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Nr. 84 _____
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Untrrhaltungstrlatt ;um Girßcnrr AnMgrr (General-Anpiger).
Schwester Ilse.
Roman von Clarissa Lohd«.
(Fortsetzung.)
Noch finsterer wird des Barons Stirn, noch kälter der Blick seines Auges.
„Da Du trotz der üblen Meinung, die Du von mir hegtest, doch bei mir geblieben bist," sagt er mit schneidender Stimme, bei deren Klang ihr Herz sich schmerzhaft zusammenzieht, „wirst Du verzeihen, wenn ich an der Größe solchen Opfermuthes zu zweifeln wage."
Jetzt erbleicht fie bis zu den Lippen, ihre Hand faßt nach der Stuhllehne, weil es sie wie ein Schwindel überkommt.
„Ich beklage," sagte sie dann, gewaltsam sich fassend, „daß Du an eine selbstlose That nicht glauben willst, beklage es um Deinetwillen. Doch hätte ich gehofft, mir ein besseres Andenken bei Dir erworben zu haben, das ich als Trost in mein einsames Leben mttnehmen könnte."
Damit wendet sie sich und verläßt, das Haupt wie unter einer schweren Last gebeugt, da» Zimmer-
Er will ihr nach, sie zurückhalten; sie aber macht eine streng abweisende Bewegung, die Thür fest hinter sich zu- ziehend.
Einen Augenblick starrt er ihr fassungslos nach. Dann finkt er aufstöhnend in einen Stuhl. Soll da« wirklich der Abschluß seiner Ehe sein, soll er so von einer Frau scheiden, die, mag er die Sache drehen wie er will, ihn zu Dank verpflichtet hat, wie sonst keine auf Erden?
Die eben durchlebte Scene überdenkend, findet er sich Ilse gegenüber elend und undankbar. Er ist und bleibt ihr Schuldner und daß jedes Wort Wahrheit ist, welche« sie gesprochen, obwohl er da« einen Augenblick in seiner Erregtheit zu bezweifeln wagte, da« hat er von ihrer reinen Stirn, au« ihren klaren Augen gelesen, hinter denen kein Falsch ist. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlt er sich gedemüthigt von einer Frau. Daß Ilse, was sie gesagt hat, auch aussühren, daß sie von ihm sich trennen wird, davon ist er fest über- reugt. Sie hat eben, wie Doctor Naher fie schon damals
ihm geschildert, bei aller Sanftmuth einen starken Character, der da weiß, was er will und nur nach reiflicher Ueberlegung handelt. Sie wird von ihm gehen und er kann es nicht hindern. Will er's denn aber hindern?
Heiß wallt es plötzlich in ihm auf. Adelinens Bild tritt lockend vor seine Seele. Süß umtönt ihn dar Gchßim- niß ihrer Liebe, noch einmal fühlt er mit Wonnebeben, wie ihre zarte Gestalt sich an ihn schmiegt, wie ihre Augen sich in die seinen versenken.
„Frei," kommt es ihm plötzlich von den Lippen, „freil"
Er breitet die Arme aus, als könnte- fein Sehnen sie herbeizaubern.
Dann aber kehrt ihm wieder ruhigere Besinnung zurück. Darf er hier bleiben und seins Frau allein abreisen lassen? Unmöglich, seine vornehme Natur empört sich gegen jeden öffentlichen Scandal. Da« darf nicht sein, nie und nimmermehr. Ist die Scheidung unausbleiblich, so soll sie doch möglichst unbemerkt vor sich gehen.
Sein Entschluß steht fest. Er wird Ilse nicht allein reisen lassen- Bis Brindisi gehen sie zusammen. Was dann geschieht, das will er der Zukunft und seinem guten Stern überlassen.
Ilse widerstrebt seinem Willen nicht- Still und in sich gekehrt läßt sie Alles geschehen, wie er e« anordnet. Ein Wunsch nur erfüllt ihre Seele, sobald als möglich allein mit sich und ihrem Leid zu sein.
Am kommenden Abend schifft sich da« Ehepaar mit dem Professor auf dem Lloyddampfer ein, der am Nachmittag in den Hafen eingelaufen ist. In früher Morgenstunde, al« eben die Sonne im Osten aufsteigt und mit ihrem rosigen Schein Meer und Ufer übergießt, lichtet da« stattliche Schiff die Anker und fährt mit schwellenden Segeln hinaus in den dämmernden Tag.
Die Abreisenden stehen am Schiffsborde, der Professor lebhaft gerührt mit dem Tuche ein Lebewohl der schönen Insel zuwinkend. Wolfs Auge sucht das Fenster, hinter dem er die Geliebte weiß. Er hat nur wenige Worte mit ihr gewechselt. Ilse soll ihm nicht noch einmal vorwerfen dürfen, daß sie sich seiner schämen müßte. Aber Adeline weiß, daß er frei wird, und mit einem: „Auf Wiedersehen in Rom," haben sie sich zum Abschied die Hände gereicht.


