Ausgabe 
19.12.1896
 
Einzelbild herunterladen

594

der alten Gewohnheit geblieben, hatte sie es kaum bemerkt; erst heute ward es ihr klar. Erschöpft lehnte sie sich an einen Baum, dann ging sie weiter. Sie wußte jetzt, daß die Anna doch früher von der Arbeit zurück sein werde, als sie heim sein konnte. Die Tochter würde ungehalten sein über die Mutter jedenfalls. Einerlei, der Brief des Bruder« würde alles gut machen! Nur, daß das Fritzchen nun mög­licherweise länger auf das versprochene Schäfchen warten mußte, macht Botenhanne Kummer.

Da kommt ihr jemand entgegen. Es ist der Forstläufer, der von der Oberförsterei Kukuk kommt er blickt die Alte an, als ob er eine Gespenst sähe.

«Donnerwetter, doch die Botenhanne! Und bei dem Wedel­wetter, wo man keinen Hund herausjagt! Wo kommt Ihr her?"

Die alte berichtet, daß sie dennoch in der Stadt gewesen sei, um einenotwendige Besorgung". Es geschieht fast ein wenig schamhaft. Dann schließt sie bittend: Wenn Sie doch noch einmal ins Dorf herunter müssen, Forstläufer, dann könnten Sie das Schäfchen hier mitnehmen, vom Christkind für das Fritzchen! Die Anna soll das Tannenbäumchen nur anstecken, die Kinder dürfen nicht warten! Ich muß mir Zeit nehmen---ich tauge nichts mehr!"

Um das Ding feit Ihr gegangen? Ihr seid nicht klug! . . . Nichts für ungut, Botenhanne, aber das ist noch schlimmer, als um Mandeln und Rosinen! . . . Doch gebt das Ding, ich wills besorgen! Ich habe eine Bestellung unten zu machen für den Herrn Oberförster, und wollte im Vorbeigehen hier einmal den Futterplatz des Wildes nachsehen. Das arme Vieh hat's jetzt schlimm, swenn man'« vergißt. Hier trinkt mal aus der Jagdflasche, es wärmt!"

Botenhanne that wirklich ei« Schlückchen nnd fühlte auch Wärme und Stärkung. Neu belebt schritt sie weiter bis die Kraft abermals versagte. Sie konnte sich aber nun Zeit nehmen, der Baum würde brennen, und dar Fritzchen hatte sein Schäfchen erhalten. Wie die Weihnachtsglocken aus der Ferne herüberklangen, ward ihr wunderbar friedenvoll und glücklich ums Herz fast träumend schritt sie langsam weiter. Wie hatte sich alles so glücklich gefügt! Der Karl war brav geworden und bekam nun eine Frau, und das Fritzchen hatte sein Schäfchen erhalten. Es war ihr, als ob nach schwerer Tagesarbeit Feierabend geworden sei, und sie ruhen dürfe, nur noch schöner-----------

Unten im Hirtenhause hatte die Tanne mit Anbruch der Dunkelheit gebrannt, nachdem der Forstläufer seine Bestellung gemacht hatte. Die Kinder hätten der Mutter auch schwerlich Ruhe gelassen. Nach dem Abendbrot waren ste zu Bett ge­gangen, weil sie morgen früh mit den neuen Wachsstöcken in die Christmette gehen wollten. Die Anna war ärgerlich auf die Mutter, hatte aber trotzdem einen guten Ctchorienkaffee für ste gekocht. Um sie zu erwarten, duckte sie sich auf'» Sofa und schlief ein, todtmüde von Weihnachtsarbeit und Mühe- Als sie erwachte, rief die Glocke schon zur Frühmette.

Erschrocken trat die Frau an's Fenster, von allen Seiten kamen die Kirchengänger über den knisternden Schnee mit ihren Laternen herbei, auch von der Waldhöhe herab be­wegten sich ein paar Lichtlein. Da plötzlich Getümmel, erregte Stimmen reden durcheinander, sie kommen auf da» Hirtevhaus zu, mit einem Holzschlitten.Um Gotteswillen, was giebt's?"

Wir haben die Botenhanne gefunden, sie ist tobt, er­froren, oder im Wedelwettsr umgekommen," klingt es au« dem Munds der frühen Kirchengänger,jedenfalls maufetodt!"

Die Tochter weinte der Mutter heiße Thränen nach aber die schwere Sorge ums tägliche Brot versteht selbst lie­bende Kindesthränen bald zu trocknen 1 Trauer und Schmerz find auch ein Luxus, wenn man drei Kindermäulchen zu füllen hat! Wenn die Mutter noch lebte, würden es bald vier Esser gewesen sein. Denn Botenhanne war allmählich doch eine schlechte, unbrauchbareSchnellpost" geworden. Darum war

ihr besser und wärmer unter dem kalte» Schnee. Der Karl war noch brav geworden, und das Fritzchen, ihr Liebltna hatte ja sein Schäfchen 1 *

Die Krankenträger.

Eine Jagdgeschichte vom Mittelrhein. Von Fred Vincent.

(Schluß.)

Allein nichts näherte stch der Ecke, an welcher Mr- Todd und ich unsere Stände hatten. Sine ganze Menge Hasen waren allerdings innerhalb des Triebes an uns vorbei gekommen, allein auf so weite Entfernungen, daß ein Schub nicht anzu­bringen gewesen war, denn ste alle flüchteten gleichfalls nach den Weinbergen, welche die meisten durch die sehr weitläufig aufgestellte Schützenkette auch glücklich erreichten.

Fast eine Stunde war bereits auf diese Weise vorüber» gegangen, al« die Treiber den Rücktrieb begannen. Da än­derte stch wie mit einem Schlage das Bild, und nun behielt Buddenberg recht, denn der Engländer hatte einen fabelhaften Anlauf. Fünf Hasen auf einmal kamen wie zu einer Cavallerie» Attake auf seinen Stand los, und Mr. Todd, wie alle Neu­linge, konnte stch nicht enthalten, die Herankommenden mit zwei Schüssen zu empfangen, die natürlich weit hinter den­selben den Schnee aufstäuben machten; er hatte sie einfach Überschüssen. Erstaunt über diese Fehlschüsse vergaß er an­fänglich vollständig da« Wiederladen, sodaß die Hasen die Schützenlinie längst hinter sich hatten, einer davon war durch den Stand selbst hindurchgölaufen, bevor er wieder schußbereit war. Endlich hatte er einen der Flüchtlinge auf's Korn genommen, und obgleich derselbe mindestens sechzig Schritts entfernt war und ich lebhaft herüberrief, nicht zu feuern, gab er dennoch Feuer ab, und mit sichtbarem Erfolg. Der Hase schlenkerte den Hinterlauf, ohne sich indessen in seiner Flucht aufhalten zu lassen.

Und nun erfuhr Mr. Todd, was Krankenträger find. Kaum hatte der Angeschossene die Gegend erreicht, in welcher wir vorhin die dunklen Figuren bemerkt, als urplötzlich un­gefähr ein Dutzend halbwüchsige Burfchen aus Gräben und anderen Verstecken aufsprange», Knüppel durch die Luft sausten, und bevor Lampe sich von dem Schrecken dieses Ueberfallr erholen konnte, war es um ihn geschehen, und die Kranken­träger wieder in ihren Verstecken verschwunden. Sprachlos vor Staunen hatte Mr. Todd dieser kurzen Episode zugeschaut, und darüber sogar das Schußfeld außer Acht gelassen, sodaß er, als er stch wieder herumwandte, mehrere Hasen in schönster Entfernung wahrnahm. Eilfertig riß er die Flinte an den Kopf, zielte sorgfältig und drückte und drückte, allein kein Schuß krachte, «denn er hatte noch nicht wieder geladen, und die Hasen waren längst in Sicherheit, bevor er stch dieser be­trübenden Thatsache bewußt wurde- Ich habe e» nie in meinem Leben mehr bedauert, kein Momentphotograph zu sein, wie in diesem Augenblick, denn der Gestchtsausdruck, mit welchem der Engländer die nicht losgehende Flinte be­trachtete, war geradezu unbezahlbar.

Es war übrigens, als wenn sämmtliche Hasen da« glückliche Entkommen ihrer Stammesgenoffen an dieser Stelle bemerkt hätten, so zahlreich erschienen sie jetzt auf unsrer Ecke, und ich bekam nun selbst alle Hände voll zu thun, so daß ich mich nichtjmehr viel mit meinem Nachbarn beschäftigen konnte. Da» letzte, was ich von ihm sah, war, daß er sich bemühte, die wollene Decke an seine» Beinen loszuwerden, es war ihm offenbar warm geworden, wobei die frisch geladene Flinte seinen Händen entglitt, beide Läufe stch entluden, sodaß die Schrote in meiner nächsten Nachbarschaft einschlugen. Da» aber schien sein letzter Unfall zu sein, denn als bald darauf abgehuppt worden war, brachte er triumphirend drei Hasen und ein Huhn zu mir an den Stand, wo sich meine Abthetlung sammeln sollte.

Nun, Mr. Todd, sind Sie jetzt dahinter gekommen, was wir unter Krankenträger verstehen V" fragte ich ihn lächelnd.