— 30
ste schweigend neben einander dahingeschritten waren, „daß Sie mich von Ihrem Erfolge benachrichtigen, Herr Wald» mann! Meine Adresse ist Ihnen ja bekannt."
„Sie werden diese Mittheilung unbedingt erhalten, Fräu» lein Stern!" erwiderte er mit vibrirender Stimme. „Sollte meine Hoffnung wider Erwarten scheitern," setzte er zögernd hinzu, „dann würde ich Wien sofort verlassen. Wäre es in diesem Falle unangenehm, wenn ich mich persönlich von Ihnen verabschiedete?"
„Das würde wohl nicht gut angehen," sprach ste rasch, „die Damen find in diesem Punkte sehr streng. Einige Zeilen wären alsdann genügend, um mich zu unterrichten. Ich würde Ihnen antworten, um ein letztes kameradschaftliches Lebewohl zu ermöglichen. Vielleicht könnte ich Ihnen mit irgend einem guten Rathschlag dienen, da ich auch einige vortheilhafte Ber- bindungen besttze!"
Sie reichte ihm die Hand, welche er hastig ergriff und an seine Lippen sührte- Er hielt die kleine, fein behandschuhte Rechte länger, als nöthig war, in der seinen und wunderte fich unwillkürlich über das feine Veilchen Parfüm, das die mit großer Einfachheit, aber sehr chic gekleidete Lehrerin an sich trug, ein Dust, der ihn schon im Eisenbahn-Coupee berauscht hatte. Seltsam, daß ihm dies Alles erst jetzt und gerade in diesem Augenblick ausfiel. Weshalb durste er nicht persönlich in jenes Institut kommen? Waren ihre Angaben falsch? — Er blickte sie unruhig forschend an und schämte fich seines niedrigen Mißtrauens. Es war ja ganz selbstverständlich, daß ein fremder junger Mann, der fich doch nicht für ihren Bruder ausgeben konnte, ein solches Pensionat nicht betreten durfte, um eine junge Lehrerin dort zu besuchen, und auch ebenso natürlich, daß sie den vornehmen Schülerinnen in einem gewissen Grade durch die gleiche Atmosphäre sich anbequemen, ihnen gewissermaßen imponiren mußte.
Diese Gedankensolge zog sich mit mechanischer Blitzesschnelle durch sein Gehirn, als ste dem Ausgang des Parkes zuschritten, wo Cäcilie einen leeren Fiaker heranwinkte und im nächsten Augenblick davonrollte.
Waldmann schaute wie geistesabwesend dem Wagen nach. Da beugte fich ein süßes Antlitz noch einmal hinaus» eine Hand winkte grüßend, mechanisch zog er den Hut und blieb wie angewurzelt stehen, bis das Gefährt, welches sein Glück davon trug, dem Blick entschwunden war. Dann erst schritt er langsam in die Stadt zurück, drückte den Hut tief in die Stirn und ging immer weiter, planlos durch die Straßen wandernd, ohne nach rechts oder links zu blicken. Er fühlte sich in dem Strom der Menschen wie ein heimathloser Flüchtling, der nicht einmal das Recht besaß, zu leben, und schreckte zusammen, als eine Compagnie Soldaten an ihm vorüber- marschirte.
„Verloren! Verloren! ' tönte es unablässig in seinem Innern und dabei gaukelte Cäciliens Bild vor seinen Augen, während ihre Stimme sein Ohr füllte, diese melodische Stimme, welche so schulmeisterisch das Rechenexempel von „Arm und Reich", von den Nullen und den bedeutungsvollen Zahlen aufgestellt und erklärt hatte- Das war Vernunft, Realismus! — Gewiß hatte auch sie bereits eine solche Zahl gesunden und ängstigte sich nun, daß dieser Reisekamerad, der arme, existenzlose Teufel, sich noch ferner an sie herandrängen und ihre künftige bedeutende Stellung in der Gesellschaft bedrohen könne! — Waldmann stieß ein kurzes, höhnisches Gelächter aus und eilte verstört weiter, als sich die Leute verwundert nach ihm umsahen.
Plötzlich blieb er stehen und schaute auf ein großes Gebäude. Es war das Kaiserliche Haupt-Postamt. Ein hohn- volles Lächeln überflog sein Gesicht. Den Kopf verächtlich zurückwerfend, betrat er das Gebäude und schrieb die Chiffre 999 mit Bleistift auf einen Zettel.
„Ist ein post-restante Brief unter dieser Chiffre hier?" fragte er, das Papier an einen der Schalter hinreichend.
„Liegt halt schon vierzehn Tage da," erwiderte der Secretär, den Brief heroorsuchend.
Waldmann nahm ihn, zog sich zurück und betrachtete die
Zahl, welche jene verzwickte Handschrift von rechts nach links zeigte, die er nicht Mstehen konnte, hier aber offenbar verstellt war, was fein geübter Blick sofort erkannte. Der Poststempel trug den Aufgabeort Görlitz, das Datum war schon über 14 Tage alt. Er lächelte bitter, steckte den Brief zu sich und kehrte in seinen Gasthof zurück, um ihn hier in aller Gemüthsruhe, wie er sich ernsthaft vornahm, zu lesen und zu prüfen.
Der Inhalt des Briefes lautete: „Von den zahlreich eingelaufenen Antworten auf meine ehrlich gemeinte Offerte hat mich die Ihrige am angenehmsten berührt," — „sehr verbunden, mein Fräulein, sie war wenigstens kurz genug," brummte er ungalant dazwischen. — „Lassen Sie uns deshalb vorerst durch eine Correspondenz jene Annäherung an- bahnen, welche uns die Gewähr eines Glückes geben soll, das nicht allein auf Reichthum, sondern vielmehr auf der Ueber- einstimmung des Herzens und Geistes gegründet fein muß. Ich bin Waise, kann frei über meine Hand und mein Verwögen verfügen und wünsche einen Mann zu heirathen, der mir nicht bloß ein Schutz und Schirm für's Leben sein soll, sondern mich geistig überragt, mit einem Wort, mir imponirt und der ehrenhaft genug ist, mir keine Liebe zu heucheln, wenn meine Person, welche nicht häßlich, aber auch nicht schön ist, ihm nicht gefällt. Vor allen Dingen also, mein Freund — ehrliches Spiel! Antworten Sie mir aufrichtig, ob Ihr Herz noch frei ist, bevor wir in einen weiteren Briefwechsel eintreten, und zwar postlagernd Wien."
Waldmann starrte auf das Schreiben, welches mit der Chiffre 777 unterzeichnet war. Der Inhalt desselben nahm ihn für die Schreiberin ein und brachte feine Seele in das Gleichgewicht zurück. Nein, diese ehrliche Waise sollte sich mit ihrem Reichthum nicht in ihm, nicht in feiner Ehrenhaftigkeit getäuscht finden. Hier war die Zahl, welche einer Null zur Bedeutung verhelfen wollte, aber Otto Waldmann war nicht der Man», fich so leicht mit einer solchen Gewissensfrage abzufinden, dieser Goldfisch verdiente sicherlich die volle Liebe eines Männerherzens und so entschloß er sich sofort, der ehrlichen Frage eine ebenso ehrliche und aufrichtige Antwort folgen zu lassen.
Sonderbarer Zufall, daß ihn gerade jetzt sein Geschick mit zwei Waisen zusammenführte, die beide wie ein Ver- hängniß, ja, wie eine große Versuchung sein Leben durchkreuzten. Und er, selbst das echte und rechte Waisenkind!
Das Blut stieg ihm in's Antlitz bei dem Gedanken, welchen Begriff die Briefschreiberin von seiner Ehre erhalten müsse bei der Erklärung, daß sein Herz nicht mehr frei fei.
„Natürlich muß ich ihr mittheilen, daß diese Liebe post- festum gekommen ist," murmelte er, hastig das kleine Zimmer durchmessend. „Bch, die Geschichte ist an und für sich schon verächtlich," fetzte er grollend hinzu, „hätte mich nicht dazu verleiten lassen sollen, war ein Narrenstrelch von Rosenau und von mir, eine unehrenhafte Practik, die ihre Strafe in sich selber trägt. Wenn der Mensch sich doch nur von seiner inneren Stimme regieren ließe. Habe seitdem das unerträgliche Gefühl, als hätte ich mich selbst, wenn auch anonym, an den Pranger gestellt, nicht loswerden können."
Er las den Brief noch einmal durch und fetzte sich dann zur sofortigen Beantwortung desselben nieder.
„Mein geschätztes Fräulein!" so schrieb er. „Ich will den Inhalt Ihres Schreibens, der mich mit aufrichtiger Hochachtung für Sie erfüllt, ehrlich beantworten. Vielleicht wäre vor meiner Reife nach Wien diese Antwort für uns Beide besser ausgefallen, obgleich eine solche Heirath meinerseits wohl niemals ihren beschämenden Stachel verloren haben würde- Heute muß ich Ihnen bekennen, daß mein Herz nicht mehr frei ist, sda eine Reisegefährtin vollständig davon Besitz genommen hat, ohne mir, wie ich fürchte, Ersatz dafür bieten zu wollen. Bewahren Sie einem armen Heimathlosen ein freundliches Gedenken und zürnen Sie ihm nicht, da feine Ehre es ihm verbietet, sich Ihren Reichthum durch eine Lüge anzueignen"
Er unterzeichnete mit 999, fchloß den Brief rasch in ein


