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Wnderbar heraus, gleich einer Offenbarung der ewig Schönen, dar nicht zu Grunde geht im Erdenstaub und Erdenstreit.
Von Zeit zu Zeit aber huscht er leise durch die stillen Gänge der Schlaffes, dann zieht eine zarte Hand dis Vorhänge im Musiksaale in die Höhe und ein paar große, müde Augen starren auf das Wandgemälde, als wäre dasselbe ein Heiligenbild, zu dem dis Seele sich in frommer Andacht erhebt.
Es ist Isolde, die da öfter von dem Rittergute ihres Mannes, des Barons von Wettern, herüberkommt und lange, einsame Stunden hier verträumt. Die Tage, in denen das Bild hier erstanden, es blieben doch unvergessene Tage für sie, trotz aller Reisen, aller Zerstreuungen der großen Welt, die sie in den letzten zwei Jahren bis zum Ueberdruß genossen.
O, wer nun eine Stunde aus jener Zeit zurückzurufen vermöchte, wie unendlich reicher dünkte sie ihr, als ihr Dasein jetzt, an der Seite ihres blesirten Mannes, der sich für nichts mehr zu begeistern vermochte, auf dessen Lippen die Ironie heimisch war und der sie immer mehr und mehr hineinzuziehen suchte in diese dunklen Kreise, in denen er sein Leben hinspinnt. Es ist wie eine Flucht daraus, die Isolde hierher treibt, als wäre hier allein noch Rettung zu finden vor gänzlicher Herzensleere und Oede. Hier athmete sie leichter und freier, und fühlte sich wieder jung und lebensfroh.
Ihr Gemahl freilich begrüßt sie in der Regel mit vernichtendem Spott, wenn sie von solch' einem Gang heimkehrt. Er ist ein feiner Menschenkenner und ahnt es längst, was die junge Frau nach dem unbewohnten Schlosse zieht.
„Willst Du nicht auch einmal ein neueres Werk Deiner alten Liebe bewundern?" fragt er sie heute mit einem ironischen Lächeln. „Die Ausstellung in der Residenz ist eröffnet, mich dünkt, ich habe in der Zeitung gelesen, daß Herbert Brand auch ein Gemälde ausgestellt hat."
Isolde erröthete, es leuchtete hell auf in ihren Augen. „Ach ja, laß uns hinfahren!" bat sie-
„Dein Wunsch ist mir Befehl," erwidert Wettern, indem er sie prüfend anschaut.
Wie jugendlich sie auf einmal aursieht. Es lebt doch wohl noch etwas in ihrem Innern, etwas Eigenes, Selbstständiges, was mit seinen Lebensanschauungen nichts gemein hat und was aus dem Born einer süßen Erinnerung Nahrung schöpft.
Er hat keine solche Erinnerung, nicht eine einzige. Er kennt die Philosophen alter und neuer Zeit, Dichter und Schriftsteller aller Sprachen, aber
---Dat olle schöne Lid,
Wat einmal sung — und teu rechte Tid, Dörch't ganze Minschenlewen klingt, welches auch ein plattdeutscher Dichter so trefflich singt, das hat nie an seine Ohren geklungen, darum ist sein Herz leer geblieben trotz alles Wissens, aller Kenntnisse.
Isolde hat es wohl einst vernommen, det olle schöne Lid, aber sie har es nicht selbst gesungen und nun ist ihr nichts geblieben davon als die Sehnsucht, es nur ein einziges Mal wieder zu hören.
Einige Tage später sührt der Baron Wettern seine junge Frau in der Kunstausstellung herum und bleibt dann mit ihr vor einem Gemälde Herbert Brands stehen.
„Das soll von ihm sein, von Herbert! Richt möglich!" ruft Isolde betroffen.
„Bitte, willst Du Dich überzeugen, hier im Katalog steht Nr. 1800 „Pfändung" von Herbert Brands- Man kann eben nicht ewig tanzende Elfen und Zigeuner malen, man muß auch einmal hineingreifen in das volle, wahre Menschenleben."
„Aber wozu soll er solch' herzbrechendes Elend malen," sagt sie und starrt auf das düstere Bild, auf die rauchgeschwärzten Wände des armseligen Zimmers, auf die elende, abgezehrte Frauengestalt, die in dem dürftigen Bette liegt. In der Thür steht der Gerichtsdiener und mustert den wenigen Hausrath, und auf einem Schemel neben dem Bett sitzt ein
Mann und starrt finster vor sich hin, die ganze bittere Gr- gebung hilfloser Armuth liegt in seinen Zügen ausgeprägt. Ein paar Kinder blicken mit scheuen Augen auf den Gerichts- diener, nur das Kleinste, mit dem Hemdchen und einem rothen Röckchen bekleidet, kommt auf feinen nackten Füßchen zutraulich zu dem fremden Mann heran und streckt ihm mit dem süßesten Kinderlächeln ein paar Feldblumen entgegen. Das ist der einzige Lichtstrahl auf diesem düsteren, streng natura» listisch gehaltenen Bilde. Da« Kind ist draußen gewesen in Gottes freier Natur, wo Blumen stehen, und hat nun einen Hauch lauer Frühlingsluft hineingetragen in das Elend hier, das wirkt versöhnend, mildernd, Kindeslächeln und Kindesunschuld, das Heiligste, was die Erde trägt, es erhellt auch die Hütten der Armen.
Hat der berühmte Maler solchen Gedanken gehabt, als er die lichte Kindergestalt in dieses Gemälde verwoben? Oder war es nur eine geniale Laune gewesen, gedankenlos hingeworfen ?
Ueber Isoldens Wangen rinnen zwei große, echte Thränen, in diesem Kinde allein, da erkennt sie den früheren Herbert wieder, so wie dieses Kind so sorglos und glücklich, hat er auch einst zu lächeln verstanden und lächelnd und heiter, getragen von einer idealen Weltanschauung, war auch seine Kunst gewesen und nun malt er das bitterste Elend, naturwahr bis zum Erschrecken. Wer aber soll Freude haben an diesem Bilde? So fragt sich die junge Frau, während sie sinnend weiter schreitet und zerstreut auf die verschiedenen Kunstwerke blickt.
Wer soll Freude daran haben? Der Künstler, welcher e« gemalt? Unmöglich! Wer ein solches Bild malt, der ist selber arm und freudlos, der hat sein Bestes verloren, die Freude am Schönen! Und sie, sie ist es gewesen, die den Künstler so arm gemacht, ihn aus der Welt seiner Ideale vertrieben.
O, wenn sie ihn zurückführen könnte in diese Welt des ewig Schönen, in welcher die hohen Vorbilder der plastischen Kunst, die griechischen Künstler, gewandelt, in welcher ein Rafael, ein Tizian geweilt.
Mit wahrer Begeisterung erfaßte Isolde den Gedanken, Herbert aufzusuchen, ihn für die ideale Kunst wieder zu gewinnen. — Das wäre eine Aufgabe, bei der es sich lohnte, all' ihre Kräfte daran zu fetzen. Wie ein frischer Lebensstrom ging es durch ihre Adern, es war ihr, als hätte ihr leeres Dasein plötzlich Inhalt und Zweck bekommen.
Der Baron Wettern schaute seine Gemahlin verwundert an, als sie am nächsten Tage zum Ausgehen gerüstet vor ihn hintrat.
„Was ist mit Dir geschehen?" fragte er. „Du siehst au«, als wäre über Deinem Leben ein leuchtender Stern aufgegangen, als hättest Du gefunden, was uns Beiden fehlt, ein Lebenszweck und Ziel, die tödtliche Langweile zu verscheuchen."
„Ich glaube etwas Derartiges entdeckt zu haben!" erwiderte Isolde.
„Und was ist es?"
„Das kann ich Dir jetzt noch nicht sagen, vielleicht später!" „Nun, wohl Dir," sagte Wettern mit seinem müden Lächeln. „Hoffentlich kommt die Enttäuschung nicht so schnell, denn aurbleiben wird sie schwerlich."
Galant geleitete er Isolden dann die Treppe hinunter und hob sie in den Wagen, der die junge Frau in kurzer Zeit ihrem Ziele zuführte.
Herbert Brand lag in seinem Zimmer auf einem Divan, vor ihm stand eine Flasche funkelnden Rheinweins. Er hatte fleißig gearbeitet in den ersten Morgenstunden und hielt nun eine kurze Ruhepause, seine Lebensgeister mit dem edlen Saft der Trauben auffrischend.
So lag er sinnend, träumend, trinkend, bis er plötzlich erregt aufsprang. — Was war das ? Gesang erklang draußen vor seiner Thür! Aeffte ihn ein Spuk aus vergangenen Tagen? — Das war Isoldens Stimme, ihr Lied von schön Rothtraut.
(Schluß folgt.)


