Ausgabe 
21.1.1896
 
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UnirchaUungsblatt jum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger)

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Der Sohn des Regiments.

Erzählung von E. Heinrichs.

(Fortsetzung.)

V.

Vierzehn Tage waren seit Otto Waldmanns Ankunft in Wien bereits vergangen. Nur ein einziges Mal hatte er Cäcilie Stern zufällig auf der Straße getroffen und mit ihr dann einen Spaziergang durch den Prater gemacht.

Wie stehen Ihre Offiziers-Actien?' war ihre erste Frage gewesen und er hatte ihr erzählt, daß er bereits auf feine» Freunde» Empfehlungen hin werthvolle Bekanntschaften in den betreffenden militärischen Kreisen angeknüpft habe und guten Muths für die Zukunft sei.

Der prächtige Herbsttag an der Seite des schönen Mäd« chens, welches im Sturmschritt, wie er fich's nicht verhehlen konnte, bereits sein Herz erobert hatte, erschien ihm doppelt schön und die Alleen des Praters wie ein Elysium.

Ich sehne mich darnach, wieder die Uniform zu tragen," plauderte er im Hinblick auf seine Carriöre,und werde nicht ehe ruhig und zufrieden sein, bis ich, einer großen Armee angehörend, wieder am rechten Platze mich fühlen werde."

Cäcilie nickte zustimmend und meinte nach einer kleinen Weile:Ich begreife es fehr wohl, daß der Mann mit dem von ihm erwählten Berufe gleichsam verwachsen ist und daß eine VerzichÜeistung darauf ihn aus dem Geleise de» Lebens schleudern, ja, sozusagen sein ganzes Sein und Wesen zerreißen muß."

So ist es, Fräulein Cäcilie, ich würde in diesem Falle ein recht unglücklicher Mensch sein "

Aber," fuhr ste ruhig fort,haben Sie denn niemals darüber nachgedacht, daß ein mittelloser Offizier doch stets nur die Wahl zwischen einem einsamen Leben und einer reichen Heirath haben kann, was in letzterem Falle nur zu häufig auf Betrug hinausläuft?"

Der junge Mann blickte sie bestürzt an.

Ich verstehe nicht," meinte er beklommen.

Nun, er ist doch gezwungen, sich eine reiche Frau zu suchen, was will er sonst anfangen?"

Waldmann war sehr blaß geworden, er zerrte an seinem hübschen Schnurrbart und nagte an der Unterlippe. *

Er kann auch allein bleiben," sprach er endlich zögernd, ohne ste anzublicken.

Allerdings," gab Cäcilie ruhig zurück,indeffen ist es ja auch nicht ausgeschloffen, daß der Goldfisch zugleich liebens« werth ist, was ich Ihnen von Herzen wünsche. Wir müffen und das ist immer die Hauptsache im Leben, Herr Wald« mann, auch stets die Kehrseite der Medaille betrachten. Arm und arm giebt als Facit: Null, der Reichthum macht sie erst zur Zahl, bringt sie zur Bedeutung im Leben. Deshalb"

Ei, mein Fräulein," unterbrach er sie fast brüsk,Sie scheinen ja eine ganz vortreffliche Lehrerin zu sein. Schade, daß Sie Ihre Weisheit an einen sehr verstockten Schüler ver« schwenden, der Ihnen wenig Dank für Ihre Mühe weiß. Und doch, verzeihen Sie dem armen Kameraden," setzte er nach einer kurzen Pause mit zuckenden Lippen und im schmerz« lichsten Tone hinzu,Sie haben ja Recht, ach. so sehr Recht, ohne Geld ist und bleibt man auf Erden eine Null, verur« thetlt, im Staube zu kriechen. Ein armer Kerl begeht deshalb eine Todsünde gegen ein geliebter Wesen, wenn er er an sein elendes Leben fesselt. Sie aber, Fräulein Cäcilie, sind zu schön, um al» Null durch'» Leben zu gehen, für Sie wird sich schon zur rechten Stunde die Bedeutung gebende Zahl finden, um Ihnen den Platz zu sichern, der Ihrer Schön« heit gebührt."

Was mich anbetrtfft," fuhr Otto Waldmann nach einer kleinen Pause fort,so gelingt er mir vielleicht, durch eigene Kraft jene Bedeutung im Leben zu erlangen, welche ich dem Reichthum einer Frau nun und nimmer verdanken will. Dar schwöre"

Schwören Sie nicht leichtsinnig, lieber Freund," unter­brach ihn Cäcilie, ihre Hand auf seinen Arm legend,er könnte die Stunde kommen, wo Ste er bereuen möbten."

Niemals," sprach Waldmann fest,muß ich auch meinem Herzensglück entsagen, die Selbstachtung will ich mir wenig- stens^bewahren."

Cäcilie erwiderte nicht», sondern wandte sich, um den Heimweg anzutreten. , .

Ichhoffe," sagte sie nach einerlangen Pause, in welcher