Ausgabe 
21.4.1896
 
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gebe«, der denn auch bald die Bauerntochter, um dis er länge vergeblich gefreit, heimgeführt hatte.

Aber es ruhte kein Segen auf feiner kinderlosen Ehe; Unfrieden herrschte im Hause, die Frau war zänkisch und un­ordentlich, Valentin saß allabendlich im Wirthshaus und be­kümmerte sich wenig um die Wirthschaft, so ging denn Alles rückwärts auf dem Birkenhof, zum großen Kummer des alten Widmer.

Von Lisbeth und Frieder hatte man im Dorf nichts mehr gehört; wohl hatte Lisbeth mehrmals an ihren Vater geschrieben, aber in seinem Trotz und Grimm hatte er die Briefe immer uneröffnet zurückgesandt.

Elf Jahre waren verflossen, seit Lisbeth sein Haus ver­lassen; ein alter, gebeugter, vergrämter Mann, ging Widmer eines Morgens in das Dorf, wo heute der Oedhof, der durch die Nachlässigkeit und Verschwendung von Heinrich Rohnert, Lisbeths ehemaligem Verlobten, in die Gant gekommen war, öffentlich versteigert werden sollte-

Fast scheu schlich Widmer unter den Fenstern des Auetions- locals vorbei; es war ihm, als sähe er im Bilde das Schicksal de» eigenen Hofes sich dort vollziehen, denn er wußte nur zu gut, daß Valentin sich nicht lange mehr auf dem Birkenhof würde halten können.

Da trat aus der Thür des Wirthshauses eine städtisch gekleidete Frau, die einen etwa siebenjährigen Knaben an der Hand führte und von einem hochaufgeschossenen Burschen be­gleitet wurde.

Als die Frau den alten Widmer gewahrte, faßte sie ihn scharf in'» Auge und rief:Vater, Vater, erkennt Ihr mich nicht mehr? Ich bin ja die Lisbeth I"

Der alte Mann lehnte sich schwankend an dieMauer des Hauses.

Lisbeth," stammelte er,Wes möglich, Du hier?"

»Ja," sagte sie, seine Hand fassend,wir sind Alle hier und da drinn hat eben der Frieder den Oedhof gesteigert. Es ist uns drüben gut gegangen," fuhr sie hastig fort, als der Vater sie stumm anstarrte, al« traue er seinen Sinnen nicht,unsere Farm gab reiche Ernten und als der kleine Nachbarflecken im Laufe der Jahre eins große Stadt wurde, stieg ihr Werth um das Dreißigfache. Wie uns nun jüngst ein hoher Preis dafür geboten wurde, habe ich den Frieder gebeten, die Farm zu verkaufen und in die Heimath zurück­zukehren. Er wäre gern drüben geblieben, aber er thut mir ja Alles zu Liebe und da er wußte, daß ich nie ganz froh werden konnte, bis ich Eure Verzeihung, Vater, erlangt, so erfüllte er meinen Wunsch. Gestern kamen wir in der Haupt­stadt an und wie wir dort in der Zeitung lasen, daß hier heute der Oedhof versteigert werden sollte, beschlossen wir, ihn zu kaufen."

Ihr den Oedhof," murmelte Widmer und faßte sich an die Stirn wie Jemand, der sich vergewissern will, ob er wacht oder träumt. Da fiel sein Blick auf den kleinen Knaben, der eben die Mutter am Rock zupfte und neugierig fragte: Mutter, ist der alte Mann der Großvater?"

Peter, lieb« Peterle," rief er, sich zärtlich zu dem Knaben beugend,habe ich Dich wieder!"

Nein, Vater," sagte Lisbeth,das ist der Lorenz, der drüben geboren ist und den wir nach Euch genannt haben; hier der große Bursche ist Euer Peterle von ehedem."

Dieser schüttelte mit herzlichen Worten dem Großvater, dessen er sich noch ganz gut erinnerte, die Hand; aber der hochgewachsene Jüngling mit seinem etwas ausländischen Deutsch war dem Alten fremd, er beugte sich wieder zu dessen Bruder, in welchem er das Ebenbild des Knaben wiederfand, an dem einst sein ganzes Herz gehangen und dessen Weggang er noch schmerzlicher empfunden, als den der Tochter.

Jetzt trat Frieder, ein Papier in der Hand, aus dem Haufe und stutzte, al» er die Grupps gewahrte.

Der Oedhof ist unser, Lisbeth," sagte er, zu ihr ge­wandt, «da ist der Kaufbrief."

Vater Frieder, gebt Euch die Hände und seid's

Freunde," rief Lisbeth, zwischen die beiden Männer tretend, die sich mit ernsten Blicken maßen.

Einen Augenblick zögerte Frieder, dann reichte er dem Alten die Rechts und sagte:Wir wollen Frieden machen, Birkenhofbauer, um der Lisbeth willen."

Widmer nahm zögernd die Hand feines Schwiegersohnes und es kostete ihm sichtlich einen Kampf, den Mann, den er so lange tief gehaßt, durch den so viel Leid über ihn gekom­men war, einen freundlichen Willkommengruß zu bieten. Er that es aber dennoch und dankbar sah ihn Lisbeth an.

Birkenhofbauer darfst mich aber nicht nennen," sagte er dann,das ist der Valentin jetzt und ich sitz' auf dem Altentheil."

Und wie geht'« Euch, Vater?" fragte Lisbeth, sein ver­grämtes, eingefallenes Gesicht und feinen abgetragenen Rock mitleidig betrachtend,haust denn der Valentin ordentlich und ist die Söhnerin gut gegen Euch?"

Gut?" wiederholte der Alte grimmig.Sie mißgönnt mir den Bissen, den ich in den Mund stecke; ich lebe ihr zu lange; und der Valentin haust so, daß der Birkenhof wohl nächstens auch in die Gant kommt."

Das sind ja böse Nachrichten, Vater," sagte Lisbeth. Ich will Euch einen Vorschlag machen? zieht zu uns auf den Oedhof. Keine größere Freud' könnt' ich haben, als wenn ich Euch in Euren alten Tagen pflegen dürft'. Gelt, Frieder der Vater soll zu uns kommen?"

Ein Strahl des Triumphes brach au» Frieders Augen, es war ein stolzer Augenblick für ihn, da er dem Birkenhof­bauer eine Heimath auf feinem eigenen Hof bieten konnte.

Gewiß, Dein Vater soll uns von Herzen willkommen fein," nickte er Lisbeth zu.

Aber in Widmer regte sich der alte Stolz und Trotz.

Nein," sagte er barsch,ich will kein unnützer Brod- esser bei Euch sein."

Frieder verstand seine Gefühle, und mit dem Taet des Herzens, den oft die schlichtesten Menschen besitzen, sagte er: Das werbet Ihr nicht, so Ihr zu uns kommt, ich könnte Euren Rath gut brauchen, denn drüben treiben sie die Land- wirthschaft ganz anders als bei uns und da ich hier nur ein armer Tagelöhner war, weiß ich wenig Bescheid, wie so ein großer Hof bewirthschaftet werden muß."

Da hört Jhr's, Vater," fiel Lisbeth ein,wir haben Euch recht nöthig. Komm', Lorenz," fuhr fie fort, als sie sah, daß Widmer mit sich kämpfte,hilf Du den Großvater bitten, daß er zu uns zieht."

Eben kam das Bernerwägelchen des Wirthe», das Frieder bestellt hatte, um nach dem Oedhof zu fahren.

Jetzt, Vater, steigt gleich mit uns ein," bat Lisbeth.

Der Knabe aber faßte zutraulich die Hand des noch immer zögernden alten Mannes und sagte:Ja, Großvater, fahr' mit und dann mußt Du auch bei uns bleiben und ich darf mit Dir die Pferde in die Schwemme reiten, wie der Peter erzählt, daß Du es ihn hast thun lassen."

Widmer hob den Knaben auf feinen Arm und sah mit feuchten Augen in das lachende Kindergeficht.

Ganz mein Peterle," murmelte er,da muß ich Dir wohl den Willen thun."

Und jetzt fahren wir nach dem Oedhof, den der Vater gekauft," rief der Knabe,und ich darf neben dem Großvater auf dem Bock sitzen, gelt, Mutter?'

Widmer wandte sich zu Lisbeth und sagte mit einem Lächeln, in welchem sich die verschiedensten Empfindungen stritten:Sieh', Lisbeth, nun bist Du dennoch Oedhofbäuerin geworden, wie ich es gewollt."

Hochzeit, Hochzeitsreise und erstes Einlebefi daheim.

(Schluß.)

Von feinem etwas spöttischen Tone abgesehen, kann es nicht« Wahreres als diesen Ausspruch geben. Immer auf dem Gipfel eines Berges zu verweilen, geht nicht an, auch wenn