Ausgabe 
20.2.1896
 
Einzelbild herunterladen

82

wäre traf? Dieselbe freundliche Paula, die ihm gesagt, ihr Herz sei damals gestorben, al» Erich st» verließ?

Sie war ihm überhaupt all' diese Zeit her seit Erich» Tod ein Räthsel gewesen.

An seinem Sterbelager, seinem Sarge, hatte sie er­schüttert gestanden, ergriffen von der Majestät de» Tode»; aber doch Beides nicht in dem Maße, wie er vorher geglaubt.

Und doch hielt er die Idee fest, daß ihre tobte Liebe zu Erich wieder erwacht fei, trotz Allem- Cs stand ja in tausend Büchern zu lesen, daß der Frauencharacter unberechen­bar, unbegreiflich und widerspruchsvoll sei, daß für die edelste Frau, die reinste und tugendhafteste, oft gerade ein Mann von geringem moralischen Werth, ein Don Juan, unerklärliche Anziehungskraft habe.

Wie einen Bruder hatte sie ihn seit jenen Tagen in Amalfi wieder behandelt, ganz wie einst und mit derselben frohen Herzlichkeit. Und er war so glücklich, so dankbar, daß er auch wirklich meinte, nicht mehr zu wünschen, was für ihn doch unerreichbar war.

So hatten sie dahin gelebt und so hatte M die süße Gewohnheit, glücklich zu sein, weil man eben beieinander war, täglich tiefer in ihre Herzen geschlichen.

Und während er darüber sann und grübelte, gingen ihre Gedanken den gleichen Weg.

Wie sollte sie denn nun ihr weiteres Leben gestalten ohne ihn? Sie konnte sich da» absolut nicht vorstellen.

Wem sollte sie reden von Allem, war ihr Herz erfüllte?

^Wet würde jeden ihrer Schritte behüten mit sorgenden Blicken? Wer hatte für sie hinfür immer ein Lächeln, ein thetlnehmende» Verstehen?

Sie waren fchweigend schon lange neben oder hinter­einander gegangen.

Der Weg führte am Gletscher hin, dann über ein kleine» Schneefeld und von da ging'» steil empor, nur noch etwa hundert Schritte.

Sie hatten da» Schneefeld schon überschritten, da ent­deckten sie, daß Paula ein Seidentuch, welche» sie beim Au«- ruhen um die Schultern zu legen pflegte, unterwegs verloren- Es lag drüben, fast am Beginn des eben paffirten Schnee­feldes.

Heinrich kehrte um. Sie wartete und blickte nach dem Gletscher, deffen gewaltige Eismaffen in grünlichem Blau, von der Sonne hell bestrahlt, dicht vor ihr lag.

Auf einmal ertönte ein ganz kurzer Schrei.

Sie fuhr herum und sah ihren Begleiter vor ihren Augen versinken-

Das Alles war wie ein Blitz.

Ihr Angstschrei hallte ringsum wieder.

Heinrich I Heinrich I"

Ohne Besinnen, in wahnsinniger Hast, stürzte sie zurück, der Stelle zu-

War sie au» der Richtung gekommen?

Der Schnee gab plötzlich überall nach sie hatte immer nur das eine Gefühl: Wenn ich auch einfinksn soll, will ich wenigstens bei ihm sein-

Heinrich I Heinrich I" Keine Antwort-

Großer Gott wo wo war er denn hineingesunken? Ihre Augen forschten unstät suchend umher- Da war da» Tuch l E» lag noch dort.

Da« war die Richtung.

Allmächtiger Golt l Wenn er erstickte?

Heinrich! Heinrich!" Alle» still.

Jetzt jetzt brach auch sie ein-

Rein, noch nicht, sie raffte sich wieder empor, sie stürzte weiter.

Run dort!---

Ihre Glieder waten wie Blei,.die Füße trugen sie nicht mehr.

Endlich jetzt war sie ganz nahe.

Und nun was war denn das?

Heinrich! Sr tauchte eine Strecke tiefer auf, über I und über mit Schnee bedeckt, sprang er auf einen Felsblock

beiderseitigen Behagen und reise beruhigt heim!" sagte Hein- i rich Dornegg.

Er schien ihm Mühe zu kosten, den Satz zu beendigen. Er sah auch weder Paula noch ihren Vater an, sondern in eine weite, unbestimmte Ferne.

Aber warum? Warum wollen Sie un» denn »er» lasten, Heinrich?" rief der Präsident-

Weil mein verlängerter Urlaub abläuft; ich habe jetzt auch nicht den leisesten Vorwand mehr, mich meinen Pflichten zu entziehen."

Paula schwieg. Sie gab sich alle Mühe, ihre Bestürzung zu verbergen und fragte sich doch zugleich: Wie kann mich das so erschrecken? Ich hab' e« ja immer gewußt, daß er fort muß.

Ihre Fassungslosigkeit nahm aber noch zu und vergeblich rief sie sich selber zur Ordnung.

Sie mußte plötzlich meinen und damit die Herren nur ihreThorheit" nicht bemerkten, sprang sie auf und lief unter irgend einem Vorwand in'« Hau«.

Dort in ihrem Zimmer konnte sie allein sein, sich auf sich felber besinnen.

Besinnen? Wahrlich! Wochenlang hatte sie sich nicht mit sich beschäftigt. Sonst war ihr Leben fast nur ein Jnstch» hineinblicken ein Zergliedern besten, was ihr fehlte. Und jetzt? Seit wann hatte sie gar nicht mehr an sich gedacht?

Zufällig traf ihr Blick in den Spiegel. Sie stutzte und starrte auf das Bild, das ihr daraus entgegensah.

War sie das? Paula von Reegenhart? Dies junge, blühende Antlitz mit den rothen Wangen und Lippen, mit den leuchtenden Augen?

Sie hatte sich so noch nie gesehen und stand doch jeden Tag nicht blos einmal, sondern öfter vor demselben Spiegel.

Jetzt fiel ihr auch ein, daß sie nie mehr Kopfweh hatte, daß sie jeden Abend beim Schlafengehen sich fchon auf den kommenden Morgen freute.

Und zog der Tag herauf, dann war sie und oft auch ihr Vater schon bereit, mit Heinrich stundenlang Gebirgstouren zu machen, von welchen sie todtmüde oft, aber immer heiter und guter Dinge, zurückkehrten, um den Rest de« Tages ebenso glücklich in der Ruhe, malend, zeichnend, lesend, plaudernd zu beenden.

Welch' glückliche Zeit war das gewesen!

Auch der Vater konnte Heinrich unmöglich entbehren.

Auch? Wer denn noch?

Paula sah vor sich hin und in ihrem Herzen rief es: Was soll aus mir werden, wenn er geht?

- Und dann setzte sie sich nieder und eine Stimme, die bisher so leise sprach, daß sie gar nicht darauf achtete, sagte ihr jetzt mit überzeugender Eindringlichkeit:Du kannst Dir ohne ihn Dein Leben gar nicht mehr denken. Paula, Paula 1 Du liebst ihn!«

Und draußen rief zu gleicher Zeit Heinrich« Stimme: Paula! Paula! Wollen Sie mit zur Annaleklippe, die Alpenrosen blühen dort noch.«

Ja, Heinrich, ja!« rief sie zurück und leise murmelte sie:Gewiß, gewiß, jede Stunde will ich genießen, so lange et noch da ist!"

Sie machte sich vor dem Spiegel zurecht und sah wieder fteudig hinein; ihr eigenes Aussehen wat ihr nie so wichtig gewesen, obwohl sie sich immer gut und sorgfältig kleidete; heute freute sie sich, daß sie so hübsch war- Wer hätte ihr angesehen, daß sie älter als höchstens einundzwanzig?

Dann ging sie hinan«.

Der Vater wollte nicht mit er hatte interessante Zei­tungen von einem der Penfionsgäste bekommen, die la« er jetzt mit brennendem Eifer.

Der Weg wäre für ihn auch zu steil und zu weit, Paula!« sagte Heinrich leise.

So gingen sie. Heinrichs Blicke ruhten ernst sinnend auf ihr. Wie Paula so leicht und behend» dahin schritt! War da» dieselbe Paula, die er vor einigen Monaten in Castells*