelten ihr die Kleinen entgegen, wenn sie mit ihrem Korbe voll rothbackiger Aepfel erschien. Sie versuchte auch zu spielen und zu scherzen, aber Jntereffe und Geduld waren verschwunden. Die Muttersehnsucht, die sie empfunden hatte, war vollständig untergegangen in dem heißen Liebesbegehren des Weibes.

Um ihren Gedanken zu entfliehen, fuhr sie eines Tages nach Gröpelingen zu Vater und Schwester.

Kommst Du endlich, Dorschen?" kam ihr der Rendant entgegen.Du mußt gleich mein Spalierobst sehen I Solche Birnen hat Niemand!"

Wieder in neuer, reizender Toilette! Dar reine Moden­journal! Wer aber auch solch' einen guten Mann hat" sagte Therese, indem sie die Herbsttoilette mit kritischen und begehrlichen Blicken musterte.

Wo sind denn Deine rothen Backen geblieben?" frug der Vater wieder.

Dora antwortete nicht und drängte nur eilig in's Haus. Dann folgte sie dem Vater in den Garten und hörte dis Neuigkeiten von Gröpelingen aus dem Munde der Schwester. Aber der Geduldsfaden war nur kurz und sie war früher zu Haufe, als sie eigentlich gewollt hatte.

Anderen Tages empfing sie eine Depesche des Gatten, welche sie von seiner früheren Rückkehr in Kenntniß setzte. Gegen Abend schon sollte ihn die Equipage auf dem Bahnhofe erwarten.

Er war Dora wie eine Erleichterung. Nun war sie wieder unter seinem Schutz. Wie wollte sie sorgen und schaffen für ihn, jeden Wunsch wollte sie ihm von den Augen lesen. Um ihn zu erfreuen, band sie einen Blumenkranz aus zartblühendem, dauerhaftem Haidekraut und befestigte ihn um das Bild seiner Mutter, das über seinem Schreibtische hing. Dann bestellte sie ein Lieblingsgertcht des Gatten für den Abend und fuhr selbst mit nach dem Bahnhofe, um ihn ab­zuholen.

Wülpern war entzückt und sehr aufgeräumt. Er erzählte mit Lebhaftigkeit von seiner zehntägigen Reise und mit vortrefflichem Appetit zu Abend. Dann zündete er sich eine feine Cigarre an und setzte sich behaglich aus's Sopha.

Dorschen, bitte, komm' hierher!" sagte er, al» sich die junge Frau auf einen Stuhl ihm gegenüber setzte und eine feine Handarbeit hervorzog.Du kennst doch das Lied: Mädel ruck ruck ruck an meine grüne Seite, ich bin Dir gar zu gut, ich mag Dich leide," intonirte er mit rauher Baß­stimme.Bitte, komm' hierher, ich will meinen Kopf an Deine Schulter lehnen!"

Die junge Frau stand gehorsam auf und setzte sich neben den Gatten, aber ein leises Zittern lief durch ihre Glieder.

Närrchen, Du bist so spröde heute ich glaube, daß Du mir noch nicht einen einzigen Kuß gegeben hast," sagte Wülpern, die Gattin umfangend.

Dora war unwillkürlich zurückgewichen und in ihren Zügen malte sich heimliche Angst. So unbefangen Wülpern war, entging es ihm nicht; ein ernster, tiefer Schatten ging über sein Antlitz.

Du weisest mich zurück, war ist Dir, Kind? Nein, keine Liebkosung!" schloß er aufstehend, als Dora nach seiner Hand griff, um sie verzeihungflehend an ihre Lippen zu ziehen. »Versuchen wir zu plaudern."

Und er begann wieder von seiner Reise zu erzählen und dazwischen Allerlei zu fragen. So quälte sich die Unter» Haltung eine Weile hin und her, bi« Bernhard Wülpern zu­fällig frug:Ist Mülverstedt nicht hier gewesen? Er ist schon seit vier Wochen wieder dal Sahst Du ihn schon vielleicht in meiner Abwesenheit?"

»Ich sah ihn allerdings," sagte Dora, unfähig, zu lügnen.

Wo? Wann?"

Im Borkenhäuschen, schon vor längerer Zeit . .

Du sagtest mir nichts davon wie sonderbar!" sagte Wülpern überlegend und seine Frau mit hartem, prüfendem, durchdringendem Blicke musternd, unter dem sie unwillkürlich die Augen niederschlug. (Fortsetzung folgt.)

Der alte Andreas.

Auch eine Pfingstgeschichte von E. Fahrow.

------- (Nachdruck verboten.)

Vollrath von Amstert war der Verzweiflung nahe, soweit das seiner munteren, leichten Natur möglich war.

Ist es aber denn auch nicht zum Verzweifeln, wenn man ein schönes Mädchen liebt und von ihr wieder geliebt wird, und alle Verhältniffe passen ganz schön und man ist jung und gesund und ein Ehrenmann, und sie hat unendlich viel Geld und der Schwiegervater ist ein Ekel?

Ja, das war es eben, der Schwiegervater fand, daß ein Commerzienrath wie er, der was galt in der Welt, auch Schrullen haben könne, ganz gleich, ob sie den Leuten ein­leuchteten oder nicht.

Seine Karols liebte den jungen Amstert und sollte ihn ja auch haben aber erst, wenn er gezeigt hatte, daß er verstände,Geld zu behalten," d. h. wenn er au» eigenen Mitteln ein kleines Gut oder eine Fabrik erworben hätte und darauf zu arbeiten verstand.

Zum Donnerwetter nochmal, wo hernehmen und nicht stehlen? Der alte Baron Amstert war zwar ganz wohlhabend, und eines Tages würde Vollrath ja auch ein Sümmchen erben; vorläufig aber war er ganz einfach Volontär auf dem väterlichen Gute, lebte fröhlich und sorglos in den Tag hinein und ließ gegenwärtig ein wenig den Kopf hängen, weil ihm die Liebe so schrecklich, so unaussprechlich, so unsinnig zusetzte.

Papa, ich werde verrückt," erklärte er dem alten Baron, als er eines Tages ein unerträglicher Kopfweh verspürte.

Der alte Herr betrachtete ihn mit kritischen Blicken.

Gestern Abend wieder Karola gesehen?" fragte er.

Ja natürlich. Du weißt ja, daß ich in der Stadt war."

Nachher wieder gekneipt?"

Na, so'n bischen, weißt Du."

Dann hast Du also 'n Kater, wobei man allerdings zuweilen verrückt werden kann," sagte der Vater vrrständniß- innig.

Nein, ganz ernstlich, ich halt' e» hier nicht mehr au». Laß mich eine kleine Erholungsreise machen, Papa vielleicht vergesse ich unterwegs Karola!"

Jh Du Filou, willst Du mir was weirmachen ? Du wirst Deine Karola nicht vergessen, so wenig wie sie Dich. Ist auch nicht nöthig, der alte Geldsack wird schon nachgeben, wenn sein Kindchen erst anfängt, zu wollen. Aber meinetwegen, das Reisegeld will ich Dir geben. Wo willst Du hin?"

Ich dachte, ich könnte an die Revier» gehen?"

Was? Im Mai, wo es dort gebratene Tauben in der Luft gibt und geröstete Menschen auf Erden?"

Warst Du denn schon 'mal dort? Nein! Run also, es ist durchaus nicht heißer dort wie hier, weil da» Meer und die Luft die Sache ändern. Zu Pstngsten bin ich ja wieder hier."