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„Well, yes“, entgegnen er, .ich habe drei Hasen verwundet und sie find alle drei gelaufen dort hinüber, wo die Leute stehen, was ste Krankenträger nennen. War machen Sie damit und warum nennen Sie ste so?"
»Ja, sehen Ste, wenn Sie einen Hasen angeschoffen oder verwundet haben, wie fie sagen, so wird er krank, und den Kranken tragen die Leute dort hinten weg. Darum nennen wir fie Krankenträger und der Herr Major Sanität« colonne."
„Yes, aber wohin tragen die Leute sie?"
Ich zuckte die Achseln. »Jedenfallr nicht auf unsre Wagen." »Oh, ich sehe, aber war thun Sie dagegen?" „Wir? Wir versuchen, wenn die Krankenträger uns zu nahe kommen, ihnen eine Portion Hasenschrot auf die Beine zu schießen, aber gewöhnlich kommen sie nicht so nahe-"
„Das ist doch nicht erlaubt?" fragte Mr. Todd. „Warum kommt nicht die Polizei?"
Ich zuckte wieder mit den Achseln. „In einem derartigen Gelände ist die Polizei machtlos, denn die Gesellschaft kennt jeden Schleichweg und verschwindet sofort, sobald ein Polizist erscheint."
Unterdessen war meine Abtheilung vollzählig zusammen» gekommen und wir waren eben im Begriff, in die Weinberge hinaufzusteigen, wo der nächste Trieb stattfinden sollte, als plötzlich Mr. Todd sagte: Oh, ich habe ganz vergessen, ich glaube, ich habe noch einen verwundet. Ich habe gesehen, wie er fich hingelegt hat, wie ich auf ihn geschossen habe, ich werde ihn holen." Und damit stieg er schon über die Felder hinweg, diesmal allerdings vorsichtigerweise mit fertig gemachter Flinte. „Hullo hier liegt er,* rief er plötzlich, „und ganz tobt." Damit bückte er sich, allein Meister Lampe, der sich nur in die Furche gelegt hatte, rutschte ihm unter den Händen hinweg und ging in voller Flucht davon. Zwar hatte Mr. Todd zuerst dem Todtgeglaubten ganz verdutzt nachgeblickt, bann aber hatte er die Flinte gehoben, sorgfältig gezielt und dem Davoneilenden zuerst mit dem rechten und dann mit dem linken Lauf nach allen Regeln der Kunst — gefehlt. Kopfschüttelnd kam er zu uns zurück, die wir mit innigster Befriedigung Zeuge seines Kunststückchens gewesen, da» wohl schon mehr als einer von uns fertig gebracht haben mochte.
„Schade, daß Sie kein Bajonett auf der Flinte gehabt," meinte einer der alten Jäger, „denn dann hätten Sie ihn sicher gekriegt."
Während der nächsten Triebe in den Weinbergen hatte fich der Engländer, obgleich dort das Schießen schwieriger al» auf freiem Felde ist, recht gut eingewöhnt, und jedesmal mehrere Hafen zur Strecke gebracht. Im letzten Trieb vor der großen Frühstückspause war ihm jedoch ein eigenartige« Malheur zugestoßen. Er hatte auf einen zwischen den Weinpfählen hindurch schleichenden Fuchs geschossen und stcher geglaubt, denselben getroffen zu haben. Als sodann abgehuppt worden war, hatte er seine Beute nicht im Stich lassen wollen, sondern hatte, um beim Klettern nicht behindert zu werden, seine mit Eß« und Trinkbarem wohlgefüllte Jagdtasche nebst vier geschossenen Hasen auf seinem Stand zurückgelaffen und war in den Weinberg auf die Suche nach dem Fuchs gestiegen. Natürlich hatte er denselben nicht gefunden, aber ebensowenig die vier Hasen und die Jagdtasche, al» er dieselben von seinem Stande hatte abholen wollen. Dort hatten inzwischen die Krankenträger ihre» Amte» gewaltet, die wie gewöhnlich die abgetriebene« Weinberge nach Kranken abgesucht und da» Depot Mr. Todd» al» gute Beute erklärt hatten.
Wuthschnaubend war er bei uns am geschützten Frühstücksplatz angelangt, wo wir schon tüchtig unter den Vorräthen und dem delicaten warmen Würzwein aufgeräumt hatten.
„Oh, aber ich habe den verd. . . Kerl erwischt, der hat gestohlen meinen bag,* beendete er seinen Bericht. „Er war noch nicht fort fehr weit und ich habe gerufen: Stehen bleiben I Er ist aber nicht geblieben stehen und ich habe ihm geschossen hinten auf seine Hellen Hosen. Und ich habe ihn getroffen gut, denn ich habe gehört deutlich klatschen die Schrotei"
„Wie weit war er denn?" fragte Buddenberg.
„Oh, ich weiß nicht genau; e» wird gewesen sein vielleicht 60 Schritt höchstens!"
„Na, das kann eine nette Geschichte werden," brummte der Major, „wenn der dem Kerl auf 60 Schritt einen guten Schuß Hasenschrot auf da» Hinterleder gebrannt hat, dann find die auch ordentlich ins Fleisch gegangen und wenn er gerade an den Richtigen gekommen ist, so zeigt der uns an und wir kriegen eine schöne Bescheerung. Aber sagen Sie, Mr. Todd, was ist denn aus dem Menschen geworden?"
„Oh, ich weiß nicht genau; er war verschwunden sofort."
»Na, da haben roir’s; der hat stcher eine ordentliche Portion abbekommen. Aber das nutzt jetzt nichts mehr, also sehen Sie lieber mal zu, daß Sie noch etwas zu essen und zu trinken bekommen, Mr. Todd." Von ersterem war allerdings nicht mehr viel vorhanden, dagegen fand sich in einem der mit Filz überzogenen steinernen Krüge noch ein ganz hübscher Rist Würzwein, sodaß der Engländer wenigsten» nach dieser Richtung hin nicht ganz leer aurging.
Rauchend und plaudernd hatten wir uns noch eine Weile ausgeruht und wollten gerade aufbrechen — die Treiber waren schon voraus — als einer der letzteren zurückkam und — Mr. Todds neue Jagdtasche anbrachte, die er vorn im Weinbergweg gesunden habe. Freudig nahm sie ihr Eigen- thümer in Empfang und ging sofort daran, ihren Inhalt zu untersuchen. Da stellte sich denn heraus, daß der Wein gänzlich verschwunden war, ebenso die Eßwaaren zum größten Theile, denn von diesen war nur noch ein mächtiges Butterbrot) mit kaltem Braten vorhanden. Bon dem sonstgen Inhalt fehlte nichts.
„Ra, da» nenne ich mir einen ehrlichen Dieb," meinte der Major, „hat Ihnen sogar noch was zu essen übrig gelassen, damit Sie nicht ganz zu kurz kommen. Na, da setzen sie sich nur wieder hin und frühstücken sie rasch; wir warten so lange auf Sie."
Das ließ sich der Engländer nicht zweimal sagen, sondern nahm sofort mit einem wahren Bärenhunger da» so unerwartet wieder erlangte Frühstück in Angriff. Schon beim zweiten Biffen zog er jedoch ein unwilliges Gesicht, denn er hatte auf etwas hartes gebissen, das fich bei näherer Untersuchung als — ein Schrot herausstellte. Auch im nächsten Bissen fand sich ein solche» und in einem weiteren sogar drei der runden Bleistückchen, — die Sache fing an verdächtig zu werden.
„Wie kommen Schrote hinein in roast-beefP Man schießt doch in diesem Lande nicht die Ochsen auf Treibjagden?" meinte der Erstaunte und blickte uns nach der Reihe fragend an. Niemand wußte eine zutreffende Auskunft, bi» plötzlich unser alter Schöller ausrief:
„Halt, ich hab'«! Kmder, gebt mir mal die Jagdtasche her. So — na ja — da haben rott’« — so’n abgefeimter Spitzbube! Da seht nur 'mal her, hat fich der Kerl roahrhastig den edelsten Theil seine» Körper« mit der gestohlenen Tasche gedeckt, und unser hitziger Freund hier hat in seiner gerechten Entrüstung über die Unverschämtheit der Krankenträger einen ganzen Schuß Hasenschrot seiner eigenen Jagdtasche aufgebrannt ....** Weiter kam der alte Herr nicht in seiner Erklärung, denn seine Stimme ging unter in dem brausenden Sturm jubelnden Gelächter», der bei dieser rounberbaren Entdeckung losbrach und minutenlang jedes weitere Wort verschlang.
„Kein Wunder, daß Sie die Schrote haben klatschen hören," sagte Buddenberg, al» er fich endlich wieder Gehör verschaffen konnte, aber der Kerl kann von Glück sagen, daß er den Schub nicht in'» Fleisch bekommen hat — und wir eigentlich auch," setzte er leiser hinzu.
Dem Engländer aber blieb den ganzen Tag über fein fabelhafter Anlauf treu und die Krankenträger fern — es mochte wohl nicht jeder von ihnen mit einer Jagdtasche versehen sein. Und am Abend hatte Mr. Todd von allen Jagd- theilnehrnern die größte Strecke aufzuweisen, denn dieselbe bestand au» 43 Hasen, 1 Fuchs und 1 Hahn, und als ihn Buddenberg beim Abschied fragte, wie ihm seine erste rheinische Hasenjagd gefallen habe, erwiderte er anerkennend:


