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Nr. 14«
Samstag Herr 19 December
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UnterhüLtungsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).
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Das Schäfchen.
Weihnachtserzählung von Zoö von Reuß.
lSchluß.)
Die Buchstaben tanzten Botenhanne au« Erregung vor den Augen. Das augenblickliche Glücksgefühl wog wirk» lich Jahre des Kummers auf! Also der Fritz wollte hei« rathen? . . . Jnstinctiv ahnte ste, daß es auch für sie heißen werde: »Dein Sohn, Dein Kind nur bis er gefreit, Deine Tochter, Dein Kind auf Lebenszeit!" Nun, es blieb wenigstens schön von ihm, sich vorher der Mutter noch einmal in Dankbarkeit zu erinnern! Das — viele Geld! Wa; ließe sich Alle« dafür kaufen! Sie überlegte, was das Nöthigste sei . . . Die Anna sparte für eine Kuh, anstatt der naschhaften Ziege, an der das Futter vergeudet war. Es war wohl gut, das Geld dazu zurückzulegen? Botenhanne dachte auch an ein schwarzes Kirchenkleid, als Ersatz für das vertragene Brautkleid . . . Unmöglich konnte sie die große Summe allein für sich anwenden I
»Großmutter» das Christkind soll mir ein Schäfchen bringen, ein Schäfchen, ich will keine Pelzmütze!" ließ sich da» Fritzchen plötzlich vernehmen, das al« Liebling und Nesthäkchen, da« augenblickliche Vergeffensein sehr übel nahm. „Ich will ein Schäfchen!"
Großmutters Gedanken kehrten zur Gegenwart zurück. Wie kam ste dazu, mit einem Male an sich, an ein schwarzes Kleid zu denken? Das alte war gut genug, sie im Sarge zu schmücken: der Gatte mußte sie darin im Himmel am ehesten wieder erkennen! Und soviel Geld es war, für die Kuh war es doch nur ein winziger Antheil. Die Ziege lieferte auch ausreichenden Milchbedarf, und Butter brauchte man nicht zu esien! . . - Aber es war Weihnachten heute und das Fritzchen, ihr Enkelsohn, ihr Liebstes auf der Welt, wollte — ein Schäfchen! Er sollte, mußte es erhalten!
Sie überlegte, daß ste mit Dunkelwerden aus der Stadt zurück sein konnte, trotzdem es Mittagszeit war. Die Meile pflegte ste früher immer in anderthalb Stunde zurückzulegen. Die Anna, die sie nicht gehen laffen wollte, um die Mandeln und Rostnen der Frau Oberförsterin, brauchte gar nichts
von der Sache zu erfahren. Wenn ste mit der Dunkelheit von der Arbeit vom Schulzenhofe zurückkehren würde, war Botenhanne au» der Stadt auch wieder da.
Sie schickte die drei Enkelkinder für den Nachmittag zu einer Nachbarin hinüber, und gab jedem ein Stück Christsemmel mit auf den Weg. Dann machte ste stch sofort auf die Wanderung, Philax, al» Wächter, im unverschloffenen Hause zurücklassend.
Es war ein heiteres Wetter, dis zehn Grad Kälte wird man droben auf dem Gebirge bald gewohnt; zwanzig sind schon schlimmer, und doch hatte Botenhanne in jungen Jahren auch dann noch ihre Gänge gemacht. Dazu schlug ihr heute das Herz so warm in der Brust, daß ste für die äußere Temperatur fast unempfindlich war. Stramm wie eine Dreißigerin, machte sie die Meile nach der Stadt wirklich wie ehemals in anderthalb Stunden. Auch der Ankauf de» Schäfchens dauerte nicht lange, am liebsten hätte die Großmutter den ganzen Spielwaarenladen für das Fritzchen mitgenommen! . . . Kaum drei Uhr Nachmittag» trat ste den Heimweg an.
Die Sonne stand bereits tief am Himmel und drohte in ein Meer von Nebel und Dunst zu tauchen. Das heitere Frostwetter des Vormittags war einer feuchtkalten Laftstiö- mung gewichen, bie Botenhanne von Nordwesten her große Schneeflocken in« Gestcht trieb. Trotzdem Berg und Thal bereits vier Wochen lang ins winterliche Leichentuch eingebettet lagen, schüttete der Himmel abermals seine federartigen Gebilde über das Maflengebirge de« Harzes aus, unbekümmert um die ächzenden Tannen, die unter der Schneelast zu brechen drohten. Dennoch schritt Botenhanne unentwegt unter ihnen dahin — immer schneller, weil die Dunkelheit herein zu brechen drohte.
Die alten Knochen stnd mürbe geworden — wirklich! gestand ste selbst ein. Einerlei, ste müssen vorhalten, damit das Fritzchen sein Schäfchen kriegt. Vom Karl werde ich nun nichts mehr haben, wenn er eine Frau hat. Den meisten Spaß hat man von den Kindern, wenn man ste auf den Schoß nehmen kann, wie das Fritzchen! Wenn ich auch nur mal ausruhen könnte! Aber alles — verschneit!
Sie stampfte weiter, eilig, bis das Stampfen ein Schwanken ward. Ja, sie war wirklich alt und schwach geworden; in


