— 543
besonders hohe Meinung von der Unverbrüchlichkeit Ihrer Versprechungen beizubringen."
„Ich begreife das vollkommen, mein Herr; aber ich kann Ihnen trotzdem keine andere Bürgschaft geben als mein Ehrenwort. Sie mögen ihm immerhin Glauben schenken. Wenn man sich in meiner Lage und in meiner Stimmung befindet, hat man wahrlich kein Interesse mehr daran, sich das Leben durch eine Lüge zu erkaufen. Bezeichnen Sie mir den Ort, wo ich jederzeit sicher sein kann, Sie zu finden, und ich schwöre, daß ich mich an demselben Tage, wo ich jener älteren Verpflichtung ledig geworden bin, dorthin be- begeben werde, um Ihrer Herausforderung Folge zu leisten."
Der Assessor zauderte noch eine kurze Zeit; dann entnahm er seinem Portefeuille eine Visitenkarte und warf sie auf den Tisch.
„Mag es denn darum sein! Ich gestehe offen, daß ich keineswegs mit Sicherheit auf Ihr Erscheinen rechne. Aber wenn Sie es jetzt über sich gewinnen können, mir eine sofortige Genugthuung zu versagen, so würde wohl auch eine öffentliche Beschimpfung nicht den Erfolg haben, Sie vor meine Pistole zwingen. Ich werde also auf Ihr Kommen warten. Lassen Sie mich in Ihrem Interesse hoffen, daß meine Geduld nicht all' zu hart auf die Probe gestellt werde."
Ellesmere nahm die Karte auf und barg sie sorgfältig in seiner Brieftasche. Er hatte dem Gegner, wie es schien, nichts mehr zu sagen. Arnold Fabricius wandte sich zum Gehen. Bevor er die Thür erreicht hatte, aber kehrte er sein Gesicht noch einmal dem Andern zu.
„Sie haben mir bezüglich Ihres Verhaltens gegen meine Schwester sonst keine Erklärung zu geben? — Sie wollen keinen Versuch einer Rechtfertigung unternehmen?"
„Nein! Ich bin unglücklicher Weise nicht dazu im Stande."
„Nun denn: auf Wiedersehen mein Herr — auf baldiges Wiedersehen, wie ich hoffe!"
Als er die teppichbelegte Marmortreppe hinabstieg, war der Assessor keineswegs zufrieden mit der Art, wie er sich seiner Aufgabe, die beleidigte Ehre der Schwester zu rächen, entledigt hatte. Aber er war jetzt durch seine Erklärung gebunden und konnte für den Augenblick nicht« mehr unter- nehmen. Nur in der Stills seine« Herzens legte er sich das Gelöbniß ab, daß es dem Engländer nicht zum zweiten Male gelingen sollte, sich unter einem leeren Vorwande der verdienten Bestrafung zu entziehen.
„War dies wirklich Feigheit," dachte er, ,,fo soll die Frist, die er heute gewonnen hat, wahrhaftig nur eine Galgenfrist sein. Sie werden keinen Grund haben, Mr. Herbert Ellesmere, sich auf unser Wiedersehen zu freuen."
(Fortsetzung folgt.)
„Aber das hat ja nichts auf sich!"
Eine kleine Plauderei für die Frauenwelt.
Von Eugen Jsolani.
------- jNachdruck verboten.!
Wer hätte noch nicht die Worte „Aber das hat ja nichts auf sich 1" mit jenem eigenthümlichen Gemisch von verhaltenem Aerger und Mtßmuth und doch auch liebenswürdigem Gethue von schönen Frauenlippen vernommen, wenn irgendwo ein Gast eine kostbare Vase oder sonst einen werthvollen Gegenstand zerbrach. Die unglückliche Besitzerin des vernichteten Gegenstandes möchte am liebsten den Attentäter zerreißen, sie möchte ihrem Herzen durch einen tüchtigen Wortschwall Luft machen, aber die Höflichkeit gebietet, die Gastfreundschaft verlangt Verstellung; sie muß mit den liebenswürdigsten Worten über da« angerichtete Unglück hinweggehen und flötet nur: „Aber da» hat ja nichts auf sich l"
Der aufmerksame Beobachter fühlt natürlich durch die liebenswürdig erscheinende Kruste hindurch; er merkt, wie sie am liebsten dem Unglücklichen ein „Tölpel!" zurufen möchte, und es ist ja nur zu begreiflich, wenn eine echte, rechte Haus
frau, der jeder einzelne Gegenstand ihres Hauses, ihrer Welt lieb und werth ist, in Zorn geräth, wenn ihr nur da» geringste durch die Ungeschicklichkeit oder Unachtsamkeit eine» Fremden geraubt wird. Jeder noch so kleine Gegenstand hat ja seine Geschichte und ist durch dieselbe ihr ans Herz gewachsen. Da ist eine reizende Cakesbüchse, die ein Verehrer ihr zur Hochzeit spendete, ferner eine werthvolle, echt Meißner Porzellanschale, die für sie den doppelten Werth hat, weil ein berühmter Mann sie einst ihrem Gatten für einen ihm erwiesenen Dienst schenkte, ein Wandteller, den die Kunst der Freundin hervor- gebracht hat, eine Taffe, ganz unscheinbar nur und doch für sie so erinnerungsreich, denn der geliebte Mann trank daraus bei seinem ersten Besuche jm elterlichen Hause. Und selbst bei den Gegenständen, an die sich keine besondere Erinnerung knüpft, ist's ärgerlich, wenn etwas zerbricht, oft sogar sehr ärgerlich für die sorgliche Hausfrau, die da weiß, daß sie das Glas, das in Scherben ging, nun nicht mehr genau so wieder erhält und statt eines Dutzends nur deren elf noch besitzt.
Ohne Zweifel hat es oftmals sehr viel auf sich, wenn etwas zerbrochen wird, und es gehört alle Geistesgegenwart und viel Tactgefühl dazu, trotzdem überzeugend auszurufen: „Aber das hat ja nichts auf sich!", um den ungeschickten Gast nichts von dem Aerger merken und fühlen zu lassen.
Wie selten aber auch besitzt eine Frau diese Geistesgegenwart und Charakterfestigkeit!
Ich könnte hier zahlreiche Geschichten erzählen von Frauen, denen diese liebenswürdigen Eigenschaften mangelten.
Der italienische Tragiker Alfiri, dessen Dlchterstirne lang herabwsllende Locken umrahmten, befand sich einst bei einer Dame zum Besuch. Da pasfirte dem Dichter da» Unglück, mit einer feiner Locken von einem Tischchen, an das er sich lehnte, eine kostbare chinesische Porzellantasse Herabzusegen. Die Frau vom Hause war höchst entrüstet über diesen Unfall und konnte ihrem Unmuth so wenig Zügel anlegen, daß sie in der ersten Auswallung ihres Aerger« dem Dichter zurtes er hätte, da durch dar Fehlen der einen Tasse das ganze Service zerstückelt sei, lieber gleich Alles zerbrechen sollen.
Alfiri erhob sich und warf ohne eine Silbe zu antworten, und ohne eine Miene zu verziehen, alles übrige Porzellangeschirr auf den Boden. Dann plauderte er noch mit der dadurch wieder etwas in« Gleichgewicht gebrachten Dame des Hauses ein Viertelstündchen, und empfahl sich, um nie wieder das Haus jener Dame zu betreten. Diesen Entschluß thetlte er ihr in einem Btllet mir, welche» einem ähnlichen und gleich kostbaren Porzellanservice beilag, das er ihr am anderen Tage übersandte.
Wenn man in dem eben jerzählten Falle vielleicht dem lebhaften Temperament der Italienerin etwa» zu Gute halten darf, so muß leider gesagt werden, daß auch bei uns genug Fälle bekannt geworden find, in denen Frauen bei ähnlichen Gelegenheiten nicht jenen Gleichmuth zu bewahren vermochten, den eine gute Erziehung der gebildeten Frau verlangt.
Bei Frau Commerzienrath X in Berlin W. war große Gesellschaft. Die kostbarsten Toilette«, in denen schöne und minder schöne Franen steckten, waren vertreten. Da reicht ein reich gallonirter Diener das Eis herum, sich eine Weile mit Geschick durch das Schleppengewirr hindurchwindend. Endlich aber übersteht er doch einen dieser Fallstricke, er stolpert, und ein ganzer Kegel Himbeereis, zum Theil schon in der Auflösung begriffen, ergießt sich über eine hellseidene Robe, um von dort auf den Teppich zu gleiten. Da stürzt sich, einer Hyäne ähnlich, die „Dame" des Hauses auf den Diener, ihn mit einer Fluth von Schimpfworten überfchüttend, unter denen „ungeschickter Tölpel" wie ein Kosenamen klingen konnte. Die begossene Dame war liebenswürdig genug, zum Schutze de» gescholtenen Dieners einzutreten, indem sie meinte: „Nun, das hat ja nicht viel auf sich! Ich würde ohnedies das Kleid nicht mehr tragen!" Da aber hatte die Frau Commerzieu- räthin ihre Geistesgegenwart so verloren, daß sie ebenso naiv wie zornig ausrief: „Run ja, Sie! Aber mein guter Smyrna- teppich!"


