Ausgabe 
21.4.1896
 
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es noch so schön da oben ist, das Hinabsteigen aber in das sonnenbeglänzte, weite Land zu unseren Füßen braucht deßhalb nicht weniger angenehm zu sein. Welch' neuvermähltes Paar wüßte nicht, wie das Verlangen nach der eigenen Häuslichkeit erst leise, dann immer lauter in die froheste Reiselust hinein« klingt, bis Herz und Fuß sich endlich, wie von unsichtbaren Händen gezogen, der Heimath zuwenden.

Der eigene Herd! Welch' unnennbarer Zauber liegt für Ihn und für Sie in diesem Worte, gleichwohl ob Eltern und Schwiegereltern ihr Daheim bis zur geringsten Kleinigkeit ausgeschmückt und eingerichtet haben, oder ob ihrer zuerst eine Zeit reizender Unordnung wartet, in der sie auf Koffern statt auf Sesseln sitzen und den Kaffee je nachdem der Zufall es fügt, aus Töpfen, Gläsern oder Eierbechern trinken.

Aber auch diese romantische Zeit vergeht und das lang zurückgedrängte Alltagsleben tritt in feine Rechte ein- Er muß Zeit und Aufmerksamkeit, die bisher ausschließlich Ihr ge- widmet waren, wieder auf seinen Beruf richten und Sie muß es lernen, für den größten Theil des Tages sich selbst über, lassen zu bleiben, und nur mehr die zweite Stelle in seinen Gedanken einzunehmen. Sie steht ein, daß es fo sein muß, aber es fällt Ihr schwer, stch daran zu gewöhnen; und das Bedauern, die Poesie der Flitterwochen so schnell mit der nüchternen Prosa der Werktage vertauschen zu müssen, ver- leitet Sie wohl dazu, ungerecht gegen Ihn zu sein und den Grund dieser Wandlung in einer Verminderung seiner Liebe zu suchen, statt in der durch den gewöhnlichen Lauf der Dinge hervorgerufenen, ganz natürlichen Veränderung der äußeren Verhältnisse.

In den langen Stunden, da Amt ober Geschäft Ihn von Ihr ferne halten, kommt Sie sich vereinsamt und verlassen vor. Sie war nie so viel allein, Sie vermißt das laute, lustige Treiben der Geschwister, den traulichen Verkehr mit Jugendgespielinnen und Schulgefährtinnen, die neu eingerichtete kleine Wirthschaft gibt Ihr wenig zu thun, und was Sie noch vor Kurzem für völlig unmöglich gehalten hätte, Sie langweilt sich.

Ueber die unnütze Stickerei in ihren Händen hinweg schweifen ihre Gedanken zurück zu ihrer fröhlichen Mädchen, zeit, in der kein Tag verging, ohne irgend eine heitere An. regung oder angenehme Abwechselung zu bringen. Jetzt foll Sie auf dies Alles verzichten, soll nur für den Einen da sein, aber dieser Eine nimmt stch nicht einmal immer Zeit, auf Sie zu achten.

Der Abstand zwischen dem Leben eines gefeierten, viel, begehrten Mädchens und dem der jungen Frau, die ihr Glück einzig und allein in dem des Gatten suchen soll, der, wenigstens in feinen äußeren Liebesbezeigungen von Tag zu Tag kühler wird, ist in der That ein großer. Unwillkürlich fragt Sie sich, ob er das Glück, das Sie Ihm gewährt, auch in seinem vollen Werthe zu schätzen weiß, ob Sie nicht zu eilig in ihrer Wahl war, und ein Anderer sich vielleicht dankbarer für ihre Liebe erwiesen hätte.

Das ist eine gefährliche Zeit für Sie, einer der Wende­punkte ihres Lebens, und auf ihn kommt es jetzt an, ob Sie es lernen wird, die stillen Freuden der Häuslichkeit allen anderen vorzuziehen, oder ob Sie sich gelangweilt von diesen abwenden und ihr Glück draußen suchen wird.

Versteht Er es, Sie mit sanfter zärtlicher Hand von der seligen Höhe hochzeitlichen Glückes hinabzuführen in das All« tagsleben, weiß Er Ihr dies durch stets gleich bleibende Güis lieb zu machen, zeigt Er Ihr durch fein Vertrauen, durch die Theilnahme, die Er Ihr an seinen Arbeiten und Bestre­bungen gestattet, daß Er mehr in Ihr sieht, als nur ein Spielzeug müßiger Stunden, daß Er Sie geistig als zu seinem Geschlecht gehörig erkennt, in Ihr seine Freundin und Ge- hülfin, seine Stütze und seinen Trost sieht, dann braucht Er nicht zu befürchten, daß Sie vom rechten Wege abtrren wird. Fühlt Sie stch mit Ihm Eins in ihrem ganzen Sein und Denken, dann wird Sie gern auf die Tändeleien der ersten Flitterwochen verzichten, und nicht erwarten, daß Er die Liebe, von der sein ganzes Wesen zeugt, immer von Neuem mit

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Worten betheuern soll. Ohnmächtig werden sich die kleinen Wellen täglicher Unannehmlichkeiten an dem Felsen brechen, auf dem Sie ihre Liebe gebaut weiß. Gern wird Sie Ihm glauben, wenn Er mit dem Dichter sagt:

Was Du mir bist? hör' ich Dich fragen, Du meinst, ich liebte einst Dich mehr l So komm, leg an mein Herz Dich her, Und laß Dir's seine Schläge sagen."

Und nachdem Er Ihr zugeflüstert, daß Sie Stern, Licht, Athem und Krone seines Lebens ist, mit den Worten schließt:

So schlägt mein Herz, so schlug es immer! O glaub' der treuen Purpurfluth Und birg beschämt der Wangen Gluth An meiner Brust und zweifle nimmer!"

Aber auch für Ihn ist diese Zeit ersten Einlebens und Zusammenlebens nicht ohne Gefahren. Dickens läßt einen jungen Ehemann die Erfahrungen dieser Zeit höchst anschaulich berichten.Es kam mir," sagte derselbe,ganz außerordent» lich vor, meine kleine Frau immer um mich zu haben. Es war mir so ungewohnt, nicht mehr aurgehen zu müssen, Sie zu sehen, keinen Grund zu haben, mich ihretwegen zu ängstigen und unglücklich zu fühlen, keine Listen und Jntriguen mehr anwenden zu dürfen, um für Augenblicke mit Ihr allein zu sein. Manchmal des Abends, wenn ich von meiner Schreiberei aufblickend Sie mir gegenüber sitzen sah, lehnte ich mich in meinen Sessel und dachte darüber nach, wie sonderbar er sei, daß wir hier ganz allein mit einander waren, als ob sich das so von selber verstünde und keinem Menschen in der Welt etwas anginge, daß es mit aller Romantik unserer Brautzeit so ganz und gar vorüber sei, als hätten wir sie so fein säuberlich eingepackt und an einen sicheren Ort zur Aufbe. Währung fortgesetzt, daß wir Niemanden mehr zu gefallen brauchten, als nur uns Beiden, uns Beiden ganz allein und für's ganze Leben."

Welcher jung verheirathete Gatte hätte sich nicht gelegent. lich ähnlichen Betrachtungen htngegebsn, die neben der schönen auch ihre bedenkliche Seite haben. Ist es doch, als ob in die Zeilen leise ein anderes Dichterwort hineinklänge:Glück ist die Goldfrucht Hinterm Gitter, die Schranke sinkt und sie verlockt nicht mehr."

Auf die Freude über die Erreichung des langerstrebteu und heiß ersehnten Zieles ist eine gewisse, selten ausbleibende Ernüchterung gefolgt. Noch sind Ihm die neuen Verhältnisse nicht zur zweiten Natur geworden, noch haben die häuslichen Gewohnheiten noch keinen so festen Halt über ihn gewonnen, daß Er sich nicht manchmal der früheren erinnern und Ver» gleiche anstellen sollte, welche nicht immer zum Vortheile der gegenwärtigen ausfallen.

Wenn er an der Ungebundenheit und Sorglosigkeit früherer Tage denkt, wenn Ec sieht, wie seine College» und Freunde, sobald sie die lästigen Geschäftsstunden hinter stch haben, an nichts zu denken brauchen, als an ihr eigenes Ver­gnügen, wie sie überall die Gerngesehenen und Willkommenen sind, während Er nicht umhin kann, zu bemerken, daß der Nimbus, der Ihn früher in den Augen von Müttern und Töchtern umgab, gewaltig abgenommen hat, feit Er verheirathet ist; oder wenn durch eine Zufälligkeit erweckt, der alte, un« ruhige Wandertrieb, dem Er um Ihretwillen entsagte, plötzlich so mächtig in Ihm wird, daß der Gedanke, für immer an die Scholle gebunden zu sein, Ihm fast zum körperlichen Schmerze wird, dann kann es wohl kommen, daß ein Seufzer seine Brust hebt und Er der jungen Fran, welche sehnsüchtig auf Ihn wartet, kühl und wenig liebenswürdig erscheint.

In Ihre Hand ist es in solchen Augenblicken gegeben, ob die Entfremdung eine flüchtig vorübergehende bleiben oder eine dauernde werden soll. Dann muß Sie, statt stch ihrer Empfindlichkeit hinzugeben und durch Schmollen und Kälte Ihm seine Häuslichkeit zu verleiden, Alles aufbieten, Ihm dieselbe lieb und angenehm zu machen. Dann ist es Zeit, alle Waffen Ihrer Liebenswürdigkeit aufzuwenden, all' die kleinen Künste hervorzusuchen und aufzufrischen, mit denen sie