Ausgabe 
20.8.1896
 
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Tagen in Empfang nehmen. Ich freue mich, daß Sie das Glück gehabt haben. Sie machen gewiß mit dem Gelbe eine große Studienreise, und so hat halt die Wissenschaft wieder einen Vortheil davon. Nochmals meinen besten Glückwunsch!*

Brettschneider wurde ganz verwirrt. Er sollte acht­tausend Gulden bekommen? Soviel Geld hatte er sich ja noch nie auf einem Haufen denken können, und wofür sollte er denn die riesige Summe erhalten?

Er machte wohl ein sehr erstauntes Gesicht, der Beamte lächelte und sagte, nachdem er geklingelt hatte:

Sie können sich den Mann gleich ansehen. Sie haben ja auch schon in Breslau mit ihm zu thun gehabt."

Wenige Minuten später brachten zwei Gendarmen den Brinkmann-Kecskemet in das Zimmer geführt.

Kennen Sie diesen Herrn? Erinnern Sie sich, diesen Herrn da schon einmal gesehen zu haben?"

Nein!" entgegnete der Arrestant.

Der Staatsanwalt erzählte in raschen Worten den Vor­fall im botanischen Garten zu Breslau, und der Verhaftete sagte mit mattem Lächeln:

Ach Sie sind es, Herr Doctor I Nun erkenne ich Sie." BrinkmanN'Kecskemet wurde abgeführt, und Brettschneider erklärte:

Nun, Herr Staatsanwalt, bitte ich Sie um gütige Aufklärung über die ganze Angelegenheit, denn ich verstehe kein Wort davon."

Der Staatsanwalt nahm ein Aetenstück zur Hand, blätterte in demselben und sagte dann:

Hier ist die erste Anzeige de» Postenführers Bundari, in welcher er mittheilt, daß Sie ihn auf einen verdächtigen Mann in Ladna aufmerksam gemacht haben. Hier ist einige Tage später eine zweite Meldung desselben Beamten, in welcher er mittheilt, er glaube einem Verbrechen auf der Spur zu sein. Der Verdächtige sammle Giftkräuter und gebe Thee davon der weiblichen Person zu trinken; es sehe aus, al» beabsichtige der Verdächtige eine langsame Vergiftung der Frauensperson, die ihm vielleicht irgendwie im Wege sei. Gleichzeitig bat Bundari mit dem letzten Bericht um die Zu­sendung einiger alter Nummern von Späheblättern, durch welche Verbrecher steckbrieflich verfolgt werden, weil ihm die kranke Schwester des Verdächtigen selbst sehr verdächtig vor­kam. Mit dieser Sache hat nun Bundart einen großartigen Griff gemacht. Vor länger als zwei Jahren ist auf ihrem einsamen ungarischen Schlöffe die reiche Gräfin Miskolos verstorben. Bald nach ihrem Tods entdeckte man, daß nicht weniger als neunmalhunderttausend Gulden in Staatspapieren fehlten, die zugleich mit der Kammerjungfer der Gräfin ver­schwunden waren. Man nahm an, die Kammerjungfer sei nicht die Diebin, sondern sei zu dem Diebstahl von einem entfernten Verwandten der Gräfin, einem verkommenen Sub- jecte, angestistet worden. Da das Mädchen spurlos ver­schwunden war, nahm man an, daß dieser Verwandte sie mit Gewalt bei Seite geschafft habe, zumal auch er nicht zu ent­decken war. Es wurde von den Erben der Gräfin die Summe von zwanzigtauend Gulden auf die Wiederbeschaffung des verschwundenen Geldes ausgesetzt; aber alle Nach­forschungen waren vergeblich. Da brachten Sie Bundari auf die Spur. Der angebliche Brinkmann mit seiner an­geblichen Schwester ist der entfernte Verwandte der ver­storbenen Gräfin und deren Kammerjungfer. Die Beiden haben stch gut verborgen gehalten, und der angebliche Brink­mann hat dem Mädchen nach dem Leben getrachtet, nicht nur, um die Mitwisserin los zu werden, sondern um auch in den Alleinbesitz des gestohlenen Geldes zu gelangen, welche» verstegelt unter falschem Namen bei einem Wiener Bankier deponirt war- Die Kammerjungfer war brustleidend und wird wohl an der Schwindsucht sterben. Angeblich um ihr zu helfen, in Wirklichkeit aber um ihren Tod zu be­schleunigen, hat ihr der Verbrecher wochenlang schwache Ab­kochungen der Blüthen und der Blätter von digitalis pur- purea beigebracht. Das Mädchen hat dieses angebliche Hausmittel" willig genommen, da es stch wegen etwaiger

Entdeckung fürchtete, einen Arzt zu consultiren. Als das Frauenzimmer erfuhr, daß ihr Mitschuldiger ste vergiften wollte, hat sie aus Rache ein vollständige« Geständniß ab­gelegt und auch verrathen, wo sich die deponirten Werth­papiere befinden.

Der angebliche Brinkmann hat bis heut' geleugnet, aber stch jetzt doch zu einem Geständniß entschlossen.

Das ist der Zusammenhang. Die Prämie für die Wiederbeschaffung des Geldes kommt nun zur Vertheilung, und wie ich Ihnen bereits mittheilte, kommen auf Ihren An« theil gegen achttausend Gulden, der Rest wird unter die Gendarmen vertheilt."

Ein halbes Jahr später saß Brinkmann »Keerkemet zu fünfzehn iJahren schweren Kerkers verurtheilt in Haft, während seine angebliche Schwester, die schon während der Untersuchung an der Schwindsucht verstorben war, im Grabe ruhte.

Der Privatdocent Brettschneider aber befand sich auf einer Studienreise nach Südamerika, wohin zu gehen er sich schon zeitlebens gewünscht hatte. Der Prämienantheil für die Beschaffung der verschwundenen neunhunderttausend Gulden hatte ihm diese Reise ermöglicht.

Wenn er zurückkommt, wird er wohl ordentlicher Pro« feffor werden.

Ein Besuch im Kaukasus.

Reise-Erinnerung von L. v. Persinky.

---- (Nachdruck verboten.)

Bei einem Aufenthalte in Odessa hatte ich zufällig die Bekanntschaft des Lesghiersürsten Turak Bey gemacht und war von ihm auf das Freundlichste eingeladen worden, ihn in seinem Aul zu besuchen, wenn mich je einmal mein Weg nach dem Kaukasus führen sollte. Diese Gelegenheit war nun gekommen und da mich der alte, aber noch sehrschneidige" Herr ungemein interessirte, so beschloß ich, von der Eisenbahn­station P. aus einen Abstecher nach seinem mehrere Meilen von letzterer entfernten Wohnsitze zu unternehmen. Da P. zu­gleich Militärstation war, so ersuchte ich den Commandanten, Capitän Usipoff, mir einen der Gegend kundigen Kosaken al» Führer und Begleiter zu stellen, welchem Wunsche auch in liebenswürdiger Weise entsprochen wurde.

Am Morgen nach meiner Ankunft in P. ritt ich in Begleitung Iwans, meines Kosaken, ab. Es war ein prächtiger Septembertag und noch recht warm lag die Sonne auf der romantischen, beinahe noch in sommerlicher Pracht erprangenden hohen Hügellandjchaft, welche sich ringsum ausbreitete. Lustig galoppirten wir auf der vortrefflichen breiten Straße dahin, welche von P. aus nach dem höher in den Bergen gelegenen Fort Z. führte, und dem wir eine Zeit lang zu folgen hatten, der Weg nach Balachulgho, dem Aule Turak Beys, abzweigte, wie mir der Kosak mit­theilte. Wir mochten etwa eine halbe Stunde abwechselnd in Galopp und flottem Trab zurückgelegt haben, als wir an eine Stelle gelangten, von welcher ein ziemlich primitiver Weg in westlicher Richtung die Hauptstraße verließ; es war die Route nach Balachulgho, wie ich von Freund Iwan hörte- In die Betrachtung der sich vor meinen Augen ausbreitenden pittoresken landschaftlichen Scenerie versunken, ritt ich dahin; plötzlich schreckte mich aus diesem beschaulichen Zustande der hinter uns ertönende Klang eiliger Hufschläge auf. Rasch wandte ich den Kopf und blickte zurück, um nun zu meiner Verwunderung zu gewahren, daß eine Schaar von mindestens fünfzig bis sechzig Reitern auf prächtigen Rossen dahergesprengt kam. Es mußten vornehme Lesghier sein, denn sie trugen zwar die übliche Landestracht, aber alles in kostbaren Stoffen, wie ich beim Näherkommen der Reiter sehr wohl bemerkte, auch waren die als Kopfbedeckung dienende Pelzmütze, die gebogenen Säbelscheiden der Reiter und da« Sattel- und Zaumzeug der wirklich herrlichen Pferde reich mit Edelsteinen