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der unglücklichste aller Menschen ist es, der vor Sie hintritt mit dem Bekenntntß, daß er wie ein Ehrloser an Ihrer Tochter und an Ihnen gehandelt hat. Zu derselben Stunde, da man Ihnen diesen Brief übergiebt, erwarten Sie mich ohne Zweifel als Bewerber um Fräulein Erikas Hand. Sie haben ein Recht dazu, und doch kann ich Ihrer Erwartung nicht entsprechen. Ich darf meinen Arm nicht ausstrecken nach dem köstlichsten Glück; ich kann nicht mit einem Schlage die göttlichen und menschlichen Gesetze zer- trümern, die es mir verbieten. Aber ich habe auch nicht den Muth, Ihnen von Angesicht zu Angesicht zu sagen, daß Sie die Thür Ihres Hauses einem Elenden geöffnet, daß Sie Ihr großherziges Vertrauen einem Nichtswürdigen geschenkt haben. Erlaffen Sie es mir, denn an den traurigen Thal« fachen würde durch eine persönliche Besprechung nichts mehr geändert werden können. Ich bin in der verzweifelten Lage einer Menschen, der nichts zu seiner Entschuldigung anzuführen vermag; ich muß die ganze Last Ihres Abscheus und Ihrer Verachtung auf mich nehmen ohne jede Hoffnung, daß Sie jemals dahin gelangen könnten, mir zu verzeihen. Eine wie furchtbare Strafe dies Bewußtsein für mich bedeutet, können Sie nicht ahnen, und ich darf nicht versprechen, es Ihnen zu schildern, denn Sie würden es mit Recht für eine neue Beleidigung halten, wenn ich noch einmal wagen wollte, von meinen Empfinduugen für Ihre Tochter zu reden. So bleibt mir noch die Pflicht, meine verabscheuenswürdigste Persönlichkeit für immer aus Ihrem Gesichtskreis zu entfernen und der Wunsch, daß dadurch in nicht zu ferner Zeit auch mein Name in Ihrem Gedächtniß verlöschen möge?
„Ah, der Erbärmliche!" rieffFabriciu«, und seine armen' blinden Augen sprühten in maßlosem Zorn. „Er zieht sich zurück, ohne daß es ihm auch nur einfiele, einen Grund für seine schändliche Handlungsweise anzugeben. Aber er täuscht sich, wenn er glaubt, daß damit Alles zu Ende sei. Er soll mir Rede stehen. Noch habe ich doch wohl Kraft genug, einen Buben zu züchtigen, der die Ehre meines Hauses zu beschimpfen wagte." -
Er klingelte nach seinem Diener und befahl, ihm Hut und Stock zu bringen. Dann nahm er den Arm des jungen Mannes und sagte:
„Führen Sie mich jetzt nach der Villa Belvedere — aber schnell, denn ich habe keine Zeit zu verlieren."
Er war fast athemlos, und auf seiner hohen Gelehrten- stirn perlte der Schweiß, als sie das Ziel ihre» Weges erreichten. Der Diener mußte die Glocke ziehen, und sobald ihnen von innen geöffnet wurde, verlangte Fabricius in befehlendem Tone, Mr. Herbert Ellesmere zu sprechen. Aber eine unerwartete und völlig niederschmetternde Antwort wurde ihm zu Theil.
„Die englischen Herrschaften sind schon vor zwei Stunden fammt und sonders nach dem Süden abgereist. Die Wärterin meinte, daß sie der kranken Dame wegen nach Nizza gingen. Aber der Entschluß muß sehr plötzlich gekommen sein, denn heute Morgen hieß er noch, daß sie den ganzen Sommer hier zubringen würden."
Langsam und zum Tode ermattet, legte Fabricius den Heimweg nach der Villa Erika zurück. Der Diener mußte ihn bis in sein Arbeitszimmer führen, und dann' sofort mit einer Depesche, die ihm sein Herr in die Feder dictirt hatte, nach dem Telegraphenamt eilen.
„Dazu reichen meine Kräfte freilich nicht mehr aus," murmelte der unglückliche Mann, als er wieder allein war. „Ich muß es einem Jüngeren überlasten, die Strafe zu vollstrecken. Und Gott gebe, daß er ihn findet!"
Es war eine Woche später, als ein hübscher, blondbärtiger Herr, der die Mitte der Zwanzig wohl noch nicht lange überschritten hatte, an den Pförtner des Hotel des Anglais in Nizza herantrat, um tu französischer Sprache zu fragen, ob ein Reisender Namens Herbert Ellesmere in diesem Hause Wohnung genommen habe. Der Gefragte warf einen Blick auf die Fremdentafel und nickte.
„Mr. und Mr». Ellesmere nebst Bedienung — zwei
Salons und drei Schlafzimmer im ersten Stock. Wünschen Sie, bei dem Herrn gemeloet zu werden?"
Aber der blonde junge Mann hatte schon seinen Fuß auf die erste Stufe der Marmortreppe gesetzt.
„Nein, es bedarf besten nicht. Ich melde mich schon selbst."
Er hatte die Zimmernummer an der Tafel gelesen, und unbedenklich klopfte er an die Flügelthür, welche eine dieser Nummern trug. Eine weiche, wohlklingende Männerstimme ließ in englischer Sprache die Aufforderung zum Eintritt ergehen, und höflich erhob sich der Bewohner des Zimmers au» seinem Fauteuil, als er einen unbekannten Besucher vor sich sah.
„Mr. Herbert Ellesmere?" fragte dieser an Stelle bes Grußes, und als der Andere in sichtlichem Erstaunen bejaht hatte, fügte er, ihn mit durchdringendem Blicke messend, hinzu:
„Ich bin der Gerichts - Affestor Arnold Fabricius, und Sie werden über den Zweck meines Besuche» nicht mehr im Unklaren sein, wenn Sie erfahren, daß der Professor Eduard Fabricius mein Vater ist. Ich bin gekommen, Ihnen zu sagen, daß Sie an meiner Schwester wie ein Schurke gehandelt haben, und um für den S himpf, den Sie meiner Familie angethan, Genugthuung von Ihnen zu verlangen."
Weder Bestürzung noch Zorn, nur eine tiefe Traurigkeit zeigte sich auf Herbert Ellesmere» bleichem Gesicht. Ohne mit den Wimpern zu zucken, sah er dem Affestor in die Augen, und mit einer leisen, sanften Stimme erwiderte er:
„Sie verlangen, daß ich mich Ihnen zum Zweikampf stelle, nicht wahr? E» ist in meinem Baterlande nicht Brauch, sich zu duelltren; aber ich bin nichtsdestoweniger bereit, mich den deutschen Sitten zu fügen. Nur daß es gleich jetzt auf der Stelle oder in der allernächsten Zukunft geschehe, dürfen Sie nicht von mir fordern. Sie müssen mir eine Frist gewähren, die aller menschlichen Voraussicht nach nicht sehr lang sein wird, wenn ich auch heute noch nicht im Stande bin, ihre Dauer zu bemessen."
„Das find jämmerliche Ausflüchte, Herr!" brauste Arnold Fabricius auf. „Bekennen Sie sich doch lieber unumwunden zu Ihrer schmachvollen Feigheit, wie Sie sich zu ihrer nichtswürdigen Handlungsweise bekannt haben. Wie hätte ich auch erwarten können, noch einen Funken von Ehre bei Ihnen zu finden!"
Herbert Ellesmere blickte ihm unverwandt in das erregte Antlitz, und in seinen schwermütigen, dunklen Augen war etwas, was den Assessor schon während de« Sprechen« wieder irre machte an seiner verächtlichen Meinung.
„Ich bin nicht feige — wenigsten» nicht, wenn es sich nur darum handelt, meine Brust einer Pistolenkugel preiszugeben. Aber ich darf wohl zu Ihrer Ehre annehmen, Herr Assessor, daß es Ihnen nicht um eine Faxe zu thun ist, sondern daß Sir die rechtschaffene Absicht haben, mich zu tödten. Und gerade, weil ich auf einen solchen Ausgang rechne, muß ich meine Bitte um Gewährung einer kurzen Frist wiederholen. Die Pflicht, Ihnen Genugthuung zu geben, ist nicht die einzige, die ich hier auf Erden noch zu erfüllen habe. Ich muß einer anderen, älteren und heiligeren, den Vorrang einräumen. Aber ich wiederhole, daß es sich dabei nur um einen kurzen Aufschub handeln wird."
Arnold Fabricius hatte sich während seiner Fahrt nach Nizza auf die verschiedenartigsten Möglichkeiten vorbereitet; darauf aber, daß ihm der Gegner eine solche Bedingung stellen könnte, war er doch nicht gefaßt gewesen. Und die ruhig würdevolle Haltung de« Engländers im Verein mit dem unverkennbaren Ausdruck eines tiefe» Schmerze» in seinen Zügen zwang ihm fast wider seinen Willen eine Mäßigung auf, die noch vor einer Viertelstunde gewiß nicht in seiner Absicht gelegen hatte.
„Und was bürgt mir dafür, daß ich Ihrem Worte trauen darf?" fragte er. „Sie werden begreifen, daß alles Vorhergegangene nicht gerade darnach angethan ist, mir eine


