492 -

und somit Manches beitragen kann zur Aufrechterhaltung der Ordnung im ganzen Hause. Auch trifft ste mehr als der Mann, den zumeist sein Beruf tagsüber von seiner Wohnung fernhält und ihn daher vom intimeren Verkehr mit den Haus­genossen abschneidet, mit den anderen Frauen zusammen im Garten, in Waschküche, Bleichplatz re., und noch manche andere Gelegenheit zu einer Aussprache möge sie vorsichtig benützen, um tactvoll manche Klippe zu umschiffen, die zum Stranden des Friedens führen könnte.

Wohnt der Eigenthümer im Hause, so bahne er durch streng einzuhaltende Gesetze und Vorschriften in Betreff der allgemeinen Hausordnung den Weg zur Einigkeit und Zu­friedenheit und lasse sich nicht verleiten, ein offenbares Unrecht von einer Seite gegen eine andere zu beschönigen oder geradezu in Schutz nehmen zu wollen, weil die betreffende Partie vielleicht eine höhere Mieths zahltl

Ebensowenig nehme sich der Hausherr größere Rechte heraus als die übrigen Hausgenossen; gerade er sei mit seiner Familie gewissermaßen ein Vorbild für das Verhalten der Anderen, sowohl durch strenge Aufrechterhaltung der Ordnung als auch durch Ruhe und anständige Sitten; er sei der feste Halt, an dem Jeder, welchem Unrecht geschieht, eine Stütze finden soll, bann ist er in Wahrheit der Herr des Hauses, bei dem man gern wohnt!

Wer eine neue Wohnung bezieht, thut gut daran, sich anzumelden; find es nicht allzuviel Partien, durch einen kurzen Besuch, andernfalls mittelst einer Karte oder auch gelegentlich durch ein freundliches Wort. So hoch steht ja schließlich doch Keiner über dem Anderen, daß er sich etwas vergeben würde, wenn er ein Wort mit einem Menschen wechselt, den er nun öfter sieht, sollten auch Stand und Bildung ungleich sein, denn ein freundliches Wort sichert dem ganz fremd Ankommen­den zunächst eine vertrauensvolle Aufnahme. Intime Freund­schaften in demselben Hause find zu vermeiden, ebenso die allzuhäufigen gegenseitigen Besuche, da man sich im Hause vor solchen Ueberfällen zu allen Tageszeiten, die mitunter recht störend sind, nicht genug schützen kann.

Niemals dränge man sich in Familiengeheimniffe oder erzähle weiter, was man im Vertrauen mitgetheilt bekam. Im Falls eine Mißstimmung eingetreten ist, so suche man sich, erscheinen die Betreffenden dazu geeignet, auszusprechen, andernfalls lasse man die Dinge gehen, grüße verbindlich weiter, als sei nichts vorgefallen und setze keine beleidigte oder kalte Miene auf, denn es wirkt lächerlich, wenn Erwachsene wie eigensinnige Kinder miteinander verkehren. Man hüte sich ja, Kinder in Streitigkeiten mit Hausgenossen zu ver­wickeln; es ist dies höchst tadelnswerth, da es deren Character- bildung schädigt. Man halte sie vielmehr dazu an, älteren Personen des Hauses ehrerbietig und achtungsvoll zu begegnen und ihr Verhalten wird ehrend auf die Eltern zurückfallen, denn nur wer selbst erzogen ist, versteht es, Kinder zu er­ziehen.

Kleine Gefälligkeiten und Aufmerksamkeiten sind stets ein Beweis von Wohlwollen und freundlicher Gesinnung, die man dankend annehmen und gelegentlich erwidern mag. Solche Gelegenheit findet sich leicht: eine Probe frisch abgefüllten Weines ober Bieres, ein wohlgerathenes Backwerk, ein an­spruchsloses Reisegeschenk und dergl., und es sähe schlimm aus mit der feineren Lebensart einer Familie, die solche Aufmerk­samkeiten ohne jede Uebertreibung nicht auszugleichen fuchte. Außerdem treten im menschlichen Leben so manche Fälle heran, wo uns ein gefälliger, hilfsbereiter Hausgenosse von größerem Werthe ist, als ein naher Verwandter in London oder Paris, der uns im Augenblick nichts nützen kann, und da Zeit und Stunde ungleich und Alles dem Wechsel unterworfen ist, fo gebietet uns schon die Klugheit, selbst wenn wir von dem Wohlwollen absehen, das jeder Gebildete für seine Mitmenschen empfinden sollte, Diejenigen, die unter demfelben Dache mit «ns wohnen, nicht anzusehen, als seien sie Wesen ganz anderer

Art und gingen ganz anderen Zielen entgegen. Familien- ereigniffe freudiger und betrübender Art, Krankheit, Verluste und Tod können an Jeden herantreten, für Alles aber sollen wir ein Wort der Theilnahme, des Trostes, der Mitfreude haben, auch helfend eintreten, soweit dies thunlich ist. Nur rohe Selbstsucht und Herzlosigkeit wird sich mit Hausgenossen auf ganz fremden Fuß stellen. Daß man in Ausübung feiner häuslichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen Rücksicht auf feine Mitbewohner zu nehmen hat, daran braucht man wohl keinen Menschen zu erinnern, für den dar Wort Gerechtigkeit nicht bloß ein leerer Begriff ist. Daß Alles in ruhiger und anständiger Weise geschehe, sollte für Jeden obliga­torisch sein, denn gerade in unserm Zeitalter, da» man ja vorzugsweise dasnervöse" nennt, der Zeit de« Dampfe», des Maschinengeräusches, der Electricität, kurz, der rastlofen Unruhe, die an den Einzelnen vermehrte Anforderungen an seine Kräfte und Nerven stellt, sollte doch Jeder, der nach der Arbeit und Anstrengung des Tages endlich in seinem Heim angekommen, die ihm so nöthige Ruhe finden und nicht duöch Rücksichtslosigkeiten Anderer, die vielleicht weniger ihre Kräfte im Kampfe um's Dasein in's Treffen zu führen brauchen, in dieser Ruhe gestört werden. Was man von Leuten zu halten hat, welche fortgesetzt die Thür en krachend in's Schloß werfen, daß das ganze Haus erzittert, die Treppen polternd und johlend herauf und herunter rasen, oder solches von ihren Kindern dulden, vielleicht auch noch zum Nutzen und Frommen ihrer lieben Nachkommenschaft diese stundenlang mit bellenden Hunden (ein wahrer Ohrenschmaus für schwache Nerven) sich die Zeit vertreiben lassen, das mag unerörtert bleiben sapienti sat!

Bei den in der Jetztzeit so sehr erschwerten Wohn­verhältnissen sollte ein Uebereinkommen der Mitbewohner des­selben Hauses getroffen werden und die Anregung dazu vom Eigenthümer selbst ausgehen, daß nach zehn Uhr de« Abends angemessene bürgerliche Ruhe einzutreten habe und Tages­arbeit und Tageslärm nicht bis in die Nacht ausgedehnt werde.

So unmöglich es ist, die Menschheit jemals unter einen politischen Hut, einen Herrscher zu bringen, ebensowenig wird man eine allgemeine Haushaltungsschablone erreichen, doch sollte jeder wirklich gebildete und gerechte Mensch Tag von Nacht zu unterscheiden wissen und nach genannter Stunde störende Arbeiten, laute Unterhaltungen, geräuschvolle« Fenster- und Thürschließen, Elavierspiel und dergl. nicht mehr vor­nehmen. Wer sich erst daran gewöhnt hat, wird den Segen dieser Hausordnung empfinden, und es hängt das Wichtigste von der richtigen Zeiteintheilung der Frau ab. Man braucht keine geistreichen Abhandlungen überUmgang mit Menschen" gelesen zu haben, um zu wissen, was sich geziemt. Angeborene Güte und Gefühl für das, was Anderen wohl und wehe thut, besitzen oft ganz einfache Leute. Mit unfeinen, launenhaften und bösartigen Leuten unter demselben Dache sei man äußerst vorsichtig und genieße sie wie Salz: nicht mehr als man muß.

Hat man aber das Mißgeschick, sich in einem Hause niedergelassen zu haben, wo durchweg der Geist starrer Selbst­sucht herrscht, Herzensrohheit und Rücksichtslosigkeit ihre giftigen Blüthen treiben und kein noch so warmes Entgegen­kommen das Eis der rohen Gleichgiltigkeit an dem Geschicke Anderer aufzuthauen vermag, da halte man sich zu werth, um noch länger mit solchen Selbstlingen unter einem Dache zu wohnen.

Es findet fich noch immer eine Stätte, wo gute, herzliche Menschen zusammen wohnen, unter denen e« dem Fremdling wohl und gemüthlich wird und er im behaglichen Heim mit GoethesFaust" ausrufen kann:

Hier bin ich Mensch, hier darf ich's fein!

Mathilde Rieger.

Rebaction: A. Sch-Yb a. Druck und Verlag ber Brühl'scheu UniverMW^Such- unb Stembruckerei (Pietsch & Schehba) in Gießen.