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Schulter pressend, brach sie in ein heftiges, unaufhaltsames Schluchzen aus.
„Ruhig, Kind, ruhig," suchte er sie zu beschwichtigen, mit sanfter Hand über ihr weiches, noch immer wie ehedem glatt gescheiteltes Haar fahrend, und führte sie nach dem Sopha hin, wo er an ihrer Seite Platz nahm.
„Schütte nur Dein bekümmertes Herz gegen mich aus und dann laß uns erst sehen, ob die Sache, die Dich so betrübt, auch wirklich so schlimm ist, wie sie Dir jetzt erscheinen mag."
Ihre Hände in die seinen nehmend, blickte er ihr theil- nehmend in's Auge.
„Es ist Alles aus, Alles zu Ende," kam es bebend von ihren Lippen.
„Was ist aus?" fragte er milde. „Ist etwas zwischen Dir und Deinem Gatten vorgefallen?"
Sie nickte, und ihren Kopf auf's Neue an feine Schulter legend, erwiderte sie tonlos: „Wir haben uns für immer getrennt."
„Hoho!" schrie der Pastor auf. „Das geht doch nicht so leicht, wie Du denkst. Ehen lassen sich so ohne Weiteres nicht heute schließen und nach einem Jahr — und es ist noch kaum ein Jahr her, daß Du des Barons Frau geworden bist — wieder trennen."
„Und doch muß es sein, Herr Pastor. Ja, ich war es, die das entscheidende Wort gesprochen hat."
„Du — und aus welchem Grunds?"
„Weil zwischen mir und ihm eine Anders steht, eine Andere, die er liebt, während er mich nie, nie lieben wird."
Auf's Neue brach sie in Schluchzen aus, der Pastor faßte beruhigend ihre Hände und ließ sie eine Weile gewähren; dann sagte er ernst: „Das klingt freilich schlimm, mein armes Kind; aber berichte mir erst Genaueres, vielleicht.urtheilst Du doch härter über Deinen Mann, als nöthig ist. Wer ist denn Diejenige, die sich zwischen Dich und ihn gedrängt hat?"
„Seines Vetters ehemalige Braut, die schöne Miß Graham."
Noch ernster wurde des Pastors Gesicht.
„Diese? Um's Himmels willen, sie hat doch nicht etwa die Kühnheit gehabt, Euch nach Corfu nachzureisen?"
„Ja, sie kam, ihres Sieges gewiß, der selbstverständlich auch nicht ausgeblieben ist."
Und mit fliegendem Athem erzählte sie die Vorgänge der Osternacht in der Kathedrale von San Spiridion.
„Das ist stark, sehr stark," rief der Pastor, der aufmerksam und mit gespanntestem Interesse ihrer Mittheilung zu- gehört hatte. „Dennoch, um ganz offen zu sein, fürchte ich, Du bist zu rasch gewesen, mein Kind, hast den leidenschaftlichen Einflüsterungen der Eifersucht zu sehr Dein Ohr geliehen."
„Meiner Eifersucht?"
„Wie willst Du es anders nennen, Kind! Und ist es nicht natürlich, wenn Du Deinen Gatten- liebst, daß Du eifersüchtig bist auf jene Sirene, wie Fräulein Altwiel sie in ihrem Bilde genannt hat, die Dir sein Herz entreißen will? Die schöne Amerikanerin muß ja eine ganz gefährliche und abenteuerliche Person sein, die überdem ihre Netze nicht allein nach dem Herzen, sondern allem Anscheine nach' mehr noch nach dem Reichthum eines Mannes auszuwerfen scheint, das ihr helfen soll, ihr Verlangen nach Glanz und Genuß zu befriedigen."
„Ich dachte, sie wäre selbst sehr reich," warf Ilse aufhorchend ein.
„Im Gegentheil, sie hat als Grund ihrer Absage an den Assessor von Wenzelen den Verlust ihres Vermögens angegeben, und was das Aergste ist, sie hat es nicht einmal für nöthig befunden, ihr Porträt, das sie selbst bestellt hat, Fräulein Altwiel, von der sie weiß, daß sie auf die Erträgnisse ihrer Kunst angewiesen ist, zu bezahlen. Wer weiß da, ob nicht auch ihre Liebe zu Deinem Gemahl nur gespielt ist, um sich den reichen Mann zu sichern."
„Nein, nein," unterbrach ihn Ilse mit traurigem Kops
schütteln, „sie liebt ihn. Das las ich in ihren Äugen, die mit den seinen in gleicher Leidenschaft sich begegneten."
„Verzeihe, wenn ich Dir darin kein unbedingtes Urlheil zutraue. Du bist zu unerfahren, um solche Verstellungskünste durchschauen zu können. Jedenfalls, wenn Du eine wirkliche Liebe für Deinen Gatten hegst, wie Du mir ja gestanden hast, hättest Du ihn nicht verlassen, sondern ihn davor zu bewahren suchen sollen, einem frevlen Spiel zum Opfer zu fallen. Man sagt den Amerikanerinnen, besonders denen, die hier in Europa wie jene Miß Graham auf der Jagd nach einer guten Partie sich befinden, viel Kühle und Berechnung nach. Das ganze Verhalten dieser Dame scheint mir verdächtig. Ist es nicht möglich, daß sie anfangs nur darum dem Assessor den Vorzug gegeben hat, weil sie ihn für reich hielt und ihn fallen ließ, als feine Aussichten auf Reichthum durch das Testament des Onkels und Wolfs Hsirath zerstört wurden? Und einem Manne nachzureifen, von dem sie weiß, daß er durch heilige Bands gefesselt ist, daß er nächst Gott seine Genesung von tödtlichem Leiden zumeist der Gattin treuer Pflege verdankt, ihre Macht an ihm von Neuem zu üben, wie frivol und verwerflich! Glaubst Du denn, daß eine solche Frau den Baron, der selbst noch ein flatterndes Blatt im Winde ist, glücklich, ja auch nur zufrieden machen könne? Ein Rausch wird's sein, ein kurzer, nur zu rasch verfliegender Rausch, nach dem er sich elender fühlen wird, als je vKher. Was ihm fehlte von seiner Jugend an, das war die sichere Hand der Liebe, die ihn milde und doch bestimmt zu leiten versteht. Verhätschelt, vergöttert, durch eigenartige Verhältnisse in eine schiefe Lage gebracht, ble der Knabe, wie er mir bei meinem Besuche in Gattersberg vor Eurer Vermählung bekannte, schon schmerzlich empfand, sind mit seinen liebenswürdigen Eigenschaften auch alle Fehler hochgeschossen und haben das Gute fast überwuchert, Kraft und Willen gelähmt. Du gerade mit Deinem festen und doch sanften Wollen hättest seine Helferin und Heilerin werden können. Das glaubte und hoffte ich, als ich Euren unter so seltsamen Umständen geschlossenen Bund einsegnete. Und nun hast Du selbst Alles zerstört!"
„Konnte ich denn anders?" rief sie schmerzlich, ihre Hände wie flehend zu ihm erhebend. „Durfte ich meins Frauenwürde so verletzen lassen? Und hätte ich das auch über mich vermocht, glauben Sie doch nur, es wäre dennoch vergeblich gewesen."
„Vielleicht; aber Du hättest auf alle Fälle abwarten sollen- So hast Du ihm einen Schein des Rechtes für feine Handlungsweise verliehen."
„Mag es d'rum fein, die ungeliebte Frau muß der geliebten weichen."
„Auch der unwürdigen? Das meine ich doch nicht. Indessen, was geschehen, ist nicht zu ändern. Du hast ihn freigegeben, und kehrt er nicht von selbst zu Dir zurück, so hast Du keine Macht mehr, ihn zu halten."
„Dessen bin ich mir völlig bewußt. Als ich in Bcindist mich von ihm trennte, that ich es in der festen Ueberzeugung, daß damit diese Episode meines Lebens abgeschlossen sei und ich wünschte," — wieder stieg eiy Schluchzen in ihre Stimme — „dieses Jahr könnte in meiner Seele ausgelöscht werden für immer. Mit Kassandra hätte ich in den bangen Nächten, da ich allein mit meinen Schmerzen, meinem Seeleid unterwegs war, sGott anflehen mögen: Meine Blindheit gieb mir wieder und den fröhlich-offenen Sinn. Die Freudigkeit, die ich früher für meinen Beruf hatte, ist dahin."
„Du denkst daran, ihn wieder aufzunehmen?"
„Welch' anderer Trost bliebe mir? Versuchen will ich es wenigstens, in der Ausübung des Erlernten, in der Sorge für Andere, Leidende, zu vergessen, daß auch ich einst ein Glück erträumte, das nicht für mich bestimmt ist."
Ein Klopfen an der Thür unterbrach die Unterhaltung- Frau von Bellin steckte den Kopf hindurch.
„Darf ich jetzt nicht endlich auch an der Berathung theil« nehmen?"
„Bitte, Mama," sagte Ilse mit einer müden Hand-


