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„Aber warum nicht, Papa?" riefen beide Schwestern betrübt rote aus einem Munde- „Ilse ist doch nicht krank?" „Nicht krank, aber doch angegriffen von der Reise. Ich werde das erste Mal allein sie aufmchen."
„Ach, so bleibt sie länger hier?" warf die Pastorin ein. „Ich glaubte, sie wäre nur auf einen Tag herübergekommen."
„Einige Zeit wohl, sie ist noch allein hier ohne Gemahl, der wahrscheinlich erst nachkommen wird, wenn es hier erst wärmer und Alles zu feinem Empfange geordnet ist."
„Ja, ja, man sagt, ein zu frühes Heimkehren aus dem Süden fei gefährlich," meinte die Pastorin. „Doch scheint es mir ein gutes Zeichen für des Barons Befinden, daß er Ilse hat vorausreisen laflen."
„Das denke ich auch," entgegnete der Pastor zurück« haltend. „Sie hat mir natürlich nichts Näheres geschrieben; aber ich werde ja Alle» hören, wenn ich Nachmittags zu ihr gehe."
Sein Aussehen war sehr ernst und in sich gekehrt, als er eine Stunde darauf den Weg nach der Villa Frau von Bellins antrat. Die wenigen Zeilen, die Ilse ihm geschrieben, hatten ihn sehr nachdenklich gemacht und ihretwillen mit Sorge erfüllt.
„Verzeihen Sie, mein verehrter Freund," so hieß es darin, „wenn ich nicht wie sonst meinen ersten Gang nach dem lieben Pfarrhause sein lasse und Sie statt beffert bitte, im I Hause der Mutter mich aufzusuchen. Die Gründe hoffe ich Ihnen bald mündlich auseinandersetzen zu können. Stets Ihre dankbare treue Ilse."
„So viel ist klar," dachte der Pastor, „es ist da etwas vorgefallen, etwas Schwerwiegendes." Daß er sich in seiner Annahme nicht täuschte, sah er sogleich an dem Gesicht Frau von Bellins, die auf sein Läuten selbst öffnete und ihn mit sich in's Wohnzimmer zog, wo sie ihn mit einem Schwall von Worten und Klagen überschüttete.
„Ach, Herr Pastor, Herr Pastor, was Sie nur dazu sagen werden? Mein armes Kind, na, Sie werden ja gleich sehen, was aus ihr geworden ist. Nicht wieder zu erkennen ist sie; o, mein Gott, ich weiß wirklich nicht, was werden soll."
„Aber liebe, gnädige Frau," wehrte der Pastor ab, „taffen Sie mich nur erst hören, was eigentlich geschehen ist."
Nun erschien Ilses schlanke Gestalt in der Thür zum Nebenzimmer.
„Ich bitte Dich, Mama, laß mich mit dem Herrn Pastor allein sprechen." , m
„Ja, ja, da Du es durchaus willst; aber ein Wort habe ich doch auch dabei mitzusprechen, das werden Sie ja bald auch einsehen, Herr Pastor, und keine Beschlüsse fassen, ohne daß ich dabei bin."
„Gewiß nicht," beruhigte der Pastor die Aufgeregte, Ilses Winke folgend, die die Thür ihres Zimmers fest hinter I sich zuzog.
Es war dasselbe, einfach aber mit schlichter Anmuth geordnete Zimmer, das sie als Mädchen bewohnt hatte, in dem auf ihre besondere Bitte nichts geändert war, da er auch ferner für sie als Gastzimmer bei ihren Besuchen im Hause der Mutter bestimmt war. Aber der harmonisch geordnete Raum, dem sie die eigene Individualität ausgeprägt hatte, stimmte nicht mehr mit der jetzigen Erscheinung seiner Bewohnerin. ,
Nicht ohne Wehmuth ließ der Pastor seinen Blick über sie hinschweifen. Die Mutter hatte Recht- Ilse hatte sich sehr verändert- So bleich sah sie aus, so schmal waren ihre Wangen geworden, und was ihm früher gerade so lieb an ihr gewesen, der Ausdruck innerer Zufriedenheit, an dem selbst die oft unliebsamen Verhältnisse in ihrer Familie nichts zu ändern vermocht hatten, war aus ihren Zügen gewichen. Aus dem jungen, klar und unschuldig in die Welt blickenden Mädchen war ein Weib geworden, dem Schmerz, Leid und Bitterkeit nicht fremd geblieben.
Mit stürmischer Bewegung warf sie ihre Arme um den I Hals der treuen Seelsorgers und, ihren Kopf an seine
Ilse steht etwas abseits von den beiden Männern, sie > schaut feuchten Blickes auf das entschwindende Eiland, das ihr so manche schöne, genußreiche Stunde, aber auch die bitterste ihres Lebens gebracht hat- Vorbei, vorbei. Sie kommt sich wie eine Abgeschiedene vor, die aus dem Licht in ewige Nacht gesunken ist. Wäre nur auch das Letzte erst vorüber, die Scheidestunde von Wolf und das Wiedersehen mit der Mutter. Sie fürchtet sich vor den Lügen und den Erklärungen, die sie daheim wird geben müssen. Ach, dort wird man vielleicht am wenigsten ihre Handlungsweise verstehen und nicht begreifen wollen, daß ihr nur dieser Weg übrig blieb, um sich ihre Selbstachtung, die Möglichkeit, weiter leben zu können, zu bewahren.
„Dort liegt Butheotum," sagt der Professor, nach dem Orte hindeutend, „bald wird unser Schiff Cap Scala und Cap Casiope passirt haben. Dann sind wir dem Umkreis von Corfu entrückt und steuern in's offene Meer hinaus. Ach, schöner war es doch, als wir hierher fuhren und das Wunderland noch wie ein verschleiertes Räthsel vor uns lag. Jetzt, da es sich uns enthüllt hat in aller seiner Herrlichkeit, treibt es uns wieder fort, zurück nach dem heimischen Herd. So ist das Leben eine Wanderschaft. Haben wir aber unser Liebstes bei uns wie Sie, meine lieben jungen Freunde," wendet er sich herzlich zu Wolf und Ilse, „dann ist es überall schön, wo es auch sein mag. Ich armer alter Hagestolz beneide Sie um Ihr Glück. Aber so ist es, man sieht seine Versäumnisse immer erst ein, wenn es zu spät ist."
Die so glücklich Gepriesenen schlugen verlegen die Augen nieder. Ach, ihre Ehe zu beneiden hatte der gute Professor wahrlich keinen Grund.
XVIII.
„Ilse, Schwester Ilse ist wieder hier!"
Mit diesem Jubelruf empfingen Elsbeth und Meta den heimkehrenden Vater schon vor der Thür de» Hauses. Auf Pastor Seiffards wohlwollenden Zügen malte sich eine freudige Ueberraschung.
„Ilse wieder in der Heimath? Wo ist sie?"
„Leider nicht bei uns," sagte Elsbeth, ihren Arm in den des Vaters schiebend und mit ihm die Stufen zum Vorflur hinaufsteigend. „Sie ist bei ihrer Mutter, der Frau Majorin."
„Und hat einen Brief an Dich geschickt," fügt Meta, sich an den anderen Arm de» Vaters hängend, mit wichtiger Miene hinzu. n , , , , ,.
„So, so, nun laßt mich nur erst aufathmen, Kinder!^ Die Pastorin kam nun auch aus der Küche herbei, wo sie mit dem Mädchen bei der Bereitung des Mittagessens beschäftigt war und reichte dem Gatten zur Begrüßung den Mund zum Kusse hin. Die Hand konnte sie nicht geben, weil sie beim Bereiten eines Teiges mit Mehl bestäubt war.
„Die Kinder sind ganz außer sich vor Freude wegen der Heimkehr Ilses und wollen durchaus nach dem Effen zu ihr hinaus."
„Ach Papa, ja, erlaub's uns," bat Elsbeth stürmisch. „Was sie nur Alles zu erzählen haben wird von dem schönen Corfu und ihrer ganzen Reise!"
„Das wollen wir sehen," meinte der Pastor, „erst den Brief lesen -"
„Ach ja," rief Meta geschäftig, „erst den Brief, wir haben ihn in Deinem Studierzimmer auf den Schreibtisch gelegt. Soll ich ihn holen?"
„Laßt nur und mäßigt Eure Neugier."
Damit zog der Pastor gemessen und ohne Eile seinen Ueberrock aus und hing ihn nebst dem Hut in das Vorzimmer an den Riegel. Dann erst ging er in sein Studierzimmer, den Mädchen winkend, zurückzubleiben.
„Nun, Papa?" rief Elsbeth, als die Suppe endlich auf dem Tische dampfte, an des Vaters Thür klopfend. „Die Mutter läßt bitten," um mit flehenden Augen gleich hinzuzusetzen: „Dürfen wir zu Ilse?"
„Heute nicht," meinte der Pastor mit einem ernsten Gesicht, das jede Widerrede verbot-


