So könnte ich zahlreiche Seschichtchen erzählen von Frauen, dis in ähnlichen Fällen Mangel an echtem weiblichen Taktgefühl und richtiger Herzensbildung erkennen ließen, aber freilich auch von anderen, die in so kritischen Fällen Beweise staunenswerther Geistesgegenwart zeigten. Ich brauchte nur von meiner eigenen Mutter hier zu plaudern, die, al« ich noch in den Kinderschuhen steckte, stets, wenn wir Kinder Besuch halten und mit unseren Spielgefährten in allen Stuben herum» tollten, fich immer erst, wenn etwa« dabei zerbrochen oder sonstwie vernichtet worden war, nach der Ursache erkundigte, ehe gescholten wurde. Wie oft aber habe ich bet anderen Frauen da« Gegenthetl al« Kind erlebt, wenn ich bei meinen Altersgenossen eingeladen war, und die Mütter in ähnlichen Fällen, wenn ich oder ein anderer kindlicher Gast etwas verdorben hatte, in ihrem Unmuth da« eigene Kind ausschalten, da» wohl dann, gastfreundlicher al« die Mutter, die Schuld auf sich nahm und den kleinen Attentäter nicht wenig beschämte.
Und mit der Erzählung einer anderen Geschichte, die weine Frau betrifft, möchte ich meine Plauderei beschließen.
Wir gaben in unserer junge« Ehe eine der ersten kleinen Gesellschaften. Meine Frau war vorher nicht wenig aufgeregt, wieder einmal zeigen zu können, war sie zu leisten vermag. Wie nett und sauber sah aber auch alles aus! Ein halbes Stündchen, bevor die Gäste erwartet wurden, rief mich meine Frau in« Eßzimmer hinein: „Sieh einmal, wie propre alle« aursieht, wie hübsch sich der Läufer ausnimmt auf der Tafel I Den habe ich heute zum ersten Male aufgedeckt! Habe ich den nicht hübsch gestickt? Den habe ich aber auch während unserer Verlobungrzeit gearbeitet! Jeder dieser vielen tausend Stiche ist mit besonderer Liebe ausgeführt. Alle meine Träume von unserem Eheglück habe ich da hineingestickt, und wenn ich an dem Läufer arbeitete, stellte ich mir vor, wie wir eine Gesellschaft geben würde«, wie Du dann die Gäste bei erhobenem Glase willkommen heißen würdest, wie nett sich die Gäste bei un« amüsiren, wie geplaudert, gelacht, gescherzt wird und wie, wenn wir wieder allein find, Du mir dann durch einen Kuß quittirst, daß Du mit mir zufrieden warft!"
Die Gäste kamen, man setzte sich nieder zu einem kleinen Abendessen. Nach dem Mahle wurde Cognac und Liqueur herumgereicht. Da wirft ein kurzfichtiger Gast ein Gläschen mit Liqneur über den Tischläufer, und die grünliche Flüssigkeit ergießt sich über die schönste Blume der gerühmten Handarbeit meiner Frau! Die Gattin des unglücklichen Attentäters war selbst nicht wenig erschreckt über den angerichteten Schaden sie mochte wohl sofort ermessen, daß keine Wäsche im Stande sein würde, den Liqueursaft aus der gestickten Blume heraus- zuwafchen, und ste wollte eben dem Bedauren Ausdruck geben, über die Ungeschicklichkeit ihres Mannes, al« meine Frau ihn liebenswürdig mit dem Bemerken das Wort abschnitt: Aber das hat ja nicht« auf sich, das konnte jedem pafstren! Dann wurde die Unterhaltung schnell und gewandt auf ein andere« Gebiet geleitet, und nur ich vielleicht, der ich wußte, wie meiner Frau der zerbrochene Gegenstand am Herzen lag, konnte ahnen, waZ in ihr vorging, während ste mit größtem Gleichmuth von allen möglichen anderen Dingen sprach, konnte ermessen, welchen Heldenmuth ste bewies, indem sie so ruhigen Gemüthes fich darüber hinwegsetzte, daß ihr ein solcher Schatz verdorben worden war.
Ich glaubte aber auch in diesem außerordentlichen Falle nach Schluß der Gesellschaft die übliche Quittung meiner Zufriedenheit in sehr ausführlicher Weise ausstellen zu müssen. Und noch einen anderen Lohn hatte meine Frau für die Bewährung ihres Tactgefühl«. Jedesmal, wenn der betreffende Läufer — nicht mehr zwar bei einem Gastmahl, sondern wenn wir ganz unter uns find — auf dem Tische liegt, erinnert sie der unauslöschliche Fleck an den Augenblick, wo sie ihre Tapferkeit bewies. So wurde der Fleck zu einem Orden für ste, für den sie wohl gar dem Urheber noch dankbar ist. Und ich zog die Lehre daraus, daß es manchmal wirklich „nichts
640 —
auf fich hat", wenn eine« lieben Gaste mit unseren Sachen ein derartiger Unfall pasfirt.
Vergriffe«.
Nach jahrelangem vergeblichen Arbeiten hatte Peter Mißlich nun endlich für feinen neuesten Roman „Dar schwarze Berhängniß" einen Verleger gefunden und fchwelgte ein paar Wochen lang in Wonne und Erwartung von Gold und Ruhm. Aber er wurde schrecklich enttäuscht; denn sämmtliche Kritiken, welche er über sein Werk zu lesen bekam, riffen dasselbe fürchterlich herunter, sodaß natürlich nicht ein Exemplar davon abgesetzt wurde.
Menschenscheu und mit fich und aller Welt zerfallen, brütete er tagelang in seinem Dachstübchen, bi« er fich endlich doch auftaffte und entschloß, sein Herz seinem Jugendfreunde Fopphauser auszuschütten, der ein äußerst schlauer Mensch war und fich infolge dessen auch längst eine gute Stellung in einem Bankhause erworben hatte.
Fopphauser hörte die Jeremiade seine« unglücklichen Freunde« schweigend an, legte dann beide Beine behaglich auf'« Sopha, schloß die Augen und schien seinem ungeduldigen Besucher bereit« eingeschlafen zu sein, als er plötzlich aufsprang, in ein fröhliches Lachen ausbrach und rief: „Hör' mal, alter Schwede, was kriegst Du denn, wenn die ganze Auflage ab- gesetzt wird?"
„Die ganze Auflage?" stotterte Mißlich. „Tausend Mark bekomme ich da!"
„Topp!" chf der Andere. „Gilt'« einen Korb Seet! Die haft Du in einer Woche!"
„Es gilt!" murmelte der Dichter verwirrt. „Aber Du willst mich wohl blo« foppen?"
„Ah pah!" wehrte fein Freund ab und griff nach dem Hute. „Doch noch Ein«: In Deinem Buche kommt jedenfalls auch eine Heldin vor — jung, blühend, geistreich — nicht wahr? Wie heißt fte denn?"
„Olga Fein!" stammelte Mißlich. „Aber ich begreife nicht —"
„Hast auch nicht nöthig!" lachte der Andere. „Es lebe Olga Fein! — Nun komm'!"--
Am anderen Tage la« alle Welt in fämmtlichen größeren Zeitungen der Stadt folgende fettgedruckte Annonce:
„Gutsbefitzer — mehrfacher Millionär — jung und hübsch, wünscht fich zu verehelichen und sucht auf diesem Wege da« Ideal, welche« er ander« nicht zu finden vermochte. Die Auserwählte feines Herzen« braucht nichts weiter al« jene Eigenschaften zu bsfltzsn, welche Olga Fein in dem Roman „Das schwarze Berhängniß" von Peter Mißlich aufweist. Briefe — Photographie erwünscht — bef. die Exped."
Drei Tage später prangte an allen Buchhandlungen der Anschlag: „Da« schwarze Berhängniß — erste Auflage vollkommen vergriffen — zweite in Vorbereitung," — denn jede Dame — ob jung, ob älter — hatte fich da« Buch gekauft.
VermEchtes.
Ausgeglichen. „Sieh 'mal, da geht Oskar Schulz in'« Wirthshaus, und vor kaum vierzehn Tagen ist erst feine Frau begraben! In so tiefer Trauer!" — „Weshalb nicht? Er trinkt jedenfalls nur dunkle« Bier!"
• e •
Was ein Häkchen werden will. Lieschen bekommt einen Käfer in die Hand, der fich bei der Berührung tobt stellt. „Mama," tönt's aus dem Mündchen der Kleinen, „will das Käferchen auch einen neuen Hut haben, daß es in Ohnmacht fällt—?"
Webaction; N. S-Heyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfiMS-Bucb- und Stcindruckerei (Pietsch & Sch-Yda) in Gießen.


