Ausgabe 
21.5.1896
 
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s- 234 ~

zurück sein; Dora brauchte sich mit ihrer Rückkehr nicht zu übereilen.

Die junge Frau schlug den Weg durch den Park ein und gelangte bald in's Freie. Ein wenig ermüdet setzte sie sich auf einen thymianduftenden Feldrain und blickte über die kahlen, abgeernteten Felder hinweg in die Ferne.

Dort drüben, wenige Kilometer entfernt, lag Mülverstedt; deutlich erkannte sie den Kirchthurm und die Zinnen des Schloffes. In den Fenstern spiegelte stch die Abendsonne, grell und augenverblendend blitzten die Lichter zu Dora herüber. Wo mochte er weilen? Es war ihr Trost, Erleichterung, Be­freiung, daß sie ihn fern wußte.

Der Gatte hatte allerdings Mülverstedts Abwesenheit schon bedauert um Doras willen.Du bist noch zu un­erfahren als Amazone, Kind/ hatte er noch gestern gesagt, bitte, warte, bis Mülverstedt wieder hier ist und Dich be­gleiten kann. Nein, Du bist wirklich noch keine Reiterin ich bin immer in Sorge um Dicht Wirst Du das Reiten ein­stellen, mir zu Gefallen, wenigstens bis Mülverstedt da ist?"

Dora hatte versprochen, ihre Rsitstudien ganz zu unter­lassen und ihm vorgeschlagen, Calypso zu verkaufen. Denn mit Mülverstedt wollte sie niemals wieder reiten; bas war felsenfester Entschluß. Hoffentlich kam er überhaupt nicht in diesem Herbst. .... Sie war entschieden ruhiger geworden, seit sie sich von dem Bann, mit dem er sie umgab, lorgeriffen hatte und vor ihm geflohen war.

Auch die Zeit in Helgoland hatte günstig auf ihren Eeelenzustand gewirkt. Im Anschauen erhabener Naturbilder hatte sie sich freier gefühlt und begeisterte Schilderungen an Vater und Schwester gesandt über das Eiland» daswie ein Opferstein fei, den sich der Schöpfer nach Erschaffung der Welt selbst im Meere aufgerichtet habe". Sie empfand kein Glück, aber sie empfand auch keinen Schmerz und das Gefühl der Befriedigung, das über sie kam, wenn sie Bernhard heiter und vergnügt sah, war wohlthuend. Sie wollte es nicht opfern die Leere freilich, die unheimliche Leere im Herzen. Wenn ich nur ein Kind hätte, o, ein Kind! Ich würde glücklich sein!"

Sie preßte das Taschentuch vor die Augen und stand thränenschluckend auf.

Den Pfad verfolgend, gerieth sie in den Wald und auf einen Berg, dessen Kamm die Grenzscheide von Almenhausen und Mülverstedt bildete. Oben auf der Höhe lag ein Borken- Häuschen mit Spitzbogenfenstern aus Glas, Eremitage genannt, das dem Besitzer von Almenhausen zugehörte. Die Amts- räthin hatte es sich vor Jahren anlegen lassen, um täglich einige Stunden daselbst zuzubringen und Waldluft zu genießen.

Dora kam seltener hierher, die Einsamkeit war bedrückend für sie. Auch jetzt überkommt sie ein Gefühl von Furcht. Sie wendet sich wieder. Da starrt ihr ein Haselnußzweig entgegen mit hart ineinander gefügten Früchten, die wie grüne Blüthenknospen ausschauen. Sie bricht den Haselnußzweig al- besondere Zierde für ihr Bouquet. Er wird den Gatten er- frenen.

In diesem Augenblicke ertönt lauter Donner gerade über ihrem Haupte. Der Ausbruch der Wetters ist näher, als sie gedacht hatte. Dar Walddickicht gestattete keine Umschau. Die Dunkelheit nimmt zu und wird beängstigend. Glücklicher­weise erinnert stch Dora eine« Richtwegs, der sie in längsten» fünfzehn Minute« bergab führen muß. Sie wendet sich und thut einige Schritte in überstürzender Eile steil bergabwärts n° ~ sinkt mit einem Schmerzenslaut zusammen. Der linke Fuß ist verstaucht. . .

Gnädige Frau? Oder ist'» die Waldfee?" hört stch Dora von seitwärts ansprechen.

Der Ton, diese Stimme er würde sie vermuthlich vom Tode erwecken! Schüchtern, todterschrocken blickt sie auf und sieht in der That Mülverstedt vor sich.

Müssen wir uns hier treffen?" fragt Mülverstedt in sonderbarem Tone. Zugleich gewahrt er aber auch, daß sie körperlich leidet und steht einen Augenblick rathlo» und er­schrocken.

Dora berichtet den Unfall und versucht aufzustehen. Um­sonst ! . . . Dazu ertönt abermaliger Donner, laut und mark- "jchittternd, und große Regentropfen praffeln auf da» grüne Blattdickicht nieder.

«Eine Rückkehr ist unmöglich!" entscheidet Mülverstedt. --Aber vielleicht können wir bis zur Eremitage gelangen. Werden Sie meine Hilfe zurückweisen?"

Dora macht wirklich eine ähnliche, sehr energische Be- wegung und steht selbständig auf. Aber sie schwankt und droht zu fallen.

Da ein Moment und sie sitzt auf Mülverstedts Arm wie ein Kind. Stumm wendet er sich mit seiner Last dem Borkenhäuschen zu. Die Eingangsthür ist verschlossen, der Schlüssel befindet sich jederzeit in den Händen des Gärt­ners. Aber auf der kleinen überdachten Veranda stehen Bänke und Stühle aus Birkengeflecht. Er fetzt sie sanft auf eine Bank nieder.

Wird der Arzt nöthig sein?" fragt er.

Nein! Der Schmerz läßt nach!"

Einige Zeit müssen wir hier verweilen. Das Wetter wird noch schlimmer werden, fürchte ich," sagte Mülverstedt, sich prüfend umblickend.Nun, wir find im Trockenen, gnädige Frau!"

Wann sind Sie zurückgekommen?" fragt Dora.

«Schon länger al» acht Tage," gesteht Mülverstedt, - «um Hasen und Hühner zu schießen," setzt er verhüllend hinzu.

«Niemand wußte darum, auch mein Mann nicht," be­merkt Dora, als ob sie ihre Anwesenheit damit erklären wolle.

In diesem Augenblick erhebt sich ein orkanartiger Sturm und fährt brausend in die mächtige Krone einer Buche, die, ihre grünen Arme ausstreckend, sich mit den Schwesterbäumen kreuzt. Dazu zuckt Blitz auf Blitz in ihrem bläulichen Lichte schauen sich die Beiden an wie Geister. Und wieder ein Windstoß in die Aeste der Buche, die wie ein treuer Wächter dicht neben dem Borkenhäuschen steht. Er packt den Stamm und rüttelt an den Aesten, daß mit den rieselnden Wasser tropfen leichte Zweige und Buchnüfle hinabregnen. Jetzt gleitet auch ein leeres Vogelnest herunter, dazu ein junger Vogel, der mit verletzten Flügeln mühsam auf der Erde flattert.

«O weh! Das arme Vögelchen!" klagt Dora.

Mülverstedt steht schon draußen, um das Vögelchen auf­zuheben. Zurückkehrend hält er den kleinen zuckenden Vogel­körper Dora entgegen. In Mitleid und überströmender lang­verhaltener Seelenbewegung beugt stch die junge Frau nieder, um das Thierchen zu küssen. Aber in halber Schwäche küßt sie Mülverstedts Fingerspitzen.

Das ist zu viel für das mühsam zurückgedrängte, leiden­schaftliche Gefühl des stolzen, eitlen Mannes, den die Frauen feit seinen Jünglingjahren durch Liebe verwöhnt hatten. Noch niemals hatte er so lange und vergeblich geworben. ... Im Nu liegt er zu Dora» Füßen und stammelt glühende Liebes­worte, während der Vogel mit gebrochenen Flügeln am Erd­boden weiter flattert.

Nimmermehr!" weist Dora streng zurück. Und sie er- hebt sich von der Bank, um durch Sturm, Regen und zuckende Blitze den Heimweg zu suchen.

Pardon, gnädige Frau, ich war, ich bin wahnsinnig I Sie können mir niemals verzeihen, niemals--"

«Warum tödtet uns nicht ein Blitz - miteinander?" redet Dora leise zu stch selbst.

Dora, Du möchtest sterben, mit mir? Ich kann sie nicht fassen, die Wonne," jubelt Mülverstedt, indem er ihre Hand und ihr Kleid mit Küssen bedeckt.

Dora reißt sich los, um langsam und schwankend nach Hause zu gehen, nachdem sie durch eine befehlende Hand­bewegung Mülverstedt zurückgehalten hat.