439 -
Hans Justus sah dem Onkel nach, als dieser eiligst das Zimmer verließ. Es war ein häßlicher Blick, den er ihm nachsandte, obwohl der gute Baron Hans Justus jetzt kein Wort des Vorwurfs für die grausame Handlung des Neffen fand, sondern ihm nur hilfbereite Theilnahme erwies. Der junge Mann hatte kein Verständniß für einen solchen Character, den er verächtlich fand. Dieser Mann, der seines Vaters Erbe an sich genommen hatte, mußte ihm weichen, das war einfach genug und vor seiner Moral gerechtfertigt.
Der alte Herr kehrte mit dem Diener zurück, welcher einen verschließbaren Kasten mit allen möglichen Medicamenten, Pflastern, Salben und Heilkräutern, sowie ein Bündel mit weichen Leinenbinden trug.
„So, unser Barbier, der zugleich ein Heilkünstler ist, wird gleich kommen," sagte er, „dies hier ist meine Haus- Apotheke, die in einfachen Fällen treffliche Dienste thut. Leuchte mal, Niclas, es wird nöthig fein, die Wunde tüchtig aurzuwafchen."
„Das ist nicht nöthig, lieber ONkel," wehrte Hans Justus ab, „legen Sie mir nur eine Binde um, dann kann der Pflasterschmierer seine Kunst daran probiren. Ich habe schon mehr Riffe in meinem Leben gehabt als diesen da."
Baron Justus schwieg. Die Ausdrucksweise seines Neffen in Gegenwart des Dieners mißfiel ihm unsäglich. Die Wunde noch einmal untersuchend, wusch er sie mit Carbolwaffer vorsichtig aus und legte dann, so gut es ging, die Binde darum.
„Dein Abendbrod soll Niclas Dir hier serviren," sagte er hierauf, den Arzneikasten sorgsam schließend.
„Ich danke, habe keinen Appetit, lieber Onkel! Niclas kann nachher, wenn der Barbier hier gewesen ist, mal wieder kommen. Im Uebrigen aber brauchen Sie keine Sorge zu haben."
Er schloß die Augen, als ob er schlasen wollte, worauf sich der alte Herr mit dem Diener entfernte.
Der Barbier, welcher sich am liebsten Chirurg nennen hörte, war in solchen Fällen wie hier ganz an seinem Platze. Er legte einen regelrechten Verband an und empfahl die größte Ruhe und Schonung.
„Gefahr ist durchaus nicht vorhanden," sagte er beruhigend zu dem alten Baron gewendet. „In acht bis vierzehn Tagen kann der gnädige Herr wieder mobil sein."
»Ich hoffe er," erwiderte Baron Justus, der den Neffen sobald als möglich nach Amerika zurückzusenden wünschte, und diesen Zwischenfall für sehr ungelegen hielt.
„Ich wollte in den nächsten Tagen eine Jagd-Gesellschaft einladen," setzte er hinzu, „was ich nun doch lieber bis nach Deiner Wiederherstellung verschieben will. Als großer Nimrod wird es Dir
«Nein, nein," unterbrach Hans Justus ihn mit fast ängstlicher Hast, „um meinetwillen soll nichts unterbleiben oder gestört werden. Dadurch würden Sie mich ja zu einem Schwerkranken oder gar zu einem Muttersöhnchen stempeln, lieber Onkel! — Den Schimpf dürfen Sie mir nicht an- thun. Wenn ich auch nicht mitjagen kann, so werde ich doch jedenfalls im Stande sein, die Gesellschaft zu begrüßen."
Der alte Herr nickte freundlich, weil ihm dies nun wieder gefiel und er auch ungern auf die Gesellschaft, hauptsächlich wohl des Notars halber, verzichtet haben würde.
Er ging, während Niclas in der Nähe de» Verwundeten blieb, um stets zu seinen Diensten zu sein.
„Vierzehn Tage, — bah — wie soll ich denn das aushalten," dachte Hans Justus, sich von dem Diener auskleiden lassend, um im Schlaf die Langeweile und die Gedanken zu vergessen, welche sich ungerufen einstellen.
Wie Gespenster drängten sie sich jedoch in seine Seele und ließen ihn nicht los, bis er plötzlich stechende Schmerzen empfand, und die Wunde wie höllisches Feuer brannte. Oder wars die Wunde nicht? — Brannten ihm die Gedanken das Gehirn aus und bohrten sich ihm dann wie glühende Pfeile in die Brust? — Ein traumloser Schlaf, wie ihn die Tobten schlafen, da» war es, was er jetzt ersehnte. Es war
ein unerträglicher Zustand, wie er ihn noch nie empfunden hatte, denn solche Riffe, wie dieser, waren Mher kaum von ihm beachtet worden. Nein, das konnte es nicht sein, — so kamen die Gespenster vielleicht von drüben.
Bah, wenn Joe Catton nicht gekommen wäre, dann hätten diese ihm nichts änhaben können. Und doch stiegen sie jetzt wieder vor ihm auf und wollten sich nicht vertreiben laffen. Sie zerrten ihn aufs Neue übers Weltmeer zurück an jenes Sterbebett, wo ein Vater mit dem Tode rang, der ihm nur Liebe erzeigt, und dessen letzte Bitte auf Erden er nicht erfüllt hatte. In die väterliche Hand hatte er ein feierliches Gelöbniß abgelegt, das er wenige Stunden später, bevor noch der Tode die Augen für immer geschlossen, schon gebrochen hatte.
„Zum Henker damit," murmelte er zähneknirschend. „Ein Jeder ist sich selbst der Nächste, der Alte war nicht mehr bet Sinnen, sonst hätte er das nicht von mir verlangt. Aber daß ich Joe Catton ins Vertrauen zog, war dumm, ste hätte klüger gehandelt. Es ist gut, daß sie ihn dort überwacht, und was ists denn weiter? Er hat» gethan drüben und wird» auch hier thun, meine Hände bleiben rein und das Uebrige wird sie besorgen. Göttliches Weib! — bleib bei mir, auch im Traum — ich schmücke Dich — mit — der Freiherrn—"
Die letzten Worte murmelte er noch unverständlich, dann war er eingeschlafen. In seinen wflden Träumen war Ebba Regina ihm fern wie eine düstere Nebelgestalt, und wa» er auch anstellte, um zu ihr zu gelangen, e» war Alles vergeblich, er fühlte sich gefesselt von fremder Gewalt und ohnmächtig gegen eine Gestalt, die ihm wie sein eigene« Spiegelbild erschien, was ihn mit Furcht und Entsetzen erfüllte.
Als er erwachte, drang ein Lichtstrahl in seine Augen, Niclas, der Diener, stand vor seinem Bett, um nach seinem Begehr zu fragen, da der gnädige Herr ganz laut geschrieen habe.
„Ich werde geträumt haben," sagte Han» Justu« mit einem leichten Schauder, „Du kannst da» Licht hier lassen, und mir etwa» zu trinken geben."
Der Diener gehorchte und verließ dann da» Zimmer.
Han» Justus aber starrte unverwandt in dar Licht, bis ihm die Augen zufielen zu einem tiefen, traumlosen Schlaf.
(Fortsetzung folgt.)
Zwerg-Ehe«.
Von Hans Möbius.
----— (Nachdruck »erbot«.)
Im Mittelalter hielt sich eine jede Familie, welche sich diesen Luxus gestatten durfte, einen Zwerg, dessen Hauptpflichten darin bestanden, so häßlich wie nur irgend möglich auszusehen und mit gleicher Dankbarkeit die Liebkosungen seiner Herrin und die Schläge und Spötteleien der Gäste entgegenzunehmen.
Nie galt eine Hofhaltung ohne einen Zwerg für vollständig. Dieser mußte al» Hofspaßmacher die Gäste durch seine Witze belustigen oder ihren Späßen al» Zielscheibe dienen.
Zu den berühmtesten Zwergen aller Zeiten gehört Richard Gibson, der am Hofe Carls I. von England die Stellung eines Pagen inne hatte. Zahlreiche Geschichten werden von ihm erzählt; wie er bei Tisch in einer Pastete servirt wurde; wie er ein ernste» Duell mit einem türkischen Hahn ausfocht und wie er einen Höfling, der ihn beleidigt hatte, zum Zweikampf herausforderte und seinen Gegner mit seinem Pistol — er soll ein ausgezeichneter Schütze gewesen sein — niederschoß. Ferner erzählt die Chronik, daß er sein kleine», aber männliches Herz einer Mtniaturdame Namens Anny Shephard zu Füßen legte und daß sein königlicher Herr die Hochzeit mit seiner Gegenwart beehrte und der Braut ein kostbare« Geschenk überreichte. Der Hochzeit folgte eine große Festlichkeit


